Full text : 11.1933-1934 (0011)

Ueber ein⸗u weiftimmigen üännerchor

o manche Sangesbrüder werden in den letzten Jahren
H über das Anwachsen und die Bevorzugung der ein-—
bis zweistimmigen Männerchöre sich gewundert
haben, ihnen wahrscheinlich ablehnend und mit Ropfschüt—
tieln gegenüber gestanden sein. Doch zu Unrecht! Es soll
nun versucht werden, in Kürze den Sinn und die Aufgabe
dieser scheinbar neuen Männerchorgattung genauer zu er—
läutern und ihr Freunde zu werben.
Die Beschränkung auf die geringe Stimmenzahl hat
künstlerische, aber auch praktische Gründe. Wir wollen sie
getrennt erörtern.
So absurd und widerspruchsvoll es zunächst klingen mag,
so muß doch festgehalten werden, daß die Hinwendung zum
geringstimmigen Chor ihre tiefste Wurzel in dem neuen
polyphonen Geist der Musik hat. Ja, polyphon heißt
aber doch vielstimmig, wird man uns entgegenhalten, und
1—–2stimmige Sätze sind doch gerade das Gegenteil von
Vielstimmigkeit! Wie reimt sich das? Nun, da erinnern
wir uns, daß wir ja alle schon oft und gern Kanons ges
sfungen haben. Ein Kanon aber ist zunächst eine ein—
stimmige Melodie, die für sich selbst allein bestehen kann,
eine Melodie, die aber so kunstvoll gefügt ist, daß sie in
ihrem weiteren Verlause durch sich selbst begleitet wird.
Hier also singen zunächst 2 Stimmen die gleiche Melodie,
nur beginnen sie zu verschiedenen Zeiten; die einstimmig
anhebende Melodie wird später, während sie ihren Gang
unbekümmert fortsetzt, von einer zweiten (oder auch dritten
usw.) Stimme neu begonnen, „nachgeahmt“. Nachahmung
(Imitation) ist auch der technisch musikalische Ausdruck für
den Kanon. Beide Stimmen sind, das wollen wir festhalten,
in ihrem Verlauf unabhängig voneinander und bringen
doch die gleiche Melodie.
Wenn wir dieses Prinzip der unabhängigen Stimme bei—
behalten, dagegen aber auf die strenge Nachahmung ver—
zichten, haben wir bereits den zweistimmigen Männerchor
vor uns: Voraussetzung hierfür bleibt aber immer wieder
eine durchaus befriedigende „lineare“ Führung beider
Stimmen. In der älteren Musikliteratur gibt es für diese
Chorgattung die schönsten Beispiele; insbesondere muß hier
auf die geistlichen Gesänge für zwet Stimmen von Orlandus
Lassus, Hobrecht und Häns Leo Hasler als Musterbeispiele
hingewiesen werden. Bekanntlich wirkten die genannten
Komponisten alle um ungefähr die gleiche Zeit: im 16. Jahr—
hundert. Diese Stücke sind allerdings ziemlich schwierig zu
singen, weil sie von einer blühenden und außerordentlich
fein verästelten Rhythmik sind; aber ihr Studium wird
jedem Sänger, der den Gesang um seiner selbst willen liebt
und ihn nicht nur als Vorwand für Chorkonzerte ansieht,
nützlich und erfreulich sein.
Als in den Jahren nach dem Krieg eine Abkehr von dem
rein harmonisch-homophon gearteten Chorideal des 19. Jahr—
hunderts eintrat, hieß die oberste Parole: melodische Deut—
lichkeit und Selbständigkeit vor allen Dingen. Keine
andere Form kann nun diesen Leitsatz so schön zu Ehren
bringen wie der 2stimmige Männerchor, der polyphon sein
muß und nie überladen sein kann. Sein Ideal ist:
kunstvolle Schlichtheit. Wie nahe hier moderner und alter
Geist sich kommen, zeige folgendes Beispiel:
—EXE — — — αα_νααα 1.
———

— ⏑ ———
— —7 —

—

5

—

75

—
* * * —— —— ——

Etwas anders steht es mit dem eigentlichen Chorlied.
Für die gesteigerte Beachtung, die man ihm neuerdings
zeigt, sind eher praktische Gesichtspunkte entscheidend. So
hat ein akkordisch gesetzter Massenchor nie die Schlagkraft
und Wucht, wie ein rhythmisch prägnanter einstimmiger
Satz, dessen Wirkung der eines präzisen Sprechchores schon
ziemlich nahe kommt. Darum werden einstimmige Chöre
bor allem zu Massenchören bestimmt, daneben allerdings
spielt der Gedanke an die vorzügliche Chorschulung, die
das genaue Studium einstimmiger Sätze leistet, auch noch
eine wesentliche Rolle.
Als Chorerziehungsmittel — auch sern vom Massenchor
— ist nämlich der einstimmige Satz von unvergleichlichem
Wert auf dem Gebiet der Stimmbildung und -Ausgleichung,
der sauberen Dynamik und Rhythmik; vor allem aber ist
er heute unentbehrlich als pädagogisches Material für
saubere und deutliche Aussprache. Wo der Chormeister die
Einsicht hat, dieses heikle und leider noch viel zu sehr
dernachlässigte Gebiet der Sprechtechnik zu betreten, wird
er und der Chor es nie mehr bereuen.
Es ist nämlich gar nicht so leicht, als man gewöhnlich
innimmt, einstimmig im Chor eine Melodie scharf und
ungetrübt vorzutragen. Wer schon einmal in einem katho—
lischen Kirchenchor Ehoral mitgesungen hat, wird das wissen;
noch schwerer aber, als einen einstimmigen Satz gut zu
ingen, ist es für den Komponisten, ein gutes einstimmiges
Werk zu erfinden: man bedenke, daß er auf die Kräfte der
darmonie und auch der Polyphonie Verzicht leisten muß.
debrig bleiben ihm nur die Grundelemente Melos und
Rhythmus. Es gibt darum auch in der an sich schon kleinen
Literatur 1stimmiger Chöre nur wenige ganz gute Stücke;
m. E. sind Armin Knabs und Ludwig Webers Sätze wohl
beispielgebend auf diesem wenig bearbeiteten Gebiet. Uebri—
gens geht gerade bei dem genannten Komponisten die ein—
stimmige Schreibweise häufig in die zweistimmige über und
umgekehrt. Hier ein Beispiel von Armin Knab.
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Dr. Frauz Nenuböven.

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