Zeite 70 Iu ulill Saar⸗Sänger-Bund lis Jppphh Nr. 4
Man muß die Geschichte von der Kreatur gelesen haben, Persönlichkeit, Werk und Bedeutung klingt
von S Stute, Wh ihr Herr das Gnadenbrot schenkt, ius mit folgenden Worten: „E. v. Handel-Mazetti erlitt
vahrhaftig zu nichts mehr nutze, der Sündenbock des roh- die große deutsche Passion der religiösen Spaltung und
herzigen Knechts, Gespött der Menschen, Opfer der Launen ucht sie durch die Kraft der Liebe zu überwinden. Sie
ungebändigter Kinder. So geht der Leidensweg der armen st die Trägerin einer neuen deutschen Kulturreinheit, die
Kreatur einen Sommer lang. Eines Morgens ist sie ver- von der Donau bis zum Rhein reicht; was ein neues Zeit⸗
schwunden. Man findet ihren toten Leib im Dickicht. da- ulter verwirklichen soll, ist in ihr verkörpert.“ E. v. Handel⸗
neben ein neugeborenes Füllen von selten edler Rasse. Mazetti, die von ihren Ahnen stark klerikale Impulse, zum
Opfervolles mütterliches Zusammenbrechen, um jüngerem indern aber auch liberale Eindrücke ins Blut bekam, tritt
deben ans Licht zu verhelfen! Ergriffen stehen wir vor uuch in ihren Werken für Personen ein, die jenseits ihrer
einem heiligen Wunder! Mit starker Anschaulichkeit malt vlaubens- und Lebenssphäre stehen. Sie sagt selbst: „Aus
Ruth Schaumann das einzelne Geschehen. Die Menschen diesem Zwiespalt heraus wurde meine tragische Kunst ge—
stehen vor uns in aller Deutlichkeit, und wir leben unser »oren. Daß der Liberale, der Ungläubige, der Fehlgläu—
Leben mit ihnen. Der hohe Adel ihrer Sprache reiht dige bei mir immer edle Züge hat, ist nicht Zufall, auch
Ruth in die vorderste Linie unserer zeitgenössischen Dich— ticht künstlerische Reflexion: es ist unsterbliche Melodie der
terinnen. Eben verlieh die Stadt München der feinen dindheit, die sich nie vergißt.“ Ebenso wie die religiösen,
dyrikerin den städtischen Literaturpreis. Möchten recht aßt sie auch alle Erschein ungen des inneren und äußeren
biele sich durch Vertiefung in ihre Werke eine Weihestunde Lehens mit reichem Verständnis und großer Weitherzigkeit
in ihr Leben holen! ruf. Da Enrica im Jahre 1871 in Wien als Tochter eines
osterreichischen Hauptmanns aus einer alten württember—
zischen Adelsfamilie, die durch Heiraten von holländischem,
talienischem und ungarischem Blute gemischt war und
blutsmäßig stark beeinflußt war, erklärt sich wohl ihre
tarke Anteilnahme an historischen Dingen und die emi—
iente Fähigkeit, sich einzufühlen in die Denkart und den
veist anderer Zeiten und Völker. Neben anderen privaten
ünterrichtsfächern war es auch die Musik, für die sie
zroße Begabung zeigte. Noch heute ist sie der holden
dunst ergeben, und da sind es namentlich Weber und
Mendelssohn, die sie selbst gern zum Klingen bringt. Die
Musik begleitet sie auch öfters bei ihrer Dichtkunst; aus
der Melodienfülle heraus werden dann ihre Gedanken ge—
öst. So wird über sie folgendes gesagt: „Als sie die letzten
dapitel zu „Jesse und Maria“ schrieb, spielte sie täglich
Mendelssohn, und aus dieser tiefsten, schwersten Melodien—
ülle lösten sich die Gedanken, die mit Jesses und Marias
deid in ihrer erdrückenden Schwere unser Herz belasten.“
Enriea von Hhandel-Mazetti.
In früheren Frauennummern hat, Enrica von Handel—
Mazetti, die berühmte österreichische Dichterin, immer
wieder in Bild und Wort zu uns gesprochen. Aufs Nach—
drücklichste haben wir auf ihre großen Romane hingewiesen,
in denen sie auf dem Hintergrund bedeutender Zeitereig⸗
nisse erschütternde Menschenschicksale gestaltet hat. Erinnert
sei an: Meinard Helmpergers denkwürdiges Jahr, Jesse
und Maria, Die arme Margaret, Stephana Schwertner,
Brüderlein und Schwesterlein, Der deutsche Held, Die
Karl-Land-Trilogie, Frau Maria und das Reformations—
est. In Johann Christian Günther vergegen—
värtigt uns ihre Meisterfeder das Schicksal des unglück—
lichen genialen Dichters, dem sein Leben wie sein Dichten
zerbrach — übermenschlich an Maß, mit einem sterblichen
Kleid, das ihm Wölfe zerrissen hatten, ein Herz in der
Brust, das unter tausen Qualen gebrochen, das trotz aller
Zündigkeit das Herz eines Engels war, klar und köstlich
wie der schönste Diamant, den die Mohren im heißen
Wüstensande suchen. Dieser Roman bedeutet eine erschüt—
ternde Lossprechung — Geheimnis des erbarmenden Gottes!
Ihr neuestes Werk Die Hochzeit von Quedlin—
hurg bildet den Abschluß der großen Roman-Trilogie
„Frau Maria“. Gedichtet auf der Höhe ihres dichterischen
Schaffens läßt es seine Gestalten in einer unübertreff—
lichen Klarheit vor uns erstehen. Die himmlisch-schöne und
strahlende Heldin des Buches ist Maria von Bronnen, eine
zunge Kanonissin, die sich in der Nacht vor ihrem Tode
mit dem herumziehenden Buchhändler aus Schlesien,
Christoph Schubarth, der wider Willen zu ihrem Mörder
wurde, trotz des Verbotes der Abtissin Herzogin Elisabeth
obermählt. Das verhärtete und gotteslästernde Herz des
Unholds wird in der Hand der schon halb verklärten Maria
zu Wachs. Ergreifend ist das Gebet der Todwunden um
die Seele des verwilderten Mannes und seines reizenden
kleinen Bübchens, das in rührender Liebe an seinem
„Tatus“ hängt und mit ehrlicher Bewunderung seine
wunderschöne neue „Matusia Maria“ verehrt. Mit innigster
Anteilnahme folgt man dem Schmerzensweg, der das Opfer
und den Mörder, die Wunderblume und das Sumpfgewächs
zueinander führt. Auch in diesem letzten Werk offenbart
E. v. Handel-Mazetti, wie lebensnah und ewiggültig ihr
das Thema von der erlösenden Liebe ist.
Der 60. Geburtstag der Dichterin veranlaßte ein inter—
essantes Werk, das wie alle Werke der Dichterin in dem
rührigen Verlag Josef Kösel, und Friedrich Pustet in
München erschienen ist. E. v. Handel-⸗Mazettis
Martha Ostenso.
Es ist nicht die literarische Bedeutsamkeit allein, die
iemlich international auf das Schaffen der erst 32jährigen
Dichterin Martha Ostenso hat aufhorchen lassen, son—
»ern zugleich ihre kühne Stellungnahme zu dem zeitgenös—
ischen Probleme der Frau, namentlich in der Ehe und
hr Beitrag zur Deutung der Frauenseele überhaupt. Von
iorwegischer Abstammung verbrachte sie ihr Leben in Nord—
imerika, verleugnete aber in ihren Werken den schwer—
lütigen nordischen Einschlag ihres Wesens nie. Mit dem
pannenden Roman Der Ruf der Wildgänse, der
ie übrigens sehr vorteilhaft in die Literatur einführte,
lingt sogleich das Grundmotiv ihres Schaffens wieder:
steibung und Kampf der Generationen, Auflehnung der
dinder gegen seelische Verkümmerung durch den Druck des
*sSlternhauses. Eheprobleme voll herber öichicksalhaftigkeit
tehen im Brennpunkt ihrer Romane: Erwachen im Dunkel,
zm jüngeren Maimond, Die tollen Carews. Wer sich
nit dieser jungen aussichtsreichen Dichterin, der man ge—
rost einen Platz neben ihrer Landsmännin Selma Lagerlöf
iinräumen darf, auseinandersetzen will, der greife zu dem
ieuen Roman Die Wasser unter der Erde, der
vie ihre übrigen Werke von der F. G. Speidel'schen Ver—
lagsbuchhandlung Wien und Leiphig eine würdige Aus—
tattung erfahren hat und in seinem spannenden Aufbau,
er wