Musik. Erziehung und 5taat.
Aber der Baum und das Kind suchet,
was über ihm ist. Hölderbin.
RDZ wei Dinge sind der deutschen Jugendbewegung
O vom Ursprung her eigen gewesen als Ausdruck ihres
Suchens und Strebens nach neuer Lebensform: Das
Wandern und die Musik, zuerst in Gestalt des Volks—
liedes. Ein neues Lebensgefühl fand darin seine Weise
und Pflege: Die Gemeinsamkeit des jungen Menschen—
tums und die Einheit von Leib und Seele, also in neuer
Abwandlung das, was der hellenischen Jugend die gym—
nastische und die musische Seite ihres Erziehungsgangs
gewesen sind. Früh schon enthüllte sich dieser Jugend
auch der Sinn der Erziehung und Selbsterziehung, als
Weg zu einem neuen Menschentum. Hinzugetreten ist
schließlich mit dem Reifwerden die Frage nach dem
innere gebundene Haltung des Menschentums, dem sie
Ausdruck gibt und dem sie wieder zur Formung der
Staat, von außen herangetragen durch die staatsbür—
gerlichen Forderungen, von innen herausgewachsen als
Aufgabe der Eingliederung der Jugend in die Ge—
schichte, in die Kultur und die objektiven Ordnungen
des Zeitalters...
Musik — in Verbindung mit Tanz und Dichtung —
ist überall dort ein erzieherisches und staatsbildendes
Mittel obersten Ranges, wo sie den Lebensordnungen
nach fest eingebaut ist, wo sie an bestimmtem Ort und
zu ihrer Zeit zu regelmäßiger Einwirkung
auf das Gemeinwesen kommt; wenn sie dem
öffentlichen Leben als notwendiger Be—
standteilfesteingefügt ist, dann entsprechen auch
ihr Stil und ihr Formgesetz völlig den Lebensordnun—
gen. Nicht Willkür gestaltet solche Musik, sondern die
inneren Haltung dient. Diese Wahrheit leuchtet
sofort ein, wenn man an die Kirchenmusik denkt. Ins—
besondere bildet ja die Musik als liturgischer Teil der
religiösen Begehungen in Verbindung mit der Dichtung
— gelegentlich auch mit friedlichen Tanzrhythmen —
das Band zwischen der Religion auf der einen Seite,
den Staats- und Gesellschaftsordnungen auf der ande—
ren, wie es für Hochzeiten, Totenfeiern, Gedenk- und
Heldenfeiern nahe liegt. In solcher Stellung kommt
Musik zur Bedeutung eines wesentlichen Mittels
der Volkserziehung: sie ist eine Macht der
Seelenformung, der Seelenpflege und der
inneren Gemeinschaftsbindung dadurch, daß
sie alle Seelen eint in Gleichschwingung
und Gleichform.
Nun aber unser Staat verweltlicht und versachlicht
von Religion und Kult gelöst, rationalisfiert und tech
nisiert wurde, da zerriß jenes Band; da wurde die
Musik als volkserzieherische Macht ausgeschaltet und
verdrängt zugunsten des rationellen Unterrichts. Tech—
nik und Rationalisierung haben auch die andern Volks—
ordnungen gesprengt und die musischen Künste aus der
Bindung gelöst. Damit ist das Menschentum aus
dem Bann musischer Zucht und Formung
herausgetreten. Die Musik ist darum allerdings
nicht verkümmert; denn gerade in der Freiheit, die
sie für sich selbst gewonnen hat, nahm sie im 18. und
19. Jahrhundert — vor allem in Deutschland — jenen
unvergleichlichen Hochflug in den großen Meisterwerken.
denen sonst keine Zeit und kein Volk Gleichwertiges an
die Seite zu setzen hat. Doch stand sie in dieser Gestalt
als eine in sich ruhende und sich selbst ge—
nügende Welt neben den entgöttlichten
Staats- und Gesellschaftsordnungen, ge—
löst in jenen Höhenlagen schließlich auch von der Kult—
liturgie, wenn hier auch der ursprüngliche Zusammen—
hang der Messen und Requieme, der Passionen und
Kantaten noch deutlich genug zu Tage tritt.
Ohne Zweifel tritt nun hier aus der Gegenwart
selbst eine Not, eine Frage an die Zukunft hervor,
die nicht etwa bloß auf historischem Wege herangetragen
ist. Aufgeworfen ist diese Frage schon vor allem von
jenem Teil der Jugendbewegung, die von der
Musik sals ihrem Lebens-und Gemeinschafts—
element herkommt, und die zum Staate hinstrebt,
aus dem Gefühl und Drang, daß sie nicht in ein ab—
seitsgehendes musizierendes Sektendasein ausmünden
dürfe, sondern daß sie eine Keimzelle zur künf—
tigen Erneuerung des Volkstums und sei—
ner Ordnungen darstelle und also — im Namen
ihrer Musik schon — einen Beruf an der Gesamt—
gestaltung des deutschen Volks zu erfüllen
habe. Es darf künftig nicht ein Nebeneinander bleiben,
etwa so, daß man sich aus Tagesarbeit und öffentlicher
Ordnung in privaten Zirkeln abends zu Erholung und
Genuß vereint — daran hat es ja bisher schon nicht ge—
sehlt —, sondern nötig ist ein neues Jneinander
in neuer Ganzheit, ein Miteinander in
neuer Gestalt der öffentlichen Lebensform
und Lebensführung.
Prof. Dr. Ernst Krieck,
Frankfurt am Main.
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