Seite 258 Issurne u pi Saar⸗Sänger-Bund IIPupreteerenee —reuaarreree Nr. 14
wandte man sich zurück in die fernste Vergangenheit, suchte Volkstümlichkeit das „Volkslied“ zu verordnen ist. Es er—
nach einem echten alten Volkslied und nach einer Mehr- Jebt sich ja sogleich wieder die Frage nach der Echtheit
stinimigkeit, die diesem entspräche. und Unechtheit des Voltsliedes. Es gibt höchst wertlose
In Württemberg war, trotz allem Rationalismus, eine und, unsaubere Volkslieder, und, auch der „alte Stil“ kann
schuchte unverdorbene Vollstümlichteit nach dem neueren, hicht allein kennzeichnend für ihre Güte sein. Auch die
us ebildeen Kreisen konmenden Liede Lrhalten gebtie- Ablösung der homophonen durch eing mehr polyphone Be—
ben, und in Friedrich Silcher, dem Tübinger Univer— arbeitungsart kann nicht als das Alleinheilmittel ange—
fuͤntsmufitdirettor, hatie man 'hier deradezu enen, Klase ehen werden. Man kann in der polhphonen Art genau so
iter des neueten Voltslüedes, bei dem die Kinfachheit auch der noch viel mehr in, Schematismus versinken. Ich
des Sahes fůr vier Suͤmmen nicht bloße Aexinlichteit war“ Ilaube vielmehr, man sollte die Trennung von volkstüm—
In Sicchers Liedern und Bearbeitungen für Männerchor ücher und kunstmäßiger Musikpflege nicht zu weit treiben.
defitzt das deutsche Volt einen Schatz' von zur Kunst ge- Die-Entwidlung der deutschen Musik lehrt uns, daß sie am
bordenei VSoita um Van dem noch Generatonen sich ere besten gedeiht in der Wechselwirkung des Voltfs—
bauen können. Silcher war Musiker durch und durch, er ümlichen und Kunstmäßigen, im gegenseitigen Durch.
hat in Tuͤbingen Mozart uͤnd audere Großmeifter in' den dringen und Befruchten. Und der Stand, der Kultur wird
Vordergrund gestellt. Gerade deshalb konnte es ihm ge— noch immer garantiert durch die Meister die voranstehen und
üngen“solch hohe volkstümliche Werte zu schaffen. Aber die das Allgemeine durch ihre Individualität hindurch—
die Meitergehende Entwiglung der Komposition' für Männer⸗ Jehen lassen, um es geläutert der Allgemeinheit zurückzu—
chor kann' bei Silchers Art' nicht ftehen bleiben. Er ist geben. Aus der wertvollen Aufklärungsschrift „Vom deut—
einmalig und unnachahmlich. schen Musikleben“, Musikverlag Gustas Bosse in Regens
Ich glaube auch nicht, daß dem Männerchorwesen als burg.) Universitätsprofessor Dr. Karl Hasse,
einziges Gegenmittel zuͤr schematisch gewordenen unechten Tübingen.
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Ddas deutsche Thorsängerbuch.
Reine Kritik oder Besprechnng. wohl aber allgemeine Anmerkungen.
—AyFdlichtig beneiden kann man die Sänger an der Saar, in Verbindung mit den Ergebnissen der sonstigen musik—
R daß ihnen ein Büchlein in die Hand gegeben ist, wissenschaftlichen Forschung, ein völlig anderes Urteil über
aus dem sie, in knappster Form natürlich, sich über den das Männerchorwesen zulassen würde, als es bisher üblich
Werdegang des Männerchors, aber auch über grundsöätz— gewesen ist. Schon meine immerhin bescheidene Privat⸗
liche Fragen aus dem Gebiete des alten Chorliedes unter— sammlung berechtigt mich zu dieser Annahme. Wer in der
richten können. Namen, die unseren nicht völlig Uninter— dage wäre, die viel reicheren Schätze des Deutschen Sänger⸗
essierten zwar schon bekannt sein mögen, erhalten Inhalt Bundes-Museums in Nürnberg auszunützen, käme sicher
Das Deutsche Chorsängerbuch, von dem das erste zu noch bedeutsameren Erkenntnissen. Als ich 1919 dem
Heft erschienen ist, bildet eine wertvolle Ergänzung des den Lesern der Schriften des Saar-Sängerbundss nicht unbe.
