Aus Aufsühzen der Aundesvor enden.
—
Giyge man einmal unsere vielgesungene Liedertafel—
DBiliteratur kritisch durch, dann würde sich herausstellen,
daß sie zum weitaus größten Teile sowohl textlich wie musi—
kalisch ungesunde Kost und keine Kunst ist. Wo es auf bloßen
Ohrenkitzel abgesehen ist, da kann von einer veredelnden Wir—
kung auf Sänger und Hörer nicht die Rede sein; und es gibt
leider genng Lieder
unter diesen Pro—
dukten geschäftsge—
wandter Notensetzer,
deren Musik so leicht—
fertig ist wie der
schlüpfrigste Roman.
— Diese Machwerke,
die den Sänger und
den Hörer herab—
ziehen, mit Stumpf
und Stiel unter sich
auszurotten, ist die
ablererste Aufgabe
unserer Männer—
chöre, wenn anders
sie an der künstle—
rischen, d. h. sitt—
bichen Erzieh—
ung unseres
Volkes mitwirken
wollen. Sie dürfen
nur das pflegen, was
den Stempel echter
Musik unzweifelhaft
an der Stirn trägt,
d. h. nur das Ein—
fache, das Natür—
liche, das Wahre,
denn nur das ist
fittlich. Die Kunst
muß ihnen eine Of—
jenbarung, ein Hei—
liges sein, der reinste
Ausdruck des tief—
sten, was jedes reine
Menschenherz bewegt.
Nur bei dieser Auf—
fassung begreifen
bzw. erfühlen wir
zugleich mit der Idee
die Form als den
natürlichen, notwen—
digen Ausdruck der
Idee, d. h. nur bei
dieser Auffassung
kommen wir neben
der technischen Kunst—
ausübung zum künst—
lerischen Nächschaffen
und zum öechten
Kunstgenuß.
April 1922.
Was bedeutet der
einzelne Sänger und
der einzelne Verein,
und wenn ihr Stre—
ben und Leben noch
so ideal und vor—
bildlich ist? Nur
wenn sich alle in gemeinsamer Arbeit brüderlich
die Hand reichen, die sich dem deutschen Liede, der deutschen
Kunst verschrieben haben, und wenn sie auch in ihrem Leben
als Bürger und Männer des VBerufs und der Familie diese
Gesinnung bekunden, sind wir die volksbildnerische und
volkserzieherische Großmacht, die wir sein können
und müssen. — Wer unsere Ideale nur im Munde führt und
sie nicht praktisch in sein ganzes Leben umsetzt, der
gehört nicht zu uns, und mag Ler die schönste Stimme sein
eigen nennen. Ich sage Dir: „Der Sangesbruder, der diesen
Ehrennamen verdient. fängt erst da au. wo der bessernde und
veredelnde Einfluß seiner ernsten und liebevollen Beschäftigung
mit dem deutschen Liede in seinem ganzen Leben in die Er—
cheinung tritt. Wer dem Höchsten dienen will, was die deutsche
Seele hat, der deutschen Kunst, der muß freudig Zeit und Kraft
einsetzen und einen Männerchor nicht mit einem Vergnügungs—
»der Unterhaltungsverein verwechseln. — Mit dem Lechten
Geiste erfüllt und
gut organisiert wol—
len wir nujsere große
soziale und volks—
erzieherische Aufgabe
versolgen. Alles
Persönliche,
alle sozialen,
politischen und
konfessionel—
ben Gegensätze
stellen wir sals
ech te deutsche
Sänger zurück
im Hinblick auf das
eine hohe Ziel, das
uns alle brüderlich
bindet: den deutschen
Sang, die deutsche
Kuwst. Mai 19822.
Mit dem Auge
des Dichters, des
Forschers und des
Volksmannes er⸗
kannte Ludwig
Uhland die nie
versiegende Quelle
von Kraft und Ge—
sundheit, die in den
alten deutschen
Volksweisen
sprudelt. Auch in
seinen reinsten Stim—
mungsgedichten rückt
er nicht sich, sondern
die Person der Dich—
tung als Träger der
Gedanken und Ge—
fühle in den Vor—
dergrund, ganz wie
das Volkslied. — Es
ist mit einem Worte
eine durchaus deut—
sche Poefie, die es
ehrlich ernst mit sich
und ihrem Gegen
stande meint und in
dieser Wahrhaftigkeit
des Gefühls unmit—
telbar trifft wie das
Volkslied. — Aber
nicht nur Sänger
und stiller Gelehr—
ter war dieser deut—
sche Mann, sondern
auch politischer
Kämpfer und
Anreger. Und
ebenso vorbildlich
und verehrungswür—
dig ist dieser andere Uhland, vorbildlich und verehrungswürdig
oor allem für uns deutsche Sänger. November 1922.
Hoffentlich wird sich jetzt endlich allgemein die Ansicht durch—
etzen, daß jede Wettsingerei eine durch und durch unkünst—
serische Veräußerlichung und Herabsetzung des deutschen Liedes
sst. Wer es sportlichen und geschäftlichen Praktiken unterwirft,
der liebt es nicht, und mag er seine Liebe in noch so lauten
und häufigen Reden betonen. — Die letzte und höchste Berech—
igung seines Seins und Lebens findet jeder Verein, der
ich über seine große Bedeutung und Aufgabe auch nur einiger—
naßen klar ist, erst da. wo er anfängt, auf seine Vosfts—
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