Full text : 11.1933-1934 (0011)

Wagner —

llil Saar⸗Sänger-Bund ltun“ uifphhj Nr.«
mrahms.

Ihre Bedeutung für die gegenwürtige und zukünftige Musik.
Jenn wir uns inmitten eines Stromes befinden, scheint
Ver sich vor uns zu öffnen, breit laufen die Ufer
auseinander; blicken wir nach rückwärts, so scheint er sich
zu verengen; und sehen wir ihn gar aus der Vogelschau,
so ist er ein gleichmäßig breites, gleichmäßig gerichtetes
Band. An der Unvollkommenheit unserer Augen also liegt
es, daß wir ihn von seiner Mitte aus gesehen breiter, und
die Ufer viel getrennter empfinden als von oben. So geht
es uns auch bei der Betrachtung geschichtlicher Vorgängé
und Persönlichkeiten. Inmitten des Stromes zeitgenös—
sischer Geschehnisse sehen wir weit klaffende Ufer, schari
getrennte Gegensätze, — betrachten wir dasselbe Geschehen,
dieselben Persönlichkeiten nach 50 Jahren, so vereinheit—
lichen sie sich mehr und mehr und in der säkularen Be—
trachtung der Geschichte verschwinden alle diese scheinbaren
Gegensäße vollends, werden verschiedene Ausdrucksformen
eines und desselben allgemeinen Weltgeschehens im gleich—
mäßig breiten Strom der Zeit.
Ein Musterbeispiel für diese Tatsache der Vereinheit—
lichung ist der Fall Wagner-Brahms. Zu ihren Lebzeiten
waren sie unerbittliche Gegner, und unsre Großoäter spiel—
ten sie wechselseitig als die musikalischen Gegenpäpste aus
Wir sehen die beiden Meister einander schon viel näher ge—
rückt, verstehen kaum mehr die scharfe Gegnerschaft, in der
sie lebten, in die sie oft auch von ihren Anhängerscharen
hineingehetzt worden waren. Wie war das möglich?
Nun, schon die grundverschiedene ästhetische Auffassung
von dem der Musik innewohnenden Sinn mußte die beiden
Meister trennen; für Wagner war die Musik ein Mittel
unter den vielen, die ihm zur Schaffung seines „Gesamt—
kunstwerks“ dienen sollten. Auch dieses „totale Kunstwerk“
aber war nicht Selbstzweck, sondern sollte die alte Forde—
rung, die sich die antike Tragödie gestellt hatte, die For—
derung nach ethischer Läuterung des Menschen verwirklichen.
Aehnlich hatte es Schiller in seinem Aufsatz: „Die Schau—
bühne als moralische Anstalt“ auch ersehnt. Bei Wagner
soll die Musik der Darstellung, der Schilderung des Affekts
auf der Bühne dienen.
Von dieser philosophischen Reflexion, die die eigentliche
Musik in die zweite Linie drängen mußte, war Brahmé
himmelweit entfernt. Ihm war die Musik die Kunst des
Herzens, nicht eines von vielen Mitteln, nicht Dienerin
zur Darstellung verschiedener Handlungen, zur Schilde—
rung menschlicher Charaktere, — nein, er war der Kämpfer
für die absolute Musik. Diese bezieht nichts ein, was außer
ihrem Kreise besteht, sie will nicht darstellen, nicht schil—
dern. Und nicht umsonst war Brahms ein Freund jenes
bekannten Kritikers Hanslick, der in der Musik nichts andres
sehen wollte als „tönend bewegte Form“. Brahms wollte
nur Musik schreiben, die zur NAufnahme Herz und Ohren
bhraucht, nicht eine, die die Augen oder den Intellekt in
ihren Dienst zwingt.
—A
sungen erscheinen mag —, so scharf auseinander ja auch
diese Ansichten in, Wirklichkeit gehen — „grau, lieber
Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner
Baum!“ In der Praxis der Musik nämlich kommen sich
die beiden theoretischen Gegner viel näher. Und Wagner
war wohl ein großer Theoretiker und Philosoph, aber in
seiner Musik hat er sich nicht viel um seine Theorien ge—
kümmert; in jedem Werk des Meisters lassen sich — Gott
sei Dank — viele Widersprüche gegen seine eigene Lehre
nachweisen.

