Full text : 11.1933-1934 (0011)

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Schon im Acußerlichen seines Entwicklungsganges liegt ein
D Vergleich mit Joseph Haydn nahe; denn wenn auch das
Teben des Jüngeren viel zu früh erlosch und also des Alt—
meisters äußerer Ruhm Franuz Schubert zu Lebzeiten nicht
beschieden war, so läßt sich doch wohl sagen, daß die beiden
Großmeister Eigenschaften gemein haben, die gleiche Wirkungen
hervorgebracht haben. Mit Recht gilt Haydn als der Reformator
der Jüstrumentalmusik, Schubert als der des Läedes
Man hat gesagt, daß zum Reformator ein Stück Dilettantismus
gehöre, und sowohl Haydn als, Schubert können sehr wohl als
Beweife dieser Behauptung gelten. Die naive Unfertigkeit der
ersten Sonaten und Symphonien Haydns hat ein Spiegelbild in
den ersten Liedern Schuberts, in denen er, unverdorben durch

auch fern von den glänzenden Gesellschaften der Aristokratie
in einer sehr beschränkten Häuslichkeit, für deren Enge ihn
iur zeitweilig ein großer, ihm innig zugetaner Freundeskreis
entschädigen konnte.
Schubert ist 1797 in der Wiener Vorstadt Himmelpfortgrund
als Sohn eines kinderreichen Volksschullehrers geboren. Mit
11 Jahren wurde er — wie einst Haydn — als Sängerknabe
in die Hofkapelle aufgenommen und genoß dort eine sorgfältige
Erziehung; in den musikalischen Fächern nahm sich seiner bald
der Hoftapellmeister Salieri — einst Mozarts Rivale — an
IAnd unterrichtete den erst 14jährigen in Romposition, volle
echs Jahre lang.
Man darf allerdings den Wert dieser Unterweisung nicht
zu hoch anschlagen, da Salieri Schubert mit aller Eewalt
zur Opernkomposition drängte und ihn von seinem eigentlichen
Gebiet, dem Lied, fernhalten wollte. Aber der Zögling war
in den letzten Jahren seinem Meister völlig über den Kopf
Jjewachsen und folgte doch nur der Stimme seines Genius.
Zu bedauern ist dabei nur eins, daß nämlich Salieri in
seinem Unterricht nicht mehr Wert auf kontrapunktliche Studien
zelegt hat, deren Mangel Schubert später selbst peinlich empfand;
denn einige seiner Instrumentalwerke leiden fühlbar unter der
unfertigen polyphonen Technik. In seinem letzten Jahr wollte
Schubert diesem Mangel aufhelfen und meldete sich als Schüler
hei dem damals bekanntesten Theoretiker Wiens, Simon Sechter,
an; leider ist Schubert kurz darauf gestorben.
Zurück zum Jüngling! Als der Stimmwcchsel eintrat, mußte
S„chubert 17jährig das Konvikt verlassen und wurde Schulgehilfe
eiunes Vaters. Nach drei Jahren erlöste ihn sein Freund Franz
von Schober von diesem Frondienste, indem er seine Wohnuug
mit ihm teilte und ihn auch materiell über Wasser hielt.
Schubert entfaltete nun eine schier unfaßbare Produktivität;
aber er blieb unbekannt bis zum Jahre 1821, wo der in Wien
sehr beliebte Tenorist Michgel Vogl seinen „Erlkönig“ zum
erfstenmal öffentlich vortrug. Nun faßten allmählich die Ver—
leger etwas Vertrauen, und trotz ihrer unsagbar niedrigen
Ausbeuterhonorare (oft nur 1 Eulden pro Lied) war Schubert
durch seinen unermüdlichen Fleiß und, seine nie ruhende,
blühende Erfindungsgabe bald imstande, sich selbst einigermaßen
zu erhalten; eine feste Position konnte er allerdinas nie er—
reichen.
Der Freundeskreis, der seine Zusammenkünfte nach
ihrem Mittelpunkte „Schubertiaden“ nannte, begleitet von nun
an Schubert bis an sein Lebensende. Er bestand aus Dichtern
Grillparzer), Malern (Kriehnber, Kupelwieser, Moriz von
Schwind), Musikern (Lachner, Hüttenbrenner). Ohne Zweifel
verdanken wir diesem Freundesbunde viele schöne Werke, da
er die einzige äußere Anregung in Schuberts sonst einförmigem
Leben darstellt. J
Kaum von Bedeutung ist der äußere Erfolg, den Schubert
allerdings nie gesucht hat; im letzten Jahre seines Lebens
gab er sein einziges öffentliches Konzert: das allerdinas fand
illgemeinen, großen Beifall.
Zuletzt wohnte er bei seinem Bruder Ferdinand; er erkrankte
in einem thphösen Fieber, und schon hingen Todesschatten
iber ihm, als er den Wunsch aussprach, neben Beethoven
zestattet zu werden. Am 19. November 1828 schloß er, 31 Jahre
ilt, die Augen für immer. Sein letzter Wunsch ging in Er—
üllung, er wurde an Beethovens Seite zur Ruhe gebettet. So
vürdig auch sein Leichenbegängnis war — alle Wiener Musiker
zegleiteten ihn — so unwürdig war die Art, wie die Hinter—
liebenen mit seinem unsterblichen Vermächtnis verfuhren. Für
»olle 10 Gulden wurde sein gesamter Nachlaß — Stöße
»on unveröffentlichten Manuskripten, von denen viele für immer
nerloren sind — verschleudert.
Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung Schuberts für
den Männerchor; nach Zelter war er einer der ersten,
die ihm lebhaftes Interesse entgegenbrachten; er schenkte ihm
Schöpfungen von unvergänglicher Schönheit. Die meisten seiner
Maͤnnerchorkompositionen gehören ja zum eisernen Bestaud
edes Chores, so daß es sich erübrigt, sie einzeln aufzuführen.
Rur auf einzelne, besonders schöne Perlen sei noch hingewiesen.
In erster Reihe stehen die beiden unsterblichen „Nachtgesänge“
op. 134 und 189, beide mit Klavier bzw. Hörneru). Danun
zas berühmte Ständchen op. 135 von Grillparzer (mit Altsolo
uind Klavier), und vor allem der „Gesang der Geister über
»en Wassern“ (0P. 167) von Goethe, für 8ftimmigen Männer—

