Full text : 11.1933-1934 (0011)

Nr. 6 IIIIIIIPPVPPIPVPPU. po
Kopf, das reimt sich nicht recht zusammen. Wenn man
immer wieder nur die paar selben Lieder miteinander
singen kann, so kann man sich damit auch regelrecht aus—
einander singen. Am beliebtesten ist immer der, der etwas
Neues bringt. Keine Sorge, daß deshalb der Vorrat all—
zuschnell zu Ende gehen könnte.
Wir glauhben zum dritten an die formenden Kräfte des
Liedes und sind ihm darum zugetan. Kein Lied ist irgend—
wie vom Himmel gefallen. Irgendwann sang es einmal
einer zum ersten Male aus der Fülle seiner Seele heraus
und gab ihm das Beste von sich mit. Ist es nicht so, daß
ein edler Mensch, wo er mit andern zusammenkommt, for
mend auf sie wirkt? „Ein edles Beispiel weckt Nach—
eiferung.“ Man schaut zu einem solchen Menschen auf und
leise regt sich die Sehnsucht, auch so zu sein, wie er, auf
keine Weise hat man aber den Mut — man müßte denn
schon ganz verdorben sein — unter seinen Augen sich als
ein anderer zu zeigen, als er selber ist. Eine innerlich
zeformte Seele hat eben etwas Zwingendes. Glaubst du,
daß, wenn die Mutter Gottes in der Kleidung einer
Arbeiterfrau spät abends in der Elektrischen durch den
Wedding führe, auch nur ein Rohling den Mut aufbrächte
ihr lästig zu werden? Wo das wirklich ganz Edle in die
Erscheinung tritt, da fühlt sich die Gemeinheit aufs Mau'
geschlagen. Wo nun aber jemand ein adeliges Lied ge—
lang, da hat er in diesem Lied ein Stück seiner Seele,
seines Selbst auf eine geheimnisvolle Weise selbständig ge
macht und in die Welt geschickt. Und wer das Lied singt,
der steht dann im Bann seiner Persönlichkeit. Es ist —
ja wie denn? Erinnerst du dich, wie manchmal ein Brief
deiner Mutter auf dich wirkt? Das macht, weil eine Mutter
in einem Brief immer ein Stück von sich selber gibt. Man
darf also ruhig sagen: Sage mir was du singst, und ich
will dir sagen, was du bist.
Dazu komint noch ein anderes. Ein Lied richtig lernen
und recht und mit Hingabe singen, erfordert jedesmal ein
Stück Arbeit, jedesmal ein Stück Selbstbeherrschung. Glaubsi
du, daß das spurlos an dir vorübergeht? Es steckt ein
großer Segen in jedem ernsten Bemühen. Das aber haben
die Lieder, die wir singen, verdient, daß wir uns ernstlich
um sie bemühen. Einen Gassenhauer, gut, den mag man
brüllen und es ist ihm selbst dann noch zuviel Ehre an—
getan. Aber diese Kleinodien des deutschen Volksgeistes
die wir Volkslieder nennen, die verdienen, daß man sie
ehrfürchtig in die Hand nehme und ihnen ganz das Recht
gebe, das ihnen zukommt. Sie haben es an sich, daß sie
dir genau soviel geben, als du ihnen gibst. Damit meine
ich keinerlei geziertes Getue. Das gefiele mir an einem
Jungen am allerwenigsten. Seine Art wird immer, wenn
er geistig grade gewachsen ist, etwas herb und meinet—
wegen auch derb sein, aber gerade das paßt sehr wohl
zum Volkslied. Und für die, die hie und da oder auch
wohl sehr häufig mal „loslegen“ müssen, für die ist ja
auch der Tisch gedeckt. Aber selbst das „Ausgeben“ kann
mit Kultur geschehen. Goethe sagt einmal zu einigen
lustigen Viedern des Wunderhorns: „Das ist natürlich
Unsinn, wohl aber dem, der ihn mit Behagen singen kann.“
Das Letzte und das Beste aber ist dieses, daß unser
Lied uns Bekenntnis ist. Ja, wieso denn? Ein Lied ist
doch keine Fahne? Ich weiß nicht recht, ob es nicht dock
eine ist. Was in dir ist, das singt aus dir heraus. Also
Ja, aber, ich weiß doch nicht recht —) Na, dann hör zu
Wir singen de usche Lieder und legen damit ein Be
kenntnis ab zu unserm Volke. Gewiß, wir denken nich:
immer daran, aber ich weiß nicht, ob wir nicht häufiger
daran denken sollten. Ich meine da nicht etwa die soge—
nannten patriotischen Lieder. Wer bei jeder passenden und
unpassenden Gelegenheit unser herrliches Deutschlandlied
singt, dem scheint mir die rechte innere Ehrfurcht vor
diesem klingenden Symbol deutschen Volkstums und deut
schen Einheitswillens zu fehlen. Nein, jedes deutsche Lied

IJI

lunfhlsh Saar-Sänger-Bund IIIPse
nag auch das Wort Vaterland oder Deutschland gar nicht
darin vorkommen, ist Bekenntnis, soll es wenigstens sein.
Man muß einmal im Sgaargebiet oder anderen Grenz—
gebieten gewesen sein, um richtig zu spüren und zu wissen,
wie ein Lied ein Gelöbnis, ein Gruß, ein Händereichen
über Pfähle und Grenzen hinweg sein kann. Wie haben
wir da einmal die „Königskinder“ gesungen, und es war
für uns noch ein besonderer Sinn darin! Da ist dann das
Lied ein Stück Vaterland selber.
Unser Lied ist aber ein Bekenntnis zu dem Geist und
zu den Gedanken, die in dem Lied lebendig sind. Das
Singen des gregorianischen Chorals ist nicht etwa Pflege
einer Kuriosität; er ist uns der heilige Gesang aus dem
Heldenzeitalter unserer Kirche, der Hochzeitsgesang der
Braut Christi, den zu haben wir stolz sind. Das deutsche
Kirchenlied ist uns nicht ein Altertum, das Museumswert
jat, nein, wir spüren in ihm noch lebendig pulsierend den
Beist der alten deutschen Mystiker, der der Sehnsucht
uinserer Tage wieder so verwandt ist. Suchet ein Volk wo
hr wollt auf der weiten Erde, das Gesänge in seiner
Sprache hat, von der Urkraft eines „Christ ist erstanden“,
on der Innigkeit eines „Nun bitten wir den heiligen
Beist“, von dem strahlenden Jubel eines „Nun sei gelobet
und gebenedeiet“, von der Kinderfröhlichkeit eines „Ein
stindelein so löbelich‘“ usp. Das muß in uns sein, ganz
muß das in uns sein, daß es nicht eine gesungene Lüge sei.
Ein Bekenntnis ist es, wenn wir die alten deutschen
Balladen fingen, ein Bekenntnis zu der Treue, die in
ihnen verherrlicht wird, jener Treue, um die man heute
als unmoderner Mensch sich auslachen zu lassen den Mut
haben muß, will man anders ein Kerl sein. Ach Gott, da
schreit die ganze Welt nach Freiheit und braucht sie doch
zu nichts anderem, als dazu, sich brav nur immer dem
größeren Haufen anzuschließzen und sich dessen Tyrannei
unterzuordnen. Spürt denn kein Mensch mehr, wie könig—
lich das ist, diesem Haufen ein „Nein“ ins Maul zu fetzen,
daß ihm sein brünstiges Gröhlen nach Genuß und Besitz
urplötzlich im Halse stecken bleibt? Freunde, ich glaube,
Ihr spürt das noch. Denkt zuweilen daran, wenn Ihr die
Balladen singt, die der besagte Haufen nur noch blöd an—
stieren kann, weil er nicht begreift.
Ein Bekenntnis ist das Liebeslied, das wir singen. Ja—
vohl, das Liebeslied. Im allgemeinen kann ein richtiger
Junge mit einem Liebeslied noch nichts Rechtes anfangen
Statt dessen singt er lieber etwas Zackiges, ein Lands—
tnechtlied (es muüß aber ein echtes und keins der nach—
gemachten sein, die aus einem Landsknecht einen Bra—
marbas machen) oder dergleichen. Nebenbei, auch das ist
ꝛzin Bekenntnis, ist Absage an alle Weichlichkeit, Heul—
neierei und Zimperlichkeitt Kommt aber die Zeit, wo das
diebeslied seinen Zauber auf ihn ausübt, dann weiß er,
daß man zur Liebe den ganzen Menschen mitbringen
muß, und daß höchste Liebe zugleich häöchste Zucht bedeutet.
Und wenn er ein Liebeslied singt, so ist das der gesungene
Blaube an, eine Liebe, die ihren Namen noch verdient
Alen gemeinen Kerlen zum Trotz und aller schmierigen
Schlagerweisheit zum Hohn. Eine Zugend, Mädel und
Buben, die diese Lieder aus dem rechten Geiste singt, die
veiß und spürt es stolz und froh, daß es noch der Mühe
wert ist, sich füreinander zu bewahren.
Und unsere lustigen Lieder? Sie sind uns ein Bekenntnis,
daß sich der Himmel noch voll und rund und blau über
unfsern Häuptern wölbt, und daß wir darunter als unseres
Herrgotts Kinder geborgen sind und daß wir in seiner
bhut so von Herzen froh sein können. Nur der kann von
ganzem Herzen fröhlich sein, der mit Gott und der Welt
im rechten, aus kindlichem Glauben geborenen Gleichge—
wicht ist.
So, nun geht hin und singt!
Fohannes Hatzfeld,
Vaderborn.

Anph Seite 135

Hofgut und Ausslugsort Menschenhaus
hei Reunlirchen mo
beliebtes Ziel für Vereine u. Gesellschaften, große schattige Gartenwirtschaft
Ausschank: Schloßbraäu. — Gute Küche, mäßige Preise. — Spezialität:
3 Eier auf Schinken 3– Franken. Televhon 2196 Amt Neunkirchen

Alle im Druck erschienene Noten und Theaterstücke
liefert Ihnen sicher und schnell 79
Mustkhaus R. echorr, Ilingen⸗Saar
Telebhon NMummer 239
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.