Full text : 10.1932-1933 (0010)

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zraphische Tarstellung. Wir folgen der jungen Tochter der
baltischen Aristokratie in das bürgerliche Künstlerheim ihres
Mannes, reisen mit ihr von Kurland zum Rhein und lassen
uns auf eine anmutige, anspruchslose und doch fesselnde Art
zum Zeugen ihres in Sorge und Licht gesegneten Mutterglücks
machen. Bei alledem hat das Buch auch seine bildnerischen
Werte: Lillas wechselreiches Leben ist eingebettet in das zeit—
geschichtlich so bedeutsame Geschehen der Jahre um die Be—
reiungskriege. Taß aber religiöse und sittliche Werte und Wirk—
ichkeiten hier in hohem Maße eine greifbare Verkörperung ge—
funden haben, macht den besonderen Wert des Buches aus,
gibt es doch ein selten schönes Beispiel deutscher Familien—
kultur und ihrer letzten Kraftquellen, so recht ein Spiegel für
unsere familien- und nachwuchsfeindliche Zeit.
Dem rührigen Ernteverlag Gam. b. H, Potsdam, danken wir
ein erschütterndes Werk Deutsche Kraft in Fesseln,
das zugleich ein Hoheslied bedeutet auf Frauenleistung, Frauen—
tiebe und Frauenarbeit in schwerster Zeit. Die Verfasserin
Schwester Anne-Marie Wenzel schildert „fünf Jahre deutschen
Schwesterndienst in Sibirien“, mit 5 Bildtafeln, Preis kart.
3,20 RM., in Leinenband 4,50 RM. Es ist fast unbekannt, daß
reben der Schwedin Elsa Brandström und ihren hihssbereiten
Henossen auch deutsche Schwestern jahrelang unter Einsetzung
hres Lebens eine hingebende Liebesarbeit unter den Kriegs—
gefaungenen in Sibirien getan haben. Die vorliegenden Auf—
zeichnungen der Leiterin des deutschen Hilfswerkes geben ein
sebendiges Bild dieser abenteuerlichen und gefahrvollen Arbeiten
und Reisen. Einige aktive deutiche Krankenschwestern werden
vährend des Krieges im Austausch mit Damen der russischen
Aristokratie wiederholt in das Innere Rußlands und Sibiriens
zu den dort gesammelten deutschen Kriegsgefangenen entsandt.
hinter der uns bekämpfenden feindlichen Front tun sie ihren
insagbar schwierigen, immer wieder feindselig gehemmten Dienst,
um Los und Lage unserer deutschen Kriegsgefangenen im
rufsischen Reich zu erkunden und nach Möglichkeit zu mildern.
Erschütternde Bilder von Einsamkeit und Not der Gefangenen
türmen auf die Schwestern ein. Die Berichte muten fast wie
»ine Mär an, sind aber Dokumente von geschichtlicher Bedeut—
samkeit. Das Buch wird zum Ehrenmal jenes Geschehens,
das auf einem der dunkelsten Blätter unseres nationalen Lebens—
»uches verzeichnet ist. Zugleich ist es aber auch ein trostvoller
Zeuge für die überwindende Macht wahrhaft tiefgegründeter
Hoffnung ob aller Hoffnungslosigkeit unserer heute wie damals
n Fesseln geschlagenen deutschen Kraft!
JJust recht zum Goethejahr beschert uns Emil Hadina einen
köstlichen Rowman Friederike erzählt, ein Tagebuch aus

Sesenheim, L. Staacknmaun Verlag, Leipzig, 4 RM., in Leinen
RM. Friederike Brion, die blonde Pfarrerstochter aus
zesenheim und Jugendgeliebte Goethes, hat immer wieder
ßelehrte und Dichter zu Wort und Werk angeregt. In diesem
esselnd romanhaft geschriebenen Werk begegnet sie uns gleichfam
erfönlich und läßt uns ihr Leben und ihre große, selbstlose
diebe, die hold und tragisch zugleich mit einem glücklosen Leben
»er Entsagung endet, miterleben. Wir dürfen Friederikes Tage—
zuch lesen, dem sie ihre schöne Seele anvertraut hat, und ein
iefes Mitgefühl erfüllt unser Herz. Eine große und reine Liebe
u dem jungen Straßburger Studenten Wolfgang Goethe keimt
u ihrem Herzen zu heiligem Feuer. Und Goetheé fühlt sich in
hrer Nähe von den Musen geküßt, vom Genius beschwingt
Herade in dieser Zeit sind eine ganze Reihe entzückender Lieder
ntstanden, die noch heute zu den schönsten Liebesliedern der
eutschen Lyrik zählen und als Volkslieder lebendig geblieben
ind. Nur kurze Zeit währte dieser Liebesfrühling. Friederike
elbst brach den Zauber, der sie beide umfing; denn sie erkannte,
aß der „Freie und Herrliche seine Bahnen ziehen muß, hinweg
on den Zwergen“. Blutenden Herzens sieht sie Goethe einem
rößeren und herrkichen Leben entgegenreifen. Sie bewaäahrte
hm aber ihre Liebe bis zum Tode und war glücklich in dem
ßedanken, „Goethe so vorgduserlebt zu haben, wie ihn Weimar.
ie Nation und die kommende Menschengeschichte sieht und ahnt“
In diesem Rahmen weisen wir auf eine überaus verdienstvolle
zdition hin, Damals in Weimar, Erinnerungen und
Zriefe von und an Johanna Schopenhauer, gesammelt und
serausgegeben von H. H. Houben, mit 17 Abbildungen, Rem—
randt-Verlag, Berlin. Wie auf ein Zauberwort rückt das
veimar Goethes ins Licht und auf diesem für die deutsche
heistesgeschichte bedeutsamen Hintergrund das Bild einer sel—
enen Frau: Johanna Schopenhauers. Seit ihrer Einbürgerung
— DDD
zastgeberin der Sammelpunkt all der großen und edlen Geister,
ie Wieland und Goethe mit magnetischer Gewalt auf längere
der kürzere Zeit nach Weimar gezogen hätten: Einsiedel, Riemer,
Nener, Fernow, Eerstenberg, Holtei, Kügelgen, Knebel, Tischbein,
ieck, Fouque, Grimm, Arnim, Voß, Bettina. Die Trennung,
amentlich durch sommerliche Bäderreisen, wurde überbrückt
urch einen menschlich wertvollen, zugleich für die Forschung
iußerordentlich aufschlußreichen Briefwechsel über Persönliches,
Nenschliches, Erscheinungen in Kunst und Wissenschaft. 1826
egann das Weimarer Leben durch den alternden Goethe
chwerer, bewegungsloser zu werden, und auch die mit aller
riebe sich aufopfernde Johanna konnte es nicht mehr beschwingen
ynute es nicht hindern, daß sich dann mit Goethes Tod der

