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sphhh Saar⸗Sänger-Bund sper
st, auch wenn wir uns noch länger mit in die Wolken gerich—
eten Blicken, mit Phrasen, Wunschbildern und Hoffnungen
gegenseitig betören und einschläfern. Solange diese nüchterne
und in ihren Konsequenzen drückende Erkenntnis nicht Allge—
neingut ist, kann es einen Wiederaufstieg nicht geben, weil der
ungeheure Gegensatz zwischen Denken und Sein
den wir uns augenblicklich leisten, ihn einfach nicht zuläßt;
olange wachsen auch alle Zwangsmaßnahmen, mag man vor
hrer Notwendigkeit noch so überzeugt sein und ihre Wirkungen
noch so hoch einschätzen, nicht organisch aus der Gesamtlage
ind bleiben Teilmaßnahmen, bleiben, musikalisch gesprochen
Nachspiel, statt Vorspiel zu sein. Dieser breite, unheilvolle Riß
wischen Denken und Sein, zwischen Theorie und Praxis, zwi—
schen Worten und Taten durchdringt augenblicklich albe Ge—
diete des öffentlichen und privaten Lebens und ist eine der
Hauptursachen für die, zahllosen Lähmungs- und Korrup
tionsserscheinungen. — Was sich nicht entwickeln
d. h. sterben und im Sterben weiter wirken kann, das hat nie
ein Recht auf Leben gehabt. Februar 1932.
Die Jugend will nicht nachbeten und naäachleiern, sie will
nicht die alten, ausgetretenen und bequemen Pfade wandeln.
ꝛe will vielmehr aktiv sein, will in dieser Aktivität selbst
rfahren und kritisch Stellung nehmen. Ob wir Aelteren auf
dieses schönste und eigenste Vorrecht der Jugend immer die
zebührende Rücksicht nehmen, ob wir uns bei unserer Be—
handlung der Jugend im Verein immer klar sind, daß sie ein
genau so berechtigtes Stadium mit innerer und äußerer Eigen—
gesetzlichkeit darstellt wie jede spätere menschliche Entwicklungs—
tufe, daß sie nur handelnd lernen und leisten kann? Wenn man
die Statistik in dem kürzlich erschienenen Jahrbuche des Deut—
chen Sängerbundes studiert, dann freut man sich als Mit—
zlied des S.S. B. daß unser Bund zusammen mit dem Pfälzer
Sängerbund in der Prozentzahl der Jugendlichen
inter 25 Jahren die Spitze hält: 38 v. H. Diese Zahl wird
n ihrer Bedentung erst klar, wenn man feststellt, daß der
Lrozentsatz in anderen Bünden bis auf 8 und 2 v. H. absinkt
Wer aber auch bei uns mit offenen Augen beobachtet, und den
Unterschied zwischen der Anzahl der jungen Sänger in den Ver
inen der Städte und der großen Orte einerseits und des
dandes andererseits kennt, der weiß, daß noch viel Arbeit
zu leisten ist und daß die Stadtvereine in der Werbung der
Jugend, wie übrigens auch in mancher anderen Beziehung
»on den Landvereinen noch sehr viel sernen können und müs
en. Also, offene Arme und offene Herzen in allen Vereinen
ür unsere Iugend gerade heute, wo sie in so schweren wirt—
chaftlichen und seelischen Verhältnissen leben muß! — Wieder
ind wieder haben mir erwerbsbose Sangesbrüder
zu meiner Freude erklärt, daß sie besondere Bildungs- und
Anterhaltungsmaßnahmen, wie sie vom Wohlfahrtsstandvunkte
aus hier und da befürwortet und versucht werden, entschieden
1Wlehnen. daß sie in unserer vom übersteigerten Gruppengedan—
en durchseuchten Zeit keine besondere Kaste werden. sondern
Kolksgenossen im vollen Sinne des Wortes bleiben wol—
en, — ein gesunder Sinn, der Anerkennung und unbedinate
Berücksichtigung verdient. Wenn irgend etwas, dann kann die
deale Gemeinschaftsarbeit, die jedes Chorstudium und jede
Fhorleistung darstellt, dem Menschen seelischen Gehalt und das
Befühl inneren Wirkens und Wachsens in und mit der Gemein—
schaft geben und ihn so vor Kleinmut und Pessimismus be
wahren Feßruar 1932
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sten und wertbeständigsten Grundlagen, auf der wir Deutsche
uns finden können und finden müssen in dieser Zeit des
Relativismus, in der fast alles unter uns,
unt uns, in uns zu wanken und zu schwanken
scheint. Die Erfolge des S.S.B. — auch die künstlerischen —
gehen darauf zurück. daß er sich dieser Ueberzeugung, der
großen Idee der einigenden Macht des deutschen Liedes, der
deutschen Musik, ganz und gar verpflichtet weiß, daßz er miß
ihr steht und fällt. Er fühlt sich nicht als eine äußerkiche
Addition von Vereinen und Vereinsleitungen — er erstrebt
vielmehr im Lied und durch das Lied für sich als Ideen—
gemeinschaft und darüber hinaus für sein ganzes Volk daß
Gute, das Sittliche, das allein jeder Menschenverbindung, jeder
Volksgemeinschaft Dauer und liebende Brüderlichkeit verleiht
Juli 1929.