bisherigen Schrifttums .des Saar⸗-Sänger-Bundes, das ich annten Dr. Storck eine Reihe von Vereinschroniken, die
von seinen Ersterscheinungen an kenne und, da ich die in keiner öffentlichen Bücherei erhältlich zu sein pflegen,
Möglichkeit zu Vergleichen mit dem sonstigen Schrifttum vorlegte, damit er den das Chorgesangswesen behandelnden
habe, außerordentlich hoch einschätze. Abschnitt seiner „Geschichte der Musik“ bei einer Neu⸗
Endlich einmal eine Schrift, die darauf verzichtet, die auflage erweitern möge, war selbst er trotz seiner großen
Sängerfeste als Ausdrucksinhalt der Männergesangsbewe Literaturkenntnis überrascht. Leider starb er bald darauf;
gung aufzufassen und darzustellen, dafür aber Gedanken ein erst nach seinem Tode in einer Musikzeitschrift ver—
herausstellt, die zur Diskussion über den Männerchor sffentlichter Aufsatz, der weitere Arbeiten einleiten sollte,
als Kulturproblem anregen. Die durch den Zweck des zlieb — nicht genug ist das zu bedauern — eine einmalige
Büchleins erzwungene Knappheit des Umfanges hat be— Erscheinung. Wann wird der Mann kommen, der uns mit
greiflicherweise Zusammenziehungen des Stoffes notwendig eineim Werke, wie es uns nottut, beschenkt?
gemacht. (Kapitel „Einführung“. Es kommt hinzu, daß Die Zwiespältigkeit: hie Volksmusik, hie Kunstgesang, war
die große Masse der Saar-Sänger, weil sie einem bestimmt durch die ganzen Zeitverhältnisse gegeben. In Nord— und
umgrenzten Kulturkreise angehören und in besonderem in Süddeufschland hat es in den zurückliegenden Jahrhun—
Maße bodenständig“ sind, den Vorgängen in anderen derten ganz verschiedene Kulturideale gegeben. Der Norden
„Musikprovinzen“ nicht ohne weiteres volles Verständnis zum Beispiel hat das Meistersingertum gar nicht gekannt.
entgegenbringen können. Das soll und kann durchaus kein dier schuf die Reformation eine völlig andere Atmosphäre
Vorwurf sein. Das Büchlein hat seinen ganz besonderen Kantoreien, Schütz, Bach, Händel). Zelter und sein Ein—
Zweck, und ein Neberblick auf das Gesamtgeschehen ist über fluß wird ganz einseitig beurteilt, wenn nicht zugleich die
aus schwer zu erlangen. In dieser Beziehung leistet der Enkwicklung des Liedschaffens während des 18. Jahrhun—
Saar⸗Sänger-Bund aber auch schon durch seine Zeitung derts (Berliner Liederschule) und das Aufs- und Hoch—
außerordentlich viel, man kann sagen, mehr als es sonsi kommen der Singakademien (gemischte Chöre), aber auch
in unseren Sängerprovinzen der Fall ist. des Freimaurertums in Rechnung gestellt wird. In nicht—
Der Verfasser geht von der Frage aus, was der Männer— protestantischen Gegenden wird es durchaus unverständlich
gesang bevorzugen müsse, die Volksmusik oder die ein, daß Friedrich Schneiders „Weltgericht“ oder Spohrs
Kunstmusik. Da stehen wir mitten in einem Zeit— „Letzte Dinge“ und andere Werke der gleichen Geistes—
problem. Schon früher hat es ein solches gegeben, und weil haltung eine förmliche Revolution auf musikalischem Ge—
es keine eindeutige Lösung gab, deshalb trat der Männer— ziete heraufgeführt haben, aus der die junge Liedertafel—
chor, oft während ganzer Jahrzehute, „auf der Stelle“; hewegung ihre stärksten Kräfte zog, die dann, wiederum
kam einfach gar nicht voran (übrigens die gemischte Chor— unter dem Einfluß der herrschenden Zeitverhältnisse, zwi—
musik auch nicht). Eine Geschichte des Chorgesanges be— schen 1880 und 1840 in ein völlig neues Fahrwasser kam
sitzen wir noch nicht, nur Geschichten der einzelnen Orga— und in den vierziger Jahren einen Ausdruck fand, wie er
nisationen. Davon besitzen wir aber, besonders dank der sich nachher in ähnlichem Ausmaß gar nicht mehr hat aus—
Produktivität in den Naächkriegsjahren, eine solche Fülle, wirken können. Es ist nicht nur anzunehmen, sondern es
daß ihr Gesamtinhalt einen Einblick in die Dinge ermög— wird damit gerechnet werden können, daß die durch die
licht, wie ihn früher kein Geschichtsschreiber hat haben nationale Revolution geschaffene Gesamtlage dem Männer—
können. Ohne mit meinem „Bücherreichtum“ protzen zu zgesang wieder ähnliche Aufgaben zuweisen wird wie in
wollen, glaube ich doch hervorheben zu dürfen, daß sich aus den Jahren vor 1848. Die durchaus nicht gering einzu—
den in meinem Besitz befindlichen 89 Hundertiahrchroniken schätzenden Leistungen der Sänger vor und während der
deutscher Männergesangvereine, zu denen reichlich ebenso großen geschichtlichen Ereignisse von 18686 und 1870,71
viele, ost schoön vor Jahrzehnten verfaßte Chroniken von waren zeitlich zu sehr beschränkt, und ihnen folgte nach
Vereinen, die ebenfalls kurz vor der Hundertjahrfeier den vorhandenen Geschichtsquellen eine so große Hilf- und
itehen. kmmen, ein Tafsachenmaferial schöhpfen ließe, das Haltlosiakesit. und infolgedesfson ein so alsgemöiner Stilss—