eit Jahren keine Schere mehr über sie gekommen. Das
Städtchen liegt tief im Talgrund, und die Höhen ringsum
sind ödes Heideland, mit Basaltblöcken übersät, zwischen
denen niederes Gebüsch verstreut ist — eine rechte Wester—
wälder Landschaft. Und heute hatte der Regenhimmel noch
seinen grauen Ton darüber gebreitet, daß der öde Grund
wie gemacht war für die Szene, die sich jetzt auf demselben
entwickeln sollte.
„Schau!“ rief der Stadtpfeifer seinem Weibe zu, indem er
an das Fenster des Wirtshauses trat, wo sie eben eingestellt.
„Dort kommen unsere Leute den Berg herabmarschiert!“
Und in der Tat sah man die Dillenburger Besatzung
langsam in das Tal einrücken. Es waren etwa noch drei—
hundert Mann. Die Gemeinen hatten kein Gewehr, nur
ihre Tornister hatte man ihnen gelassen; die Offiziere da—
gegen durften noch den Degen tragen; zwei bedeckte Wagen
hatten die Sieger den Kapitulierenden gleichfalls mitsu—
nehmen gestattet, und diese kargen kriegerischen Ehren
waren alles, was die tapfere Mannschaft durch vierzehn—
ägige heiße Gegenwehr sich erringen konnte. Das ungünstig
gelegene Bergschloß war nicht länger mehr gegen die gut
gestellten Kanonen des Ingenieurobersten Fileh zu halten
gewesen; gestern abend, war es mit Kapitülation überge—
zangen. Neben der Linde, darunter einst Wilhelm der
Verschwiegene, der große Ornier, über die Befreiung der
Niederlande Rats gepflögen, war jetzt die Fahne mit den
Lilien gufgepflanzt. Der Oberst von Dörings, ein mann—
hafter hannoverscher Kavalier, der die Verteidigung ge—
leitet, durfte mit dem Reste der Besatzung zu dem ver—
dündeten Heere ziehen. So erzählte der Wirt, den die
Soldaten auch ans Fenster gelockt hatten.
„Das ist des Kriegs Lauf und der Welt Lauf!“ sprach
dor Stadtpfeifer , Fie hraven Kerse hoben dgetan. was

nenschenmöglich war, und am Ende mußten sie doch die
Zchlüssel zu ihres Herren Haus dem Feinde übergeben und
»hne Gewehr abziehen! So geht es uns allen, auch wenn
vir keine Soldaten sind.“
„Ganz gewiß!“ fiel Christine ein. „Aber sind jene Bur—
schen brav, dann wird auch jeder sein Gewehr schoön wieder
inden und nachher noch einmal so tapfer streiten. Wenn's
hart an uns geht, Heinrich, und wir meinen es wäre gar
»orbei, dann sind wir allemal erst recht stark. So ist mir's
mmer im Sinn gewesen. Als ich noch ein klein Ding war—;
»a wollt' ich selten vor die Tür beim schönen Wetter.
Vann aber ein großer Wind kam und Regen, Schnee oder
Schlossen, dann lief ich draußen herum und hatte meine
Freude, mich peitschen und zausen zu lassen. Je wütender
8 windete, je fester pflanzte ich mich in den Boden hinein.
Ind wenn mich dann der Vater schalt und zornig fragte.
vas ich bei dem Gestürm draußen zu suchen habe, konnt'
ch ihm nichts anderes antworten, als daß es doch gar so
chön sei, mit Wind und Wetter zu streiten. Seht, die
zoldaten da drüben gehen jetzt auch in Wind und Wetter:
ie werden schon wieder ins Trockene kommen.“
„Man merkt's, Frau Stadtpfeiferin, daß Ihr erst vier—
indzwanzig Stunden verheiratet seid,“ sprach der Wirt
ächelnd. „Wenn Ihr über Jahr und Tag wieder kommt,
ann wollen wir weiter reden von der Lust an Sturm
ind Regen. Vielleicht zieht Ihr dann doch ein wenio
Zonnenschein vor.“ w
Das junge Paar hauste nun auf dem Schloßturme zu
Weilburg. In sinkender Nacht waren sie angekommen. Ba
zatte der Stadtpfeifer, als er von weitem das Lahnwehr
der Weilburger Brückenmühle rauschen hörte, nicht länger
an sich halten können: er mußte sein Gewissen entlaästen
und der Fraut hefennen dar ⸗r rrire unch son Grennon
            
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