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Aus der Mulikwehlt.
Der Tag des neuen deutschen Liedes in Leverkusen.
Veranstaltet von der Bezirksgruppe Solingen im Rheinischen
und Deutschen Sängerbund.
Es war eine mutige und schön gelungene chorische
Tagung, die die Bezirksgruppe Solingen in Leverkusen auf—
gezogen hatte, ein Einbruch in musikalisches Neuland,
wenn auch nicht zu erwarten war, Genies zu entdecken
und Werke mit dem Stempel ewiger Geltung herausstellen
zu können. Man wollte den Vereinen Gelegenheit geben,
sich an der neueren Liedkunst zu versuchen und damit viel—
leicht das eine oder andere Stück für die Konzerttätigkeit
zu gewinnen.
Wäre solch Tun vor einigen Jahren noch möglich ge—
wesen? Kaum. Man sieht daraus, wie der deutsche Männer—
chor durch unermüdliche Pionierarbeit künstlerisch bewußter
Vorkämpfer in Klang und Wort vorwärtsgekommen ist. Er
will heraus aus den Engen einer mißverstandenen Tradi-—
tion, aus den Meinungsfesseln nur gesellschaftlicher Ge—
bundenheit, aus den Verflachungen billiger Liedertafeleien
und sucht Anschluß an das neue Musikwerden, das immer
und immer einem ungeschriebenen, der Schöpfungsseele
innewohnenden Gesetz gemäß am Werke ist. Zwar trugen
nicht alle 36 Werke der 28 größtenteils lebenden Tonsetßer
das Zeichen des Treffers, doch traten bei manchen neu—
vokale Prinzipien zutage, die als Ablösung der stilermü—
deten und abgenutzten Homophonie von gestern die leben—
dige Form madrigaler Geistigkeit zur Debatte stellten und
über Problematisches hinaus sicherlich eine Bereicherung
der Chorliteratur bedeuten dürften.
Die Vormittagsstunden der Tagung galten zunächst einer
Ehrenpflicht. Nicht Sängerjubilare wurden gefeiert, zwei
große Meister der deutschen Musik und Künder debt deutschen
Seele fanden durch Wort und Werk eine schöne Würdigung:
Wagner und Brahms. Des Norddeutschen Altrhapsodie
(Max Beschle) erklang in innerlicher Abstimmung, Wagner⸗
sches Tongut — darunter der Wach-auf-Chor für — Männer—
chor?2272 — sollte man in Zukunft nur berufenen Kräften
überlassen. Der charaktervolle „Festliche Hymnus“ von
Siegl leitete die Feierstunde ein. Dr. Caspari fand warme
und sachlich kluge Worte für die Stellung der beiden Ton—
helden in der deutschen Musik.
Aus der großen Zahl der Werke des Gemeinschaftssingens
kann nur Bemerkenswertes aufgezeigt werden. Der greise
Othegraven erwies sich mit madrigalen Satzformen (, Lob
Ein schwüler Blick, den der Bursche verstohlen auf ihn
richtete, sagte ihm, daß er verstanden. Aber eben dieser
Blick traf den guten Alten mitten ins Herz und fachte die
Liebe zu Flammen an. Tief rührte ihn der Kummer seines
Lieblings; das Mitleid über den Jammer, der dem Sohn
seines Freundes drohte, überwog seinen Zorn. Er konnte
sich nicht halten; als man sich zum Beginn der Arbeit
rüstete, trat er noch einmal zu dem Jüngling und flüsterte
ihm zu: „Paule, bedenk', was du tust! Noch ist's nicht zu
spät; kehr' um!“
„Laßt mich in Ruhe!“ war die unmutige, unartige
Antwort.
„Ich werde dich nimmer stören!“ entgegnete der Dicke
tiefgekränkt, „meinetwegen tu, was du magst!“
Die Nacht war hereingebrochen. Am Himmel funkelten
in ruhiger Klarheit die Sterne, und im Tanzboden ent—
zündete der Wirt einige wenige kümmerliche Talgkerzen,
deren Licht gerade hinreichte, die Finsternis in eine graue
Dämmerung zu wandeln. Der Natur selbst schien die Oede
des völlig leeren, viereckigen, weißgetünchten Raumes un—
erträglich gewesen zu sein; denn mit einem wunderbaren
Schmuck hatte sie die kahlen Wände, die zum Teil ihres
Kalkbewurfes beraubte Decke verziert: Unzählige Eiskristalle
schimmerten und blitzten im Kerzenlicht wie Diamanten.
Diese Herrlichkeit machte jedoch den Musikanten wenig
Freude. Pustend und schnaubend betraten sie den Tanz—
boden; heftig sich schüttelnd und stampfend — der Atem
umhüllte als dichter Nebel den Sprecher — meinte der
Hansaden: „Pruh! Donnerwetter! Das ist ja 'ne wahre
Eisgrube! Da kann man was aushalten!“ 22
„Element noch einmal!“ meinte der Wasserfuchs, und
schlug die Arme heftig übereinander, „was vorliegt, wird
gemacht, aber von solcher Hundskälte steht nichts in der
ee Das halte der Geier aus, meine Füße sind schon
wie Eis!“
„Kriecht 'nein ins Orchester!“ beschwichtigte der Wirt
eifrig, „'s ist über dem Stall, da wird Euch kein Fuß kalt!
Und da ist ein Gießer Bier für den Anfang, der kostet
nichts! Trinkt! 's Bier ist für alles gut, auch für die Kälte!“
Besonders der Biergießer wirkte beruhigend auf die
Bemüter. Wenn auch noch brummend, doch ohne Groll
krochen die Musikanten, einer nach dem andern, in das
doch, welches mit dem stolzen Namen eines Orchesters be—
ehrt wurde. Um in dem engen Gelaß den Raum für die
Tänzer nicht noch mehr zu beschränken, hatte man eine
Wand durchgebrochen, und daurch Bretterverschläge eine
Art Hühnerstall nach außen abgegrenzt, der, nach dem
Tanzlokal zu offen und mit einer Brüstung versehen, den
Musikanten zum Aufenthalt dienen mußte Sie befanden
ich also eigentlich außerhalb des Tanzbodens in einer
Bretterhöhle, die aber bloß vom Tanzplatz zugänglich und
o niedrig war, daß die Männer nur sitzend darin Platz
randen. Um die Aufstellung des Basses zu ermöglichen,
vard ein viereckiges Loch in die Decke der Bretterhöhle ge—
ägt, durch welches Hanshenner die Schnecke und das Wirbel⸗
saus steckte. Dieses Hineinragen des Basses in eine höhere
Region hatte aber auch seine Unzuträglichkeiten, denn wenn
der Baß gestimmt werden sollte, mußte das Ungetüm erst
auf den Boden gelegt werden, um zu den Wirbeln ge—
langen zu können die sich für gewöhntlich droben in der