Rein vom Standpunkt der Musik aus, also ohne alle
Aesthetik, sind die beiden Meister einander viel näher, ja
in mancher Hinsicht sind sie nur zwei verschiedene Aus—
drucksfformen einer gewaltigen künstlerischen Bewegung:
der Romantik. Beide ernten die Früchte der romantischen
Ideen, beide säen aber auch — allerdings auf verschiedenem
Boden — die neue, die kommende deutsche Musik. Wagner
im Musikdrama, im Lied und in der Symphonie, Brahms
in der Kammermusik und in der Chormusik.
Die ganze moderne Instrumentalmusik ist ohne den
„Tristan“ nicht denkbar, ebensowenig wie der moderne
deutsche Chorstil ohne Brahms' Motetten und sein deur—
sches Requiem. Vielfach sind auch die Gebiete, auf denen
sich die Einflüsse der beiden Meister begegnen. Auf dem
entscheidenden Gebiet der Symphonik ist es sogar gewisser—
maßen zu einer Versöhnung der Gegner gekommen, inso—
fern der strenge polhyphone Geist Brahms', versehen mit
den Raffinements der Wagnerschen Harmonik und Instru—
mentation, sich deutlich in einigen Werken von Richard
Strauß wiederfindet.
Es ist wohl kein Zufall, daß von Wagner keine Kammer—
nusik, kein einziger selbständiger Chor, von Brahms keine Oper
existiert: beide kannten eben genau ihre Ziele und Gebiete.
Ohne Frage hat in den letzten Jahrzehnten — vielleicht
noch heute — Wagners Erbe triebkräftiger, nachhaltiger ge—
wirkt; aber seit Jahren läßt sich besonders in der chorischen
Musik eine deutliche Hinwendung zu Brahms, eine Abkehr
von Wagners instrumentalen Mitteln beobachten. Auf rein
ymphonischem Gebiet freilich hat Wagners Kunst einen
entscheidenden Einfluß auf Bruckner und durch diesen auf
Richard Strauß und Mahler ausgeübt. Heute hat sich die
Wagschale wohl entschieden zur symphonischen Musik ge—
neigt; in ihr muß der Stil zur Vorherrschaft gelangen,
der auf Grund einer tiefgehenden Verarbeitung der geistigen
Bärungspilze der Wagnerschen Musik am ehesten zur Selb—
ständigkeit gelangt. Nun ist diese Voraussetzung bei manchen
zeitgenössischen Künstlern schon erfüllt, z. B. bei Reger
bei Haas, bei Hindemith und Krenek, ja sogar bei dem
„atonalen“ Arnold Schönberg. Alles das sind ganz ver—
schiedene Musikerpersönlichkeifen, gebunden nur durch die
gemeinsame Herkunft von Wagner, aber auch von Brahms.
Denn wenn auch Wagners lebendiger Einfluß noch
nanche Jahrzehnte überdauern wird, auf dem Gebiet des
Chores herrscht bereits deutlich ein Stil, der sich von
Brahms herleitet. Hier ist z. B. Lendvais meisterlicher
Chorsatz, der direkt von Brahms herkommt, hier ist die
oon Brahms geforderte Rückbesinnung auf das herbe mittel—
alterliche Kirchenlied bei A. Knab, L. Weber und W. Rein.
Brahms war es ja, der in einem Brief schreibt: „Nicht
zurückgehen will ich ins Mittelalter, wieder anknüpfen will
ich da, wo das Band abaerissen ist, im Chor und im
Volkslied.“
Wir sehen also, daß schon heute Wagner und Brahms,
einst unversöhnliche Gegenpäpste, in der heutigen Musik
deine unvereinbaren Gegensätze mehr sind; sie beide wirken
heute in nahezu gleicher Richtung; sie standen einst am
Ende der Romantik: vielleicht sind sie in zwei oder drei
Benerationen Geburtshelfer einer neuen Romantik.
Wir glauben freilich, daß in den nächsten Jahrzehnten
deutscher Gesangsmusik der Einfluß des absoluten, poly—
phonen und herberen Chorstils, wie ihn nach Bach ersi
wieder Brahms gepflegat hat, entscheidend und übermächtig
werden wird Dr. Franz Neuhöven

Federcumeimdühreim Wurnd
            
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