Full text : 11.1933-1934 (0011)

Monatitsschrift
Aeber Zoo Vereine mit Aber 30000 Mitgliedern. Herausgegeben im Auftrage des Bundes —2
won Stadtschulrat Dr. h. e. Haus Bongard und Nektor Walther Stein, Saarbrücken. B
Druch und Verlag der Buch⸗ und Kunftoruckerei Bebr. Hofer A⸗G., Saarbrücken. —*
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anuar 1034

Die Singgemeinschaft der Jugenodͤlichen.

Die Zulunft habt ihr, ihr habt das Vaterland,
Ihr habt der Jugend Herzen, Erzieher, in der Hand.
Was ihr dem lockeren Grund einpflanzt, wird Wurzel schlagen,
Was ihr dem zarten Zweig einimpft, wird Früchte tragen.
Bedenkt, daß sie zum Heil des Volks das werden sollen,
Was wir geworden nicht, und haben werden wollen.

WMit ernster Eindringlichkeit weist das köstliche Wort
AWFriedrich Rückerts den großen Einfluß auf, der
dem Jugend-Erzieher in die Hand gegeben ist,
deutet anderseits aber auch die schwere Verantwortung
an, die mit der Tätigkeit des Jugenderziehers ver—
knüpft, durch sie bedingt ist. „Jugenderzieher“ — das
sind nicht nur die, welche Erziehung und Belehrung
der Jugend als amtlichen, bezahlten Beruf ausüben,
Jugenderzieher sind alle Erwachsene, die durch ge—
wissenhaftes Vorleben die Jugend zum Nachtun an—
regen. In diesem Sinne hat die Deutsche Sänger—
schaft die Verpflichtung, Musik-Erzieher in weitestem
Sinne zu sein, indem sie als berufene Trägerin
unserer Volks-Musikkultur mit der Pflege künst—
lerisch einwandfreier Chorliteratur der Jugend ein
anreizendes Beispiel gibt. Die Vergangenheit hat
gezeigt, daß unsere Jugend dem Chorgesang und
der Singtätigkeit überhaupt immer mehr entfremdet
wurde. Wir kennen die Gründe und haben schon
immer auf sie hingewiesen: Die einseitige Bevor—
zugung des Sportes und — damit verbunden — die
Auswüchse des Rekordfimmels, Radio und mechanische
Musik, sowie der bewußt auf Zersetzung hinzielende
Schlager- und Jazz-Kult in den hinter uns liegenden
Jahren haben das Chorwesen in seinem Lebensnerv
— in seinem Nachwuchs — getroffen. Freimütig aber
wollen wir bekennen, daß auch die Sängerschaft selbsi
von Schuld und Fehle nicht ganz frei zu sprechen ist.
Weniger in der reservierten Kühle älterer „verdienter“
Vereins- oder Vorstands„größen“ den jugendlichen
Sänger-Mitgliedern gegenüber, als vielmehr in der
Vernachlässigung der werbenden Arbeit bei der Jugend
überhaupt erblicke ich die Ursache für den mangelnden
Chornachwuchs. Wer die Jugend hat, der hat
die Zukunft! Wenn wir in dieser Beziehung doch
vom Sport lernen wollten!
Dem Sportwesen hat man einen festen Platz in dem
Bildungsplan der Jugend gesichert! Jeder Sport—
verein hat seine Jugendgruppe, die sorgsam betreut
wird. Die meisten dieser so Betreuten sind dem Verein
auch als Erwachsene und damit dem Sportwesen —
gesichert. Wie steht es aher mit der Musik. mit dem

Gesang? Da klafft zwischen der Schulzeit und der
Zeit, in welcher der junge Mensch für den Chorgesang
reif ist, eine gefahrvolle Lücke. Hoffentlich gehört die
betrübliche Tatsache, daß an Berufsschulen, die das
eben gekennzeichnete Jugendalter betreuen, die Ge—
sangsunterweisung entweder ein sieches Scheindasein
führt oder gänzlich im Schulplan fehlt, bald der Ver—
gangenheit An. Es darf auch nicht mehr vorkommem,
daß an höheren Fachschulen, an technischen Lehrerinnen—
Seminaren, die „freiwillige“ (2) Gesangstunde wegen
Mangel an Beteiligung aufgehoben werden muß. Doch
hrauchen wir uns hier mit der Aufgabe des Schul—
musikers nicht zu befassen; die wird in den kommenden
Erziehungsplänen ihren klaren Umriß erhalten. Uns
bewegt vielmehr die musikalische Betreuung der schul—
entlassenen Jugend, wie sie in den verschiedenen
Jugendgruppen und Bünden, im B.D.M. und in der
hitlerjugend, organisiert ist, oder außerhalb einer Orga—
nisation steht. Bis in die letzte Zeit hinein lagen hier
die Dinge doch so, daß dem an sich musikfreudigen
jungen Menschen in der gefahrvollen, an Neu⸗-Ein—
drücken, Erlebnissen und Wandlungen so reichen Ent—
vicklungszeit keinerlei musikalische Anregung und Be—
sehrung zuteil ward. Ist es da verwunderlich, wenn
die Jugend ihren Musikhunger am seichten und
schmutzigen Schlager stillte? Es wäre eine unentschuld—
bare Versäumnis der verantwortlich Berufenen, wollten
sie dem Zustand der musikalischen Verelendung der
Jugend weiterhin tatenlos zuschauen. Zwei schwer—
wiegende Gründe sind es, die uns Musikerzieher ver—
anlassen müssen, die Musikerziehung unserer Jugend
sichen in die Hand zu nehmen.
Unsere Zeit ist eine Zeit der Jugend!
Unsere nätionale Erhebung ist mit Jugendkraft und
aus ihr heraus geboren. Die Jugend hat die politische
Führung in die Hand genommen und den Gedanken
einer völkischen Einheit mit einem unerhörten Schwung
oorwärts getrieben. Sie sucht in der Schaffung einer
bindenden Volksgemeinschaft ihr vornehmstes Ziel.
Wahrer Kameradschaftsgeist, Zusammengehörigkeitsge—
fühl, starkes Füreinanderstehen, willige Einordnung in
das Ganze und freudige Unterordnung des einzelnen
unter einen Führerwillen sind die bindenden Kräfte
der neuen Volkseinheit. Welches Erziehungsmittel wäre
nun besser geeignet, diese Erziehungsfrüchte zu zei—
tigen, als die volkstümlichste aller Künste, die Musik,
der gemeinsame Liedaesang? Sucht man Beweise für
            
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