Mufsfikalislche Erziehung.
Mii i Erziehundg ist nicht bloß eine
rliebenswürdige Zutat zu den Bildungsgütern,
die man für das Leben braucht, sondern sie hat für
den einzelnen wie für das Volk eine tief sittliche Be—
deutung. Die alten Griechen legten deshalb auf diese
Seite der Erziehung so großes Gewicht, weil sie der
Ueberzeugung lebten, daß der Musik selbst ein Ethos
— eine innere Beziehung zur Gesinnung — eigen sei.
Sie unterschieden strenge und leichte, ja leichtfertige
Tonarten. Sie fanden in der Musik eine ursprüngliche
Kraft, Leidenschaften zu mäßigen, große Bewegungen
der Seele anzufeuern; und so galt es ihnen als Er—
ziehungsgrundsatz: „Das ganze Leben bedarf der gu—
ten Harmonie und des guten Rhythmus.“
Wir sollten uns dieser Wahrheit wieder stärber er—
innern. Die Bevorzugung des Niggerhaften in
den modernen Tänzen ist ein schlechtes Zeichen dafür,
wie es um unsere Seele steht. „Sage mir, was
du für Musik machst, und ich will dir sagen, wer
unserer Muttersprache reden — lebt im Volksgesang die
Verbundenheit der Volksgenossen in jenen tiefsten
Schichten, die auch der schwerste Hader nicht zerstören
kann. Fragen wir uns, wie viel Lieder wir noch ge—
neinsam singen können, so werden wir daran einen
Maßstab haben, wie weit wir noch in verborgenen
Seelentiefen uns gegenseitig verstehen und zu einem
organischen Lebensganzen gehören. Es mag heute wenig
zgenug sein! Um so größer und schöner die Aufgabe
derer, die dies gemeinsame Gut treu bewahren und
dem Volk zurückbringen, was ihm einst gehört hat!
Das gilt nicht nur vom Volkslied. Es gilt auch von
jenen musikalischen Schöpfungen, die einmal
einem großen Sohn des Volkes gelungen sind,
wenn er ganz tief in sich hineinhorchte. Was da ent—
stand, war auch Seele des Volkes, Volksseele in großen
Erschütterungen und in mächtigen Offenbarungen, die
sich im hohen Kunstwerk ans Licht, oder vielmehr in
das Reich durchseelter Töne hindurchgerungen haben.
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du bist.“ Edle rhythmische Bewegungen, durchseelte
musikalische Begleitung lassen in der jungen Seele
Spuren zurück, die ihr eine Richtung auf das Höhere
geben. Alle frühesten Einwirkungen der Mutter auf
das Kind, ehe noch die Brücke des sinnhaften Wortes
gebaut ist, sind rhythmisch-musikalischer Natur. Ein ge—
sunder mütterlicher Instinkt fühlt das; hastige, abge—
brochene Bewegungen, nervöse Unruhe, eine heftige
und leidenschaftlich erregte Stimme schädigen das Ge—
mütsleben des Kindes im Keim und sind oft die Ur—
sache eines ebenso unbeherrschten, unharmonischen Tem—
peramentes. Wieviel Mütter gibt es noch, die an der
Wiege des Kindes jene schlichten Liedchen singen, wie
sie ein ursprünglicher, sicherer Volksinstinkt seit Jahr—⸗
hunderten überliefert hat?
Das Lied ist Ausdruckseelischer Bewegung,
wie die Welle dem Winde folgt. Gemeinsame
Volkserlebnisse und ewige Seelenregun—
gen, die der Gebildetste mit dem Schlichtesten teilt,
haben in den Liedern des Volkes ihren Niederschlag ge—
funden. Darin liegt eines der größten Erziehungsmittel,
die eine Nation besitzt. Wie in der Sprache
mütterlicher Geist lebt und webt — so daß wir von
Jeder weiß, daß nichts so unmittelbar zur Seele spricht,
wie Musik, und doch weiß niemand, wie sie es eigent—
lich tut. Sie packt uns da, wo wir lebendig sind, noch
ehe das verständige Wort geboren ward. Aus diesem
Mutterschoß entspringt in uns das tiefste Leid, der
schönste Trost, die flüchtigste Erregung wie die lang
nachhallende Bewegung, die zum „Grundton“ un—
seres ganzen Lebens wird. Wie könnte man den Men—
schen tiefer bilden als dadurch, daß man mit solchen
heiligen Mächten zu ihm kommt? In der Stunde der
gewaltigsten Aufwühlung seines Innern empfand der
greise Goethe „das Doppelglück der Töne wie der
Liebe“. Beides ist verbunden, weil Musik selbst nichts
anderes ist als klanggewordene Liebe: Liebe
zu den Dingen der Welt und den Menschen; Liebe im
Kleinsten wie im Höchsten. Wer dies verstanden hat,
der weiß um die letzten Geheimnisse der Musik, und
er weiß, daß er in ihr den Schlüssel hat zu den letzten
Geheimnissen der Seele — der werdenden wie der ent—
werdenden.
Prof. Dr. Eduard Spranger,
Berlin.
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