Full text : 11.1933-1934 (0011)

Der Bemeinschaftsgedäankce.

Die augenblicklich starke Hinwendung zum Sprechchor
Pund modernen Chorgesang scheint mir in unserer
kranken Zeit immerhin Zeichen einer gesunden Richtung
zu sein: Sprechchor und Chorgesang münden nicht beim
Individualismus, der den Einzelmenschen isoliert,
sondern bein Gemeinschaftsgedanken, wo die
Einzelpersönlichkeit aufgenommen wird in die Bruderkette
des Bundes, wie dies ja auch der Fall ist bei der neuen
Jugendspielschar, dem Wandervogel und der
deutschen Volksbühnenbewegung. In all diesen
Zusammenschlüssen kommt der ausgesprochene oder unaus—
gesprochene Wunsch nach Ueberwindung der Isolierung des
einzelnen — der Einsamkeit — und das Sehnen nach Zu—
sammenschluß der einzelnen — der Gemeinsamkeit — als
Zeichen inneren Gesundenwollens zum Ausdruck.
Ich stehe im „Gesamtunterricht“ der modernen
Schule, in der die Isoliertheit der einzelnen Unterrichts—
fächer aufgehoben wird; wo an die Stelle des „Solo—
gesanges der Fächer“ der „Chorgesang der Fächer“ tritt;

Aelthetische

Die Freude am Dasein schlechthin, als eingeborene Stim—
mung aller Wesen, die immer dienstbereit, sobald
inneres und äußeres Schicksal nur Raum dafür lassen, ist
der Grund, aus dem alles ästhetische Leben entspringt ...
Je mehr wir imstande sind, im Einklang mit unserer Be—
stimmung zu wollen und zu handeln, desto freier sind wir
innerlich von dem Leiden am Leben, welches die Daseins—

vom Orchester in den Saal geworfen, und nicht ein Rißle
hat er davongetragen. Ich mein', solchen Sturz verträgt
nur ein ausbündig starker Baß!“
Der Schreiner lachte mit. „Ja, so habe ich nicht ge—
meint! Ich wollt' sagen: Euer Baß hat keine Kraft!“
„Keine Kraft?“ lachte Hanshenner glückselig, „und hat mich
mich! — 'nen Berg hinabtragen? Das ist keine Kraft?“
„Ihr seid ein loser Vogel und wollt mich nicht verstehen!“
sagte der Fremde verdrießlich über das allgemeine Ge—
lächter, „darum handelt sich's gar nicht. Ich meine, Euer
Baß hat keine Stärke, er dringt nicht durch. Schwenselens,
wenn bei der Kirchenmusik unser Baßgeiger richtig auf—
streicht, brummen die Fensterscheiben!“
„Weiter nichts?“ entgegnete Hanshenner verächtlich, und
der helle Uebermut leuchtete gaus seinen kleinen Augen,
„wenn ich auf dem Bergheimer Orchester meinen Baß richtig
anstreichen wollte, fiel der Kalk von den Wänden, und in
Sülzdorf würden die Hunde rebellisch, weil sie meinen, es
donnert!“
„Ihr seid ein alter Narr!“ schrie der Schreiner giftig,
„und so sag' ich's, Euer Baß taugt gar nichts, keinen Schuß
Dushe ist er wert. Der alte Rumpelkasten hat gar keinen
on!“
„Keinen Ton? — Keinen Ton?“ fuhr nun Hanshenner
auf, der fühlte, daß dies die ärgste Beleidigung für seinen
Baß sei, „potz Blitz und Hagel, Ihr einfältiger Schreiner,
der Ihr seid! Ihr wißt ja gar nicht, was ein Ton ist!“
„Besser wie Ihr, wenn ich gleich kein aufs Instrument
gelernter Musikant bin!“ höhnte der Schreiner, seines
Uebergewichtes sicher, „und ich will's Euch sagen, was ein
Ton ist. Ein Ton ist's, wenn's einem so recht in den Ohren
prickelt und kikelt!“

wo sich die einzelnen Unterrichtsfächer gegenseitig eben so
stützen und tragen wie dies im Chorgesang die einzelnen
Stimmen tun.
Wohl mag der Sologesang hinreißen, bezaubern; wohl
nag das Einzelfach zu den höchsten Spitzen der Wissenschaft
ühren: aber im Zusammenklang der Stimmen er—
Bönen im Chor die Harmonien und im Zusammen—
hang der Unterrichtsfächer erwachsen die „pädagogischen
Symphonien“ zu großen, in sich geschlossenen Einheiten.
Daß bei der neuen Art des „Gesamtunterrichtes“ die
nusische und musikalische Erziehung der
deutschen Jugend eine besondere Nolle spielt, muß
kaum eigens betont werden; denn der moderne Gesamt—
unterricht erwächst heute ebensosehr aus dem Künst—
lerischen, wie der Sologesang der Fächer das Ergebnis
der analythischen Wissenschaftlichkeit der verflos—
senen Zeit war und vielfach noch ist.
Wilhelm Albert,
Nüurnberg.

Erziehung.

freude und mit ihr die ästhetische Empfänglichkeit hemmt ...
Wenn rechte Erziehung dem Menschen hilft, seiner Be—
stimmung gemäß zu leben, so befreit sie ihn zugleich von
dieser Hemmung. Das ist der wesentliche Punklt ästhetischer
Erziehung; sie kann nur zusammen mit moralischer Er—
ziehung gehen. Prof. 3 Paberlein,
asel.

„So?“ schrie Hanshenner, „wenn ich meinen Baß an—
streich', wie sich's gehört, da kitzelt's in den Ohren und
fährt einem zu den Fußspitzen hinaus! — Und das wär'
kein Ton, — he?“
Der Schreiner war vollständig zeschlagen, und Hans—
henner erntete lauten Beifall. Als sich der Lärm legte,
schlug der Fremde mit der Faust auf den Tisch und rief:
„Und Euer Baß ist doch nichts, gar nichts ist er gegen
unsern Baß, denn unser Baß ist ein Generalbaß!“
„Wer sagt das?“ schrie Hanushenner blaurot im Gesicht.
„Unser Schulmeister!“ schrie der Schreiner und schlug
Wermals auf den Tisch.
„Das wird ein schöner Schulmeister sein!“ tobte Hans—
henner.
„Ein anderer wie Eurer!“ fertigte ihn der Schreiner ab,
„das ist ein Mann, potz Wetter! Die Musik ist ihm schon
lang gar nichts mehr, darüber ist er lang hinaus! Er kennt
den Generalbaß!“
Das Staunen kam nun über die Musikanten und Damms—
zrücker; selbst Hanshenner schwieg verblüfft. Wie alle
ändlichen Musikdilettanten hatte er einen heiligen Respekt
»or dem Generalbaß, den er wohl da und dort hatte nennen
und als etwas Großes preisen hören, ohne auch nur im
entferntesten zu ahnen, was das eigentlich sei. Trium—
phierend fuhr der Schreiner nach einer Pause fort: „Ja
unser Herr Schulmeister, das ist ein Mann; solch einer
steht gar nicht wieder auf. Was aber unsern Baß betrifft,
so vergeht keine Kirchenmusik, bei der er nicht sagt: Der
Generalbaß ist die Seele der Musik! — He? — Was sag!
Ihr nun? Was will Euer Baß dagegen bedeuten?“
Fortsekung folat)

—ILVVI
            
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