Full text : 10.1932-1933 (0010)

Erwin Lendvai: Kosmische Kantate.

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Männerchor und Orchester nach Dichtungen von BGoethe.

Gin neues Männerchorwerk mit Orchester aus der nie
Drastenden Feder des unermüdlichen Komponisten. Der
Text behandelt die Schöpfungsgeschichte in der wunderbaren,
Bott und Natur als eins sehenden Weise Goethes. Unwill—
kürlich drängt sich einem der Vergleich mit Haydns
Zchöpfung auf. Aber stehen schon die beiden Dichtungen im
schroffsten Gegensatz zueinander, so verkörpern die beiden
Werke musikalisch erst recht zwei Welten. Wenn Haydn
an seinem Text besonders die Möglichkeiten reizten, die
wechselnden Situationen in getreuer musikalischer Natur—
schilderung nachzuzeichnen, in köstlichen Tonmalereien etwa
das Brüllen des Löwen, das Rauschen des Regens, das
Toben der Stürme, Donner und Blitz usw. wiederzugeben,
'o verzichtet Lendoai nahezu völlig darauf. Allerdings
gibt der Text, der sich, ohne in Einzelheiten zu zer—
flattern, mehr an das Allgemeine, Gedankliche hält, ver—
hältnismäßig wenig Gelegenheit dazu. Was Lendvai will
ist nicht nach außen sozusagen sichtbar werdende,
sondern nach in nen drängende Wirkung der Musik. Man
sann nicht sagen, daß seine Musik deshalb weniger Be—
ziehungen zur Dichtung habe. Aber diese Beziehungen
sind nicht sinnlich unmittelbar wahrnehmbar, nur ge—
ühlsmäßig spürbar. Naturgemäß wird gerade deswegen
ein Werk Lendoais viel schwieriger verständlich sein. Ein
anderes kommt noch hinzu: die fabelhafte Satzkunst
Lendvais, die naturgemäß dem naiv hörenden Laien nicht in
erster Linie zu Bewußtsein kommen wird. Gerade diese ist
das Meisterliche an dem Werk; für sie einen Einblick zu
geben, ist mit die Aufgabe dieser Zeilen.

Worten „Ein erklingend Farbenspiel“ gibt es nicht etwa
'attes, glühendes, gleißendes Klingen, sondern ein nach—
ihmendes Wechselspiel von kleinen Motiven. Der Vorzug
dieses Teiles ist Einfachheit. Ein einigermaßen geschulter
Chor wird keine Schwierigkeiten haben. Jeder Teil ist
ibrigens einzeln aufführbar.

Der 3. Teil, „Lobgesang'“, ist der anspruchsvollste
ind schwerste. Auch hier Arbeit mit Melodiezügen, mög—
ichste Sangbarkeit, die durch einfachste Tonfolgen in der
konleiter oder im Dreiklang erzielt wird. Der Chorsatz ist,
bzwar viel schwerer als im 2. Teil, deshalb verhält—
nismäßig leicht, zumal sehr häusig 2 Stimmen in Terzen
niteinander gehen. Der Satz ist kunstvoller, geregelter.
zugierte Führungen, die sich manchmal zu ausgearbeiteten
zugendurchführungen verdichten, überwiegen. Schon die
urze fugierte Orchestereinleitung drückt dem ganzen Teil
iesen polyphonen Charakter auf. Den Chor Die Sonne
önt nach alter Weise“ zeichnet ein uraltes, schon bei den
stiederländern im 16. und 16. Jahrhundert beliebtes satz⸗
echnisches Mittel aus: die paarige Imitation. (8wei
ztimmen gehören paarweise zusammen, die beiden übrigen
ihmen dasselbe Thema einige Takte später nach.) Der
inem kleinen Chor vorbehaltene Mittelteil ragt durch mehr—
naligen plötzlichen Stimmungswechsel hervor. Sehr ein—
»rucksvoll, wieder im fugierten Satz, sind: „Es schäumet
)as Meer“ und „Fels und Meer wird foritgerissen“. Es
»edarf eines größeren Orchesterzwischenspiels, um dem Tert—
gehalt gerecht zu werden „Stürme brausen um die Wette“.
Im feierlichen Hymnus erklingt dann: „Deine Boten ver—
hren das sanfte Wandeln deines Tags“. Auf die Wieder—
iufnahme des Anfangsthemas folgt als Abschluß eine gran—
»iose Fuge über ein kräftig sich stufenweise abwärts be—
vegendes Thema „Und alle deine hohen Werke sind herr—
lich wie am ersten Tag“ mit sagtzechnischen Kunststücken
vie Umkehrung, Engsührung, Vergrößerung usw. Ein Werk.
das nicht nur im Goethejahr verdiente, öfters aufgeführt
zu werden.
Dr. Stilz.

Mit der Kosmischen Kantate schreitet Lendoai den Weg.
den er mit dem „Psalm der Besreiung“ ging, weiter. Auch
hier wieder ein Werk, bei dem das Prinzip der Gleich—
herechtigung von Chor und Orchester dem Ganzen sein
Gepräge gibt. Beide Klangküärper durchdringen sich gegen—
seitig in vollendeter Satztechnik.

Der Kantate geht eine Art OrchesterOubertüre voraus:
Prologus classicus“ — Klassischer Prolog als Goethe
Ehrung. Klassisch ist dieser Teil in der Art seiner Satz
ührung, in der Prägung der Themen und seiner Haltung
Auch die Form mag als klassisch bezeichnet werden. Sie
hat gewisse Aehnlichkeiten mit der alten Ouvertüre, wie
iie Bach und Händel pflegten. Ein denkbar einfaches
Thema in den Hörnern, nichts anderes als ein umschriebener
Dreiklang (as ⸗·ę?- -hes) leitet als Devise ein. Es
kehrt im Verlauf des dreiteiligen Stückes in dem vielsach
gewundenen Netz von melodischen Umspielungen und kontra—
yunktischen Verknüpsungen immer als die Grundidee wieder.
ausschließlich den Bläsern überlassen. Ein feierlicher Satz
pon würdevoller Gelassenheit.
Den 2. Teil, „Schöpfung der Welt“, gestaltet Lendvai
aus einfachsten, altertümlich klingenden Dreiklangfort—
schreitungen, die der Stimmung des Gedichtes („Als die
Welt im tiefsten Grunde lag“) sehr sein entsprechen. In
allmählicher Steigerung fügen sich zu diesem symbolhäft
rimitiven musikalischen Untergrund die einzelnen Farben
m Chor und Orchester, bis der Satz in rauschenden und
trahlenden Harmonien („umfasse euch mit der Liebe holden
Schranken“) endet. Dazwischen sind Stellen von großer
Feinheit. Sehr realistisch „da erklang ein schmerzlich Ach“.
Schmerzlich verzerrte Akkordsolgen und krasse Vorhalte.
Eine Textstelle ,‚Es werde Licht“ wird die Phantasié des
Musikers immer wieder reizen, angefangen von der mit
einfachsten Mitteln erzielten Wirkung Haydns in der
Schöpfung bis zu komplizierten harmonischen Effekten —
etwa der Romantiker und Impressionisten. Lendvai, dem
es nicht sog uf äußerlicher Malerei ankommt, sondern auf
den Gegensatz Finsternis — Licht, bringt da eine in allen
Stimmen durchgeführte plötzliche Halbtonsortschreitung von
starkem Ueberraschungseffekt. Noch charakteristischer für
Lendngis Schreihbmeise ist eine andere Stelle: Zu den

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