Franz Schubert.
Dressur und Routine, mit beneidenswerter Unbekünmertheit
die reine Natur im Liede widergibt, ohne sich aun Vorbilder
zu halten (die er wahrscheinlich gar nicht kannte). Seine ersten
Versuche gelten dem Lied, und auf diesem Gebiet hat er das
Größte exreicht — er hat eine so gut wie völlig neue Form
geschaffen und ihr als Meister die Kraft verliehen, die Kluft
zwischen Volkslied und Kunstlied in vielen Fällen zu überbrücken.
Heidenröslein, Am Brunnen vor dem Tore und viele anderce
Lieder.) Wie sehr diese neue Gattung dem deutschen Geist
eutspricht, beweist allein die Tatsache, daß die Franzoöosen seit
Schubert den Ausdruck „Lied“ für uünser Kunstlicd unübersetzt,
weil wirklich unübersetzbar, in ihre Sprache übernommen haben
Das äußere Leben Schuberts verläuft ohne viel aufregende
Ereignisse. Vielleicht den deutlichsten Blickpunkt für das Ver—
ständnis seiner Zeit und Art bieten die Erinnerungen aus Beet—
hovens und Schuberts Umgebung. Trotzdem aber beide zu gleicher
Zeit in Wien lebten, ergaben sich bis zum letzten Jahr
Beethovens keine persönlichen Beziehungen zwischen ihnen, Be—
ziehungen, die von Schubert heiß ersehnt wurden. Erst kurz
vor Beethovens Tode lernten sich die beiden Meister angeblich
persönlich kennen. In Schuberts Werken erkannte der sterbende
Beethoven „den göttlichen Funken“, wie er sich selbst aus—
drückt. Während nun Beethoven mit Fürsten wie mit seines—
gleichen umging, hat Schubert nie das Glück gehabt, durch
das tätige Interesse dieser Kreise sich eine feste, auch materiell
sichere Position schaffen zu können. Dieser wunderbare Geist
verbrachte sein allzu kurzes Leben fern von der Oeffentlichkeit
            
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