Full text : 11.1933-1934 (0011)

Seite 160 II »illhh Saar⸗Sänger-Bund' »usshhl Nr. 7
Musik als Lebensform der Schulgemeinschaft.

n einem Stück ist die deutsche Volksschule, ebenso aber
J auch die höhere Schule, nach dem Weltkriege wesentlich
verwandelt wöorden: in ihrer Einstellung zur Musik. Sieht
man dovon ab, daß nach dem Gesetz der Generationen jede
Reform ein volles Menschenalter braucht, um durchzudrin—
gen, so ist sicherlich auf dem Gebiete des Musikunterrichts
eine Aenderung am ehesten schon heute festzustellen. Man
spricht in allen neueren Schriften nicht mehr von der
Musik als einem Unterrichtsfach, sondern von ihr als einer
„Lebenssphäre“ innerhalb der Schule. Sie wird als ein
echtes Stück des Zusammenlebens in einer
Schulgemeinde gewürdigt und aus diesem Geiste heraus
auch gepflegt. Darin kommt zum Ausdruck, daß Musilt
in allen ihren Formen nicht etwas ist und sein soll, das
dem Schulleben und dem eigentlichen Unterrichtsbetriebe
hinzugefügt wird, nein, sie ist notwendig, damit sich ein
ente Zusammenleben von Menschen er—
füllen kann. Site gehört zum Menschen und zu
aller wahren Menschengemeinschaft. Diese ist
unvollständig ohne Musik und ohne all das, was diese an
verbindender, befreiender und erhebender Macht auszu—
üben, zu lösen und zu schenken vermag. Das alles heißt
aber, sie ist eine erziehen de Macht allerersten
Ranges. Und da alle neuen Schulen mit der Forderung
der Erziehungsschule Ernst machen, so ist es auch darum
—0
zu spielen.
Unzählige Schulen beginnen jeden Tag, manche Lehrer
jede Stunde mit einem Liedvers, einem Kanon oder der—

gleichen; neben der regelmäßigen Singstunde und dem
Schulchor stehen Orchester der verschiedensten Art. Und
alles dient unmittelbar dem Tage, seiner Arbeit und seiner
Feierstunde, um anzuschwellen zu den großen Festen im
ZSommer, zur Weihnacht, zur Fastnacht. Ehemalige Schü—
er und Eltern wirken gern im gemischten Chor oder im
Orchester mit und stellen damit die Schulgemeinde leben—
diger dar. Es gehört mit zu dem Allerschönsten, was
die ältere Jugendbewegung und durch sie angeregt andere
sreise an herrlichem neuen Liedgut und Inftrumenten in
die Schule gebracht haben. Es sind wohl wenig Schul—
hücher so von Grund auf verändert worden als die Lieder—
hücher; man vergleiche die heute in den Schulen empfoh
lenen mit denen von 1910, gar 1900!
Mit dem allen ist ja nun aber schönste deutsche Schul—
überlieferung wieder gufgenommen; denn so war es bis
in den Anfang des 17. Jahrhunderts. Der dreißigjährige
RKrieg hat n hier schönstes Kulturgut zerstört. Bei der
Jproßen musikalischen Begabung unseres Volkes, besonders
nancher deutscher Stämme, werden wir somit sicherlich
einer neuen Blüte des deutschen Liedes und der deutschen
Musik entgegengehen, die sich würdig wird neben der
aneuen Architektur sehen lassen können. Und wie diese sich
als „deutsche Baukunst“ die Welt erobert hat, so wird die
deutsche Musik ihrer bisherigen Geschichte neue Seiten
voller Ehren anfügen.

Dr. Peter Petersen.
Jena.

UÜnsfsere P

äläldKagogen.

Much in der vorliegenden Nummer unserer Bundes⸗—
DB zeitschrift haben wieder einige zeitgenössische
Paagogen das Wort zum Problem der Musikerziehung
ergriffen.

künstlich aufgespaltenen „Fächerung“ dem Kinde wirkliche
Lebensausschnitte mit all ihrer natürlichen Verflochtenheit
oergegenwärtigen will, spricht sich Wilhelm Albert in seiner
„Grundlegung des Gesamtunterrichtes“, Schul—
wissenschaftlicher Verlag A. Haase, Wien und Leipzig,
aus. Erschöpfend sind hier alle hierauf abzielenden
pädagogischen Bestrebungen von den Tagen des Comenius
an bis zur Gegenwart zusammenfassend aus reicher Lite—
raturkenntnis heraus historisch aufgerollt und sach- und
fachkundig erläutert und begründet. Wir können selbstver—
ständlich hier in diesem weiten Rahmen die Schulmänner
und pädagogisch Interessierten in unsern Kreisen nur auf
das für die Steigerung volkserzieherischer Einsicht überaus
bedeutsame Schrifttum hinweisen. Es geschieht aber in der
Hoffnung, daß recht viele diese Wegweisung zu wahren
Fundgruben pädagogischer Bereicherung und zu lebendigen
Anregungen für die Lehrpraxis benuützen werden. Denn
Albert hat stets aus dem ihm täglich neu sprudelnden Born
der Praxis geschöpft. Man wird des bewußt, wenn man
sich einmal liebevoll in sein prosaisch scheinendes Buch ver—
tieft Rechnen im Rahmen geschlossener Ar—
beit und dessen zweiten Teil Jenseits der Fäche—
rung, beide im Verlag der Franke'schen Buchhandlung,
Habelschwerdt. Sie wollen denen etwas sagen, die eigene
Wege zu gehen gewohnt sind, nicht abgetretene, ausge—
ahrene, auf denen jeder Handwerksbursche und Schuster—
unge walzt, Pfade, die oft kreuz und quer gehen. Ganz
m Sinne des Gesamtunterrichts führt die Wanderung in
Lerkettung aller Fächer unter ein gemeinsames lebens—
wichtiges Stoffgebiet in das Reich des Geldes, der Zahl
des Wirtschafts-, Kultur- und Handelslebens, der Ver—

Wilhelm Albert

Paul Häberlin

Selbst eine feine, künstlerisch empfindende Natur hat
der Nürnberger Pädagoge Wilhelm Albert in seinem Ge—
samtunterricht, zu deren Hauptverfechtern er gehört, die
künstlerische Note stets verständnisvoll zu betonen gewußt.
Er steht uns deshalb nahe, wie wenige Pädagogen der
Gegenwart. Ueber den Gesamtunterricht, der jenseits der

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