Full text : 11.1933-1934 (0011)

Bom Werden des Volksliedes.

»ussh Saar⸗Sänger-Bund

Die Geschichte eines „Saarliedes“.
Mol slied, das ist: Lied, lebendiges Lied von längst
2 dahingegangenen Sängern, die es schufen, weit be—
kanntes Lied von unbekannten Dichtern, Vergangenheits—
lied, Gegenwartslied, Zukunftslied, herrenlos und darum
allen gehörig. — Volkslied, es wuchs: aus stillen dörflichen
Sommeérabenden, aus einfältigen Sehnsüchten, aus kleinen
Begebenheiten, des Einzelnen, aus Schicksalsstunden der
Aligemeinheit. — Volkslied, es singt: von Liebenden und
Hassenden, von Frühling und Winter, von unschuldigen
Mägdlein und bösen Räubern, von Heiligen, Huren und
Helden. — Volkslied, es umfaßt: eine dörfliche Gemein—
schaft, Volk und Völker, wandert von einer Linde zu tau—
send andern im Land, singt und zersingt sich von Mund
zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht. Das Volkslied ist
der schlichteste, aber echteste Ausdruck der Seele eines
Volkes.
Kluge Männer gruben diesem Liedbaum nach und ent—
deckten oft die Wurzeln. Oft aber schien das Lied wurzel—
los zu sein, die tieferen Schichten seines Werdens waren
undurchdringlich geworden. Diese Lieder waren einfach da,
wie Vogel und Wolke. Ihre Lebendigkeit stand in still—
lächelndem Gegensatz zu der dem Forscher undurchsicht—
lichen Stille ihres Anfangs. Dagegen ist die Geschichte
vieler Lieder eingefangen worden; wir wissen, von wannen
sie kamen und wohin sie wanderten, wir kennen ihren
ursprünglichen Bau und alle ihre Um- und Neubildungen.
Seltener aber gelang es, den ersten Sänger festzustellen
Er ist verschollen, sein Mund und das liederfrohe Herz
sind tot, das Lied aber lebt!
Es ist eine dankbare Aufgabe, die Geschichte eines alten
Volksliedes zu erarbeiten. Eine interessantere Aufgabe viel—
leicht, das Werden jüngerer und jüngster Lieder zu erken—
nen, denn wenn der Sang des Volkes Ausdruck unserer
Seele, ihres Glückes oder ihres Leides ist, so wird das
jüngere und jüngste Volkslied seiner Gegenwartsnähe wegen
uns deutlicher erkennen lassen, was unsere Väter oder wir
selber erlebt, geliebt oder gelitten haben. Diese jungen
Lieder können uns dann wie eine Kindheitserinnerung
sein, deren Farben noch nicht verblaßt und undeutlich ge—
worden sind. Je stärker aber unsere Beziehungen zu Men—
schen, Erscheinungen und Ereignissen sind, um so stärker
kann der Gewinn für Gegenwärt und Zukunft sein. Das
Lied vom „Argonnerwald“ oder das einfältige „Gloria
Viktoriar als Kehrreim des Liedes vom „Guten Kame—

raden“ wecken deutlich Erinnerungen an die von heldischer
GBröße erfüllte Zeit des Weltkrieges. Diese Lieder können
segenspendend sein, wenn nicht nur unsere Lippen sie ein—
hersingen, sondern wenn sie aus unserem Herzen quellen,
venn wir sie dem Gedächtnis deutscher Helden und Mär—
tyrer weihen!
Die Not des Vaterlandes hat nach dem Weltkriege eine
Anzahl Sänge geschaffen, die Volkslieder geworden sind
und auf deren ursächlichem Boden wir alle stehen. Wenn
siie die Stimmung der Allgemeinheit in schlichter,
einfacher Form aussprechen, haben sie sich halten können
Waren sie aber in den „literarischen Salons“ der Dichter,
selbst bedeutender Dichter, geschaffen worden, so konnten
sie nicht den Weg zum Herzen des Volkes finden. Die eine
zeitlang gesungene Zusatzstrophe zum Deutschlandlied ist
versunken, gewisse Haßgesänge machten vor der Friedens—
sehnsucht des Volkes halt, parteigebundene Lieder waren von
»ornherein durch die Absicht des Dichters zum Schweigetod
»erurteilt. Lieder dagegen, die keines der eben genannten
Attribute trugen, fanden ohne alle Schwierigkeit Ein—
zang in das auch im nationalen Leide noch liederfrohe
Herz des Volkes.
Im Grenzland — und nun genqauer hingewiesen auf
das Saargebiet — sind einige Lieder entstanden, die
das Volk freudig aufgenommen hat, die es gerne singt und
wahrscheinlich noch lange singen wird. Keines dieser Lieder
darf aber irgend einen Anspruch auf literarische Hochwer—
tung beanspruchen, wie im allgemeinen kaum eine vater
ländische Hymne textlich ein bedeutendes Kunstwerk dar—
sttellt. Daß solche Lieder dennoch Lieder des ganzen
Volkes geworden sind, verdanken sie in erster Linie
hrer Komposition und sicher nicht zuletzt und gerade
wegen ihrer nicht literarischen Belastung.
Es dürfte vielleicht von einigem Interesse sein, einem
dieser „Saarlieder“ nachzugehen und seine „Geschichte“ fest—
zustellen. Gemeint ist das Saarlied, das mit den Wor—
ten beginnt:
„Deutsch ist die Saar,
Deutsch immerdar ...“
Entstehungsjahr: 1920 im Herbst. Der Dichter gilt im
allgemeinen als unbekannt. In den Liederbüchern, in Zeit—
schriften und verschiedenen Lesewerken für Schulen wird
2s namenlos gebracht. Unterschrift: „Volkslied aus dem
Saarland“ oder „Verfasser unbekannt“. Verfasser dieses

Glückliches Unglück. Von Heinrich Schaumberger
(Fortsetzung.)
So bleibt ihm nichts übrig, als den Baß in einer Ecke des
Orchesters möglichst sicher aüufzustellen und der Jugend mit
harten Drohungen zu verbieten, das kostbare Instrument
zu berühren, — Drohungen, deren Nutzlosigkeit dem Alten
nur allzu wohl bewußt ist. Mit bekümmertem Gemüt ver—
läßt er endlich den kalten Raum, nicht ohne einige Male
ganz unerwartet zurückzukehren und die harmlose Jugend
durch schauderhafte Grimassen und entsetzliches Gebrüll —
jetzt wirklich ohne allen Grund — in Schrecken zu setzen.
Er kam gerade noch recht, vom Begrüßungässturm im
Gastzimmer seinen Anteil zu empfangen. Jung und alt
umdrängte die hoch willkommenen Gäste. Geschäftige Hände
nahmen ihnen Mäntel, Tücher, Mützen und Instrumente
ab. Von allen Seiten wurden ihnen volle Biergläser ent—
gegengereicht. Die se Begrüßung war den lustigen Ge—
sellen die liebste, sie wurden nicht müde, ein Glas nach
dem andern zu leeren. Der Eckenpeter besonders entwickelte
ein merkwürdiges Geschick, noch während er scheinbar Nase
und Augen gänzlich in das Bierglas versenkte, mit der
andern freien Hand ein neues, frisch gefülltes Seidel zu
erhaschen, so daß ihm der Vorrat nie ausging. Natürlich
beeiferte sich Hanshenner, das Versäumte nachzuholen, da—
bei vergaß er wenigstens für den Augenblick seine Sorgen
um den geliebten Baß.
Vergessen darf übrigens nicht werden, daß diese Teil—
nahme durchaus nicht allein, ja nicht einmal vorzugs—
weise den Spielleuten galt. Die Musikanten waren in der

Tat den Dammsbrückern werte Bekannte, liebe Freunde.,
vor allem aber, sie waren die Bergheimer Choradstanten,
und als solche ebensowohl den Dammsbrückern angehörig
vie allen übrigen Ortschaäften der Bergheimer Pfarrei. Die
Begrüßung beschränkte sich darum auch keineswegs auf
reundliche Hilfe beim Eintritt, auf das Darreichen des
Bieres; an allen Tischen rückten Männer und Jünglinge
zusammen und drängten und schoben mit freundschaftlicher
Bewaltsamkeit die Musikanten nach den ihnen zugedachten
Plätzen. Am beliebtesten waren offenbar der lustige
Schneidersnikel, der Eckenpeter und der Hanshenner, wenig—
stens stritten sich alle Tischgesellschaften um ihren Besitz,
velchen Streit sich sowohl der Eckenpeter als auch der
danshenner wohl zunutze zu machen verstanden und arge
Verheerungen unter den Bierseideln anrichteten.
Der Simesbauer war auch anwesend. Finster saß er in
einer einsamen Ecke, mit einer gewissen Unruhe betrachtete
er die eintretenden Musikanten Nach und nach erhellten
fich seine Züge, er winkte den Zimmerdick zu sich, der mit
sehr verlegenem Gesicht neben ihm Platz nahm, was aber
der Alte nicht bemerkte. Das gleichgültige Gespräch, das
die Alten einfädelten, ward nicht lange fortgesetzt, denn
am vorderen Tisch erzählte eben der Schneidersnikel den
auschenden Dammsbrückern Hanshenners Unfall mit dem
Baß, und der Simesbauer stimmte herzlich in das allge—
meine Gelächter mit ein. Plötzlich verstummte er, strich
ich mehrmals mit der flachen Hand über die Augen, beugte
sich weit über den Tisch und starrte nach der Tür. „Also
doch — doch!“ zischte er durch die Zähne, drückte des
Dicken Arm. daß dieser hätte aufschreien mögen. und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.