Die Konzerte des Wiener Lehrer-A-cappella-Chores haber
ihren Zweck nur zum Teil erfüllt, wenn wir uns mit dem
künstlerischen Genuß begnügen, den die Leistungen dieses Meister
chores bedeuten. Sie werden vielmehr erst dann wirklich frucht:
bar, wenn alle Mitglieder des SS. B. sich ernstlich die Frag
vorlegen: Was sollen und müssen unsere Chorleiter, was
unsere Vereinsvorstände, was alle unsere Sänger aus der
Leistung der Wiener lernen? und wenn sie diese Frage durck
die Tat beantworten. Die Wiener als Erzieher heiß'
also das Problem, das sich aus dem Geiste der Arbeit unseres
Bundes von sebbst ergibt; nur wenn dieses Problem allgemeir'
klar erfaßt und möglichst gut von allen Chorleitern und Ver—
einen gelöst wird, sind die vielen und schwierigen Vorbereitungs
arbeiten und die großen Kosten dieser Konzerte begründet und
gerechtfertigt. — Die Wiener Sänger beweisen uns, daß nur ein
Chor, in dem peinliche Ordnung und straffe Dis—
ziplin herrscht, künstlerisch Bedeutendes leisten kann, und daf
umgekehrt hohe künstlerische Darbietungen eines Vereins immer
einen unbedingt sicheren Rückschluß tun lassen auf seinen orga—
nisatorischen Zustand. — Wenn jede Kunstausübung Treut
im Kleinen, Fleiß und Disziplinkertheit ist, dann erst recht unsere
Chorkunst, die Menschen der verschiedensten Artung und Hal—
tung zu einer von innen heraus einheitlichen Lei—
stung zusammenfaßt. die die übersteigerte Differenziertheit der
heutigen Menschen auflöst im Wesentlichen, und so nicht nur
jeden einzelnen Sänger. sondern auch jeden willigen Hörer
befreit mitschwingen läßt im Einigenden.
November 1931.
Es gibt, wie ich kürzlich bei einem Wertungssingen fest—
stellte. auch Chorleiter, die den Wiener Chor nicht ge—
hört haben, die es noch nicht für nötig gehalten haben, auch
nur einen unserer vielen Chorleiterkurse zu besuchen. Das
einzig Tröstliche an dieser traurigen Entdeckung war mir dee
Tatsache. daß diese Chorleiter das alte Lebensgesetz erhärteten
das wirkliche Leistung und Einbisldung immer im umgekehrten
Verhältnis stehen. Bei solchen Beobachtungen steigt mir immer
wieder die Frage auf. wie eine sosche Berantwortungas—
lbosigkeit gegenüber den Sängern und ihrem Ver—
trauen möalich ist, und wie lange sich noch unsere Sänger
solche Mietlinge gefallen lassen wollen. Es scheint mir höchste
Zeit zu sein. daß einmal die Frage der großen kunst—
pädagogischen und menschlichen Verantwor—
kung des Chorleiters gerade in unserer Notzeit zur
Erörterung gestelklt wird, daß endlich das Fundament der
konkreten Begegnung, des ganz eindeutigen, persönlichen Du zu
Du gesucht und gefunden wird. ohne das es keinen Gemein—
— VVDD—
Chorgesang nicht in diesem Sinne ganz konkrete Aufgabe
von Mensch zu Menich ist, wer nicht seinen pädagogischen
Ansatzpunkt im Sänger sucht, wer alaubt, im paukenden Bei—
bringen seine Aufgabe erfüllt zu haben. wem also der Sänger
Ohiekt und nicht lebendes Du ist, der ist weder Pädagoge noch
Künstler. und von beiden muß ein Chorleiter einen sehr wesent—
lichen Einichlag haben, sonst gehört er zu den vielen Pfuschern.
Wem das Ghorleitersein nicht Sache einer kunstpädagogischen
und menschlichen Gesinnung ist, der wird an das Menschhiche
in seinen Sängern nie herankommen und damit auch nie zur
Höhbe wirklicher Kunst. und wenn er die Technik und Theorie
noch do sehr beherrscht— November 1931
Die Vogel-Strauß-Volitik und der Wandelglaube unserer
Tage wachsen aus derselben Wurzel: dem mangelnden
Mute zum khlaren Blick und zum unbenuemen
Umlernen. Wer diesen Mut aufbringt, der weiß, welche
Umwälzungen wir bereits hinter uns haben, und in welchen
nenen Tatsachenkompleren wir heute unleugbar stehen, der weiß
daß in und mit ihnen uniere Kage im ktiefsten schon enfichiedep
Der deutsche Sänger soll die Irrlichter des Eigen—
nutzes, des Rekordes und des Zweckdenkens der
Lauheit, der Wankelmütigkeit und Feigheit der
ahllosen menschlichen Wetterfahnen unserer Tage auslöschen
helfen. Der Sänger darf und soll nicht verknöchern und ver—
»löden im Mechanismus unzähliger Gruppen und Grünvchen
inzähliger Gebiete, in der fortschrittfeindlichen Selbstge—
rügsamkeit des Spießbürgers. Dem Sänger dar'
ind soll die Sprache der großen dentschen Geister nicht werden
um Ausdrucksmittel engen, anmaßlichen, unsauberen Denkens
in hohler Phrase und gehässigem Geschrei ebensowenig wie im
chwächlichen Geschwätz der Schöngeisterei und Entartuͤng. Wir
Sänger sollen und wollen vielmehr im Chorsingen in der uner—
müdlichen und freudigen künstlerischen Gemeinschaftsarbeit von
innen heraus über alles trennende Unwesentliche hinweg die
Jroße nationale und allgemein menschliche
Krundlage endlich wieder fühlen und erobern und auf ihr
auch alle unserer Hörer zu einer lebendigen und starker
Ideengemeinde binden und einigen. Mai 1932.
Houß⸗ Bönaagrdÿ