AAgltasfßa Orgeni.
Ddas Leben einer
großen Sängerin.
N slaia Orgeni entstammt dem altösterreichischen Adels—
A geschlecht der Görger von St. Jörgen und wächst auf
einsamem Landgut in der Steiermark und in der Klein—
stadt Graz auf. Ihrer Familie, besonders ihrer Mutter
und der innigstgeliebten Schwester Clothilde bleibt sie Zeit
ihres Lebens in Treue verbunden, so daß allein die Briefe,
die sie an ihre Familie schrieb, imstande sind, ein voll⸗
ständiges Bild ihres langen, inhaltreichen und wechselvollen
Lebens zu geben. Von der Mutter, die durch konventionelle
Vorurteile gehindert wurde, selbst Sängerin zu werden,
erhält sie den ersten Gesangsunterricht, während ihre häus—
liche und gesellschaftliche Erziehung nicht vernachlässigt wird.
Ihr besonderes Interesse gilt neben der Musik den Sprachen:
Französisch, Englisch, Italienisch. Außerordentlicher Ernst
und Gewissenhaftigkeit zeichnen den Charakter Aglajas
aus, und dieser Charakter schreibt ihr das unbeugsame
Streben nach ernstem Lebensinhalt vor. Nach anfänglichem
Widerstreben willigt ihr Vater in ihre Ausbildung zur
ZSängerin ein, denn sie selbst und alle, die sie hören,
fühlen, daß sie „zum Singen geboren“ ist. Ihr erster, un—
vergeßlicher Aufenthalt in München 1863 bringt ihr nicht
nur erste Bewunderung, sondern auch die Bekanntschaft
mit hervorragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Wissen—
schaft, wie überhaupt sich ihr ganzes Leben nur in den
allerersten Künstler- und Gesellschaftskreisen abspielt, so
daß ihre Briefe zugleich helle Schlaglichter auf die Theater—
geschichte von 1860—5 1914 werfen. In München nimmt sich
ihrer Frau von Pacher, die kunstliebende Tochter des
Nationalökonomen Friedrich List, mütterlich gastfreundlich
an, um sie überall einzuführen. Liebig, Riehl, Sieboldt,
Moltke, Lachner, Hornstein, Rheinberger, Schack und viele
andere bedeutende Namen klingen an unser Ohr. Der
König ehrt sie mit öfteren Einladungen, die sie mit dem
steifen Hofzeremoniell bekannt machen.
Aber die reichen Ehrungen können Aglaja nicht über
die Unvollkommenheiten ihres Könnens hinwegtäuschen, und
nur das Höchste und Vollkommenste in der Kunst ist ihr
erstrebenswert. So setzt sie trotz geldlicher Schwierigkeiten
ihre Ausbildung bei der einzigartigen großen Gesangs—
meisterin Madame Pauline de Viardot-Garcia in Baden—
Baden durch. Diese Lehrjahre mit der reichen künstlerischen
Arbeit gehören zu den schönsten ihres Lebens. In ihren
Briefen kann Aglajg nicht genug Worte der Begeisterung
für ihre herrliche Meisterin finden, die ihr Zeit ihres
debens mit aufrichtigem Rat und mancher guten Empfeh—
lung eine treue mütterliche Freundin bleibt. Andere
Freunde, die ihr seit jener Badener Zeit immer verbunden
zlieben, sind besonders Henriette und Anselm Feuerbach,
dem eine feine Porträtzeichnung der jugendlichen Sängerin
zu danken ist. Die künstlerisch hochbedeutsamen Konzerte
in der Orgelhalle der Viardot tragen Aglaja ihre erste
Berufung als Königlich Preußische Hofopernsängerin nach
Berlin ein. Bei dieser ersten, erfolgreichen Buͤhnentätig—
teit verdankt sie ihren Ruhm und ihre Beliebtheit nicht
allein der vollendet geschulten Stimme, sondern nicht zu—
letzt ihrem ausdrucksvollen Spiel, das getragen ist von der
gediegenen Vornehmheit ihrer Persönlichkeit. Interessant
ist eine Gegenüberstellung Aglajg Orgenis und der gleich—
zeitig an der Berliner Oper wirkenden Pauline Lucca. Die
gediegene Vornehmheit Aglajas ist es auch, die ihr auf
einer Gastspielreise im Frühjahr 1866 die Herzen des
dondoner Publikums erobert. Der deutsch-österreichische
Krieg 1866 verbietet der ihr Vaterland so sehr liebenden
Aglaja die versprochene Rückkehr an die Berliner Oper,
was ihr großen Verdruß des Intendanten von Hülsener
einträgt. Von nun an nimmt Aglaja nie mehr länger
hindende Engagements an. Das viel beschwerlichere No—
madenleben des Gastspielreisens nimmt sie auf fich, und
„Länder, Nationen, Städte, Theater, künstlerischer Stil
and Eigenart in diesem, in jenem Milieu, alles sollte diese
Frau kennenlernen, um dereinst vielen „Werdenden“ den
Weg bereiten zu können. Breslau, Königsberg, Leipzig,
Frankfurt, Schwerin und viele andere deutsche Städte laden
sie immer miéeder ein. Aher auch Varis hewundert. ent—
gegen den Erwartungen ihrer Lehrmeisterin, ihr Spiel, und
in Italien erfährt sie durch den Altmeister italienischer
Besangskunst Maestro Lamperti die letzte Vollendung ihrer
künstlerischen Meisterschaft.
Ihr vollständiges Aufgehen in der Kunst ließ Aglaja
iuf Ehe- und Liebesglück verzichten. Ihre einzige große
Liebe gehörte der Kunst. Obgleich sie nach ihrer eigenen
Ansicht nicht eigentlich schön war, muß doch der Seelen—
idel ihres Künstlertums ihren ausgeprägten Zügen etwas
ingemein Anziehendes verliehen haben, denn es fehlt ihr
icht an glühenden Verehrern, die sie zur Lebensgefährtin
ȟnschen und denen sie, um ihrer Kunst willen, ein stetes
stein sagen mußte. Ersehntes Familienglück wird ihr später
n Dresden zuteil, wo sie in ihren Meisterjahren mit ihrer
Nutter und ihrer Schwester Clothilde zusammenlebt. Zu
kEnde des Jahres 1885 bemüht sich das Dresdener Konser—
»atorium, die Orgeni als Lehrmeisterin zu gewinnen, und
ie nimmt bald eine hervorragende Stellung an diesem
donservatorium ein. Ihr reiches Wirken findet auch die
erdiente äußere Anerkennung, indem sie vom König von
zachsen 1896 die goldene Medaille „Virtuti et ingenio“ am
ßande des Albrechtsordens und 1908 als erste Frau in
deutschland Titel und Rang als „Professorin der Musik“
rhält. Bedeutende Sängerinnen, die aus ihrer Schule her—
»orgingen, waren Edith Walker, Erika Wedekind, Berta
Morsna u. a. m. Ihre Methode war eine Verschmelzung
der Schulen ihrer Lehrmeister Viardot-Gareia und Lamperti.
In hohem Alter, noch in reicher Schaffenskraft, unter⸗
zräbt der Weltkrieg in seinen Auswirkungen ihre reiche
dätigkeit und 1921 nimmt sie Abschied von dem Dresdener
stonservatorium, um ihren verwitweten Bruder in Wien
neso trauriger Zeit nicht allein zu lassen. Ihre letzten
debensjahre verbringt sie in Wien, wo ihre geliebte Musik
und wenige Schülerinnen sie auf Stunden all das Leid
im sie herum vergessen lassen. Aglaja Orgenis Todesnach—
icht trug ihren Namen im März 1926 noch einmal durch
ie Blätter vieler Städte und Länder. „Zum Singen ge⸗—
Dren“ — lautete einst der Ruf, der sie in das Leben
inausstellte — in Treue hat sie ihn erfüllt. „Atem und
zegeisterung“ — ihr Rezept für schönes Singen — „diese
wei ewigen Worte für den wahren Sänger zeichnen sicht—
zar die Spur, auf der unvergänglich künstlerischer Befitz
iner Orgeni lebendig weiterwirkt!““ —
Das bedeutsame, schicksalsreiche Leben der einst so ge—
eierten Sängerin hat Erna Brand trefflich widerge⸗
piegelt in denk in der C. H. Beck'schen Verlagsbuchhand⸗
ung in München erschienenen Werk Aglaja Orgeni,
as Leben einer großen Sängerin, nach Briefen,
zeitquellen und Ueberlieferungen, mit einem Geleitwort
on Dr. Ernst Leopold Stahl und würdig geschmückt mit
Anselm Feuerbachs seelenvollem Bild der unvergeßlichen
dünstlerin. Das köstliche Werk führt von den glüklichen
dinderjahren in der Steiermark über einen Jungmädchen—
ufenthalt in München zu den Lehrjahren bei der herr—
ichen Viardot in Baden-Baden und geleitet uns von hier
us weiter an die Berliner Hofoper und auf die langen
Vanderjahre durch Deutschland und Paris und Engländ
is zur Lehrmeisterschaft in Dresden, München und Wien.
zIhre Briefe sind das Buch einer einzigen großen Liebe.
der Verfasserin und dem Verlag danken wir für dieses
veit über die musikinteressierten Kreise hinaus lebendig
virkende Buch, das einen wesentlichen Beitrag zur deutschen
Theater- und Musikgeschichte der jüngst vergangenen Epoche
darstellt. Gr. Vahlke.
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