Nr. 6 II“ hh Saar-Sänger-Bund Jpuuj Seite 138
Der Veuaufbau des deutschen Musiklebens.
Nach einem Vortrag, gehalten im
„Kampfbund für deutsche Kultur“.
Oꝛ wichtigste Frage: Wie bringen wir unser
Volk in allen seinen Schichten wieder
zur Musik, wie können wir für unser Volkstum
die seelischen Kräfte mobil machen, die ihren reinsten
Ausdruck gefunden haben in der deutschen Musik?
Wie erreichen wir dieses Ziel mit dem geringsten,
Auswand?
Das kann nur dadurch geschehen, daß wir an die
natürlichste musikalische Betätigung anknüpfen, an das
Singen, an den Chorgesang, der in keinem
anderen Lande der Welt so zum Allgemeingut des
Volkcs geworden ist wie bei uns Deutschen, dessen
Pflege nicht außergewöhnliche Unkosten verursacht, der
überall, selbst im kleinsten Bauerndorf möglich ist,
wenn die Kehlen und Herzen richtig gestimmt und ge—
leitet werden. Der Chorgesang ist für unsere deutsche
Musik von geradezu entscheidender Bedeutung, nicht
nur quantitativ, sondern auch „als seelischer Wertfak—
tor, denn Chorgesang ist tätige Leistung des Volkes, ist
aktiver Beitrag des Volkes zur Musikkultur.“ Aber
leider fehlt es an Können, weil der weitaus größte
Prozentsatz unserer Sänger trotz aller Sangesfreudig—
keit musikalische Analphabeten sind. Warum denn nur?
Sie haben doch alle eine Schule, zum mindesten eine
Volksschule besucht, sie haben in dieser Volksschule in—
nerhalb von acht Jahren insgesamt mindestens 500
Gesangsstunden gehabt; haben sie denn in dieser langen
Zeit wirklich nicht die paar Noten gelernt, d. h. sich
das Verständnis für die elementaren musikalischen Zu—
sammenhänge angeeignet?
Leider Gottes muß diese Frage verneint werden, und
damit kommen wir zum Kern des ganzen Problems der
musikalischen Volksbildung. Unter den neueren Schul
gesangsmethoden zur Erziehung von Musik- und Noten
verständnis die einfachste herauszufinden und sie dann
einheitlich durchzuführen vom Kindergarten an bis in
die höhere Schule, das erscheint mir heute als die drin—
gendste Aufgabe, um zu einer allgemeinen musika—
lischen Volksbildung zu gelangen. Das zum Teil heute
noch bekämpfte Tonwort von Karl Eit ist es
das auf kürzeste und sicherste Weise zum Ziele führt
Wer es erlebt hat, wie einfache Dorfschulklassen mittels
Tonworts dahin gelangt sind, Händelsche, ja Bachsche
Chorwerke vom Blatt zu singen, wie in solchen musi
kalisch vorgebildeten Dorfschulen das Instrumenten
spielen (Gitarre, Laute, Geige, Klavier) sich ganz von
selbst entfaltete — wer es immer wieder erlebt, wie
einzelne, nach dem Tonwort unterrichtete junge Sän—
ger mit sicherer Notenbeherrschung in unsere Chöre
kommen, wie in einer Stadt, in der seit 25 Jahren
nach dem Tonwort unterrichtet wird, das ganze Chor—
leben einen Aufschwung genommen hat und heute Chor—⸗
leistungen zeitigt, die von keiner deutschen Stadt über—
troffen wird — wer von all dem weiß, der muß mit
Leidenschaft die Forderung erheben: Führt einheitlich
und obligatorisch das Tonwort in den preußischen Schu—
len ein, wie es die klugen Bayern schon seit zehn
dahren mit schönstem Erfolg getan haben!
Es ist selbstverständlich, daß alles geschehen muß, um
die bisher von der Oeffentlichkeit unterhaltenen musi—
kalischen Organisationen, soweit sie wirklich der Kunst
dienen und nicht nur einem platten Unterhaltungs—
bedürfnis, weiterhin aufrecht zu erhalten und sie wo—
nöglich noch auszubauen. Aber die Opfer, die die Allge—
meinheit für diese Institutionen bringt, können nur
verantwortet werden, wenn in ganz anderem Umfange
wie bisher diese künstlerischen Unternehmungen dem
Volksganzen nutzbar gemacht werden. Es gibt Hun—
derte, ja Tausende von kleinen Städten im Reich, in
denen noch keine Beethovensinfonie erklungen ist, wäh—
rend man die Großstadt so blasiert und übersättigt
dorfindet, daß man hier gar nicht mehr des Werkes
vegen ins Konzert geht, sondern eines prominenten
Stardirigenten oder Solisten wegen. Die öffentlichen
Musikinstitutionen dürften in Zukunft nicht mehr ab—
hängig gemacht werden von den Einnahmen, die sie
dringen, die Zuschußnotwendigkeit müßte als selbst—
derständlich betrachtet werden. Die Mittel hierzu könnte
der von Minister Dr. Goebbels bereits angekündigte
„Rundfunk-Kulturgroschen“ aufbringen. Es ist ferner
rine dringende Forderung, daß dem Unwesen der Kon—
zertagenturen endlich einmal gesteuert wird. Zum
Schluß möchte ich nur noch in Stichworten auf folgende
Punkte hinweisen: Einbeziehung der Fachkritik in die
Aufbauarbeit, Schaffung der Musikerkammer, Regelung
des Tantieme-Wesens, musikalischer Heimatschutz, musi—
kalische Denkmälerpflege. Und eine der wichtigsten Auf—
gaben: Pflege des deutschen Volksliedes, nicht im Sinne
eines Jödeschen Dilettantismus und Seperatismus, einer
lediglich auf Spieltrieb und formale Veräußerlichung
eingestellten Betrachtungsweise, sondern auf brei—
tester nationaler, weltanschaulich und see—
lisch fundierter Grundlage.
Gemeralmusikdirektor Prof. Dr. Fritz Stein.
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