Full text : 11.1933-1934 (0011)

Nr. 10 IIlst alsphhi Saar⸗Sãnger-Bund
Was aber singen wir? In erster Linie natürlich das
Volkslied, das Lied, das im Volke wurzelt, im Volke lebt
und im Voltke wächst. Das Lied, das für jede Gelegenheit
den passenden Ausdruck findet. Kennt Ihr überhaupt die
Vielseitigkeit des Volksliedes? Es ist selbstverständ—
lich: Im Mittelpunkt stehen die Lieder der neuen Zeit,
der Zeit, die uns alle innerlich aufwühlte, alle bewegte,
alle mitriß, die Lieder, deren Werbekraft die meisten erst
singen gelehrt hat, die alten und neuen Lieder der er—
wachten Nation. Zahlreiche neue Lieder sind da entstanden,
alte sind umgedichtet, andere wieder neu hervorgeholt wor—
den, denn solange es ein deutsches Volkslied gibt, solange
gibt es ein natsonales Volkslied. Einzelne Etappen
bezeichnen den Weg dieses eigentlich nationalen Liedes;
Das 16. Jahrhundert („Frisch auf in Gottes Namen, du
werte deutsche Nation“, „Sichres Teutschland, schläfst du
noch“, „Wach auf, du deutsches Land“), das Friderizia—
nische Zeitalter, die Befreiungskriege, die Zeit der fran—
zösischen Rheinlandgelüste (Wacht am Rhein) und die neueste
Zeit, Epochen, in denen das deutsche Volk seiner Zu—
sammengehörigkeit sich bewußt wurde, in denen es aus
zeitweiligen Irrungen wieder zu sich selbst fand.
Viele unter den neuen Liedern sind Kampflieder und
als solche Zwecklieder. Es bleibt abzuwarten, welche sich
halten werden. Die größere Anzahl — ich nenne neben
dem Horst-Wessellied nur eins, „Volk ans Gewehr“ — ist
bereits in die Schatztruhen des Volksliedes eingegangen.
Zahlreiche neue Liederbücher sind wie Pilze aus der Erde
geschossen; ein Verlag nannte vor kurzem nicht weniger als
2001 vViele davon sind mit mehr Begeisterung als musi—
kalischer Sachkenntnis redigiert, viele leider — wie könnte
es auch anders sein! — in mehr oder weniger geschäfts—
tüchtiger Ausnutzung der Konjunktur.
Aber mit dem Singen wächst auch die kritische Auslese.
Mit der Lust am Singen jedoch wächst die Lust am Singen
des Volksliedes überhaupt. Viele der neuen Liederbücher
enthalten bereits neben den Liedern der Zeit alte
Landsknechtslieder, Soldaten-, Marsch-und
Fahrtenlieder, eine Gattung, bei der jedes Jungen—
herz nicht minder in Begeisterung schlägt als bei den
Liedern der nationalen Erhebung. Für dieses Lied zu
werben, ist fast ebensowenig notwendig wie für das nativ—
nale Lied, es trägt seine Werbekraft in sich selber.
Die Liebe zur Heimat, zur umgebenden Natur ist dem
Deutschen angeboren. Wer es nicht glaubt, der frage das
Volkslied. Bie zahlreichen Heimat- und Natur—
lbieder werden es bestätigen. Aber auch jugendlicher
Frohsinn, die Lust am Scherzen und Lachen, an Spiel
ünd Tanz, findet gebührenden Ausdruck im Volkslied.

Aghll Seite 231

Minne und Liebe könnte man über die Pforte zu
einem der weitesten Säle im riesigen Schatzkammergebäude
des Volksliedes als Inschrift seßen. Böse Zungen be—
haupten zwar, unter dieser Inschrift hinge ein Warnungs—
child „Für Jugendliche verboten“. Aber wir wollen das
Schild getrost herumdrehen und gern und oft die Schwelle
zu diesem gleißenden Saal betreten.
Zu allen Gelegenheiten sang das Volk. Es wäre ein
Wunder, wenn nicht das wie Empfinden im Liede des
Bolkes der Gottsucher seinen Ausdruck fände. Sollte das
zeistliche Lied, nachdem durch die nationale Erhebung
auch dem religiösen Leben Befruchtung erwachsen, für die
Jugend unwert und unnütz sein? Namentlich für die reli—
zjiösen Feste, Weihnachten, Ostern usw. Feste, die
rotz der Verwurzelung im Religiösen selbst der Ungläubige
ticht missen möchte, ist der Schatz der Volkslieder un—
erschöpflich. Wenn manches Weihnachtslied dem Jungen zu
veich und rührselig sein sollte, sucht Euch die andern, die
ungenhafter sind. Auch sie fehlen nicht.
Wie sollen wir singen? Zunächst einstimmig. Aber
nicht wie der Schnabel gewachsen ist. Denn manchem ist er

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Lieder auf der Rast im Fort Spitzberg (Jugendherberge) bei Silber
berg im Eulenagebirge. phot. Günter Melhorn, Peterswaldau, Eulengebirge

schritt; und die ahnungsvolle Gewißheit, daß die Kleine
auch ihm gut werden müsse, schwellte seine Brust, daß er
hätte mögen laut aufjubeln, hell hinausjauchzen in die
sonnige, wonnige Herbstluft!
Und warum sollte er nicht? Hatte er nicht seine ge—
liebte Trompete im Arm? Warum sollte er nicht durch
ihren metallnen Mund den Jubel, das Glück, all die Freude
und Seligkeit, die sein Herz erfüllte, hinausschmettern?
Schülzle war berühmt als Trompeter, und in der Tat war
er ein wackerer Bläser; was ihm aber seine Trompete so
wert machte, das war nicht der Ruhm, den sie ihm ein—
brachte. Es war sonderbar, und Schülzle hatte dafür weder
eine Erklärung, noch ein Verständnis — vor den Leuten,
im vollen Chor, blieb sein Instrument ein eigensinniges,
unbegreifliches Ding, mit dem er wenig anzufangen wußte;
wie ihn auch die Leute bewundern und loben mochten, er
selbst wußte sehr gut, das, was sie entzückte, das war ja
gar kein rechtes Blasen, und der Ton besonders ärgerte ihn
klang der doch wie Blechgeklapper! Nur selten, in ein—
samen, stillen Abendstunden, wenn eine Empfindung —
Lust oder Leid — besonders stark sein Herz erfüllte, wenn
es ihn drängte, nach der Trompete zu greifen, dann ward
ihm selbst sein Blasen zur Freude. An seinen Lippen schien
sich das tote Metall zu beleben, mit seinem Hauch und
seiner Lebenswärme auch seine Seele in dasselbe überzu—
gehen. Da gelangen ihm Töne und Weisen, über die er
selbst erstauute, die ihn anmuteten fast wie wunderbare,
überirdische Klänge. — Aber wenn er dann müde die
Trompete aus der Hand legte, dann war der Zauber ver—
schwunden. Wie er sich auch zu andern Zeiten mühte und
blagte. keiner von jenen süßken Klängen. die ihn in der

Dine entzückt, gelang ihm, die Trompete blieb ein totes
ech.
Wie nun? Wird sie ihm heute gehorchen? Wird es ihm
gelingen, mit dem inneren Feuer das kalte Metall zu er—
wärmen?
Prüfend setzte er das Instrument an die Lippen, — und
er hätte aufjauchzen mögen! War die Trompete wirklich
nehr als ein totes Erz? War wirklich etwas von seinem
Bemüt, von seiner Seele in sie belebend übergegangen?
Oder stand sie sonst in geheimnisvollem Wechselspiel mit
einem Innern? Schon der erste Ton, der wie von selbst
zervorquoll, so weich und doch so kräftig, so voll und, so
ilockenrein, sagte ihm, daß ihm heute alles möglich sei,
daß er sich selbst übertreffen werde. Sinnige Volksweisen,
die er so sehr liebte, durfte er freilich jetzt nicht annß
timmen, doch machte ihm das wenig Kummer; waren doch
zie übermütigen, uralten Kirmesstücke recht wie geschaffen
ür seinen inneren Jubel. Ohne sich um seine Kameraden
zu kümmern, setzte er ein. Fast erschrocken über diese
vunderbaren Töne, die ganz unvermutet so glockenhell und
soldrein daherperlten, bald wie zuckende Bliße in die Höhe
chmetterten, bald wieder weich und mild wie füßer Ge—
ang sich in die Seele schmeichelten, fast erschrocken fuhren
die Kameraden nach ihm herum. Aber sie fanden nicht
Zeit zum Staunen und Fragen, die Macht der ihnen völlig
seuen Töne überwältigte sie wohl im ersten Augenblick,
dann aber regte der hervorsprudelnde, übermütigste Jubel,
diese sieghafte Fröhlichkeit verwandte Empfindungen in
hnen an. Rauschend fielen sie zur Begleitung ein, rau—
schend und doch unwillkürlich gedämpft, den Gesang der
Trompete nicht zu verdecken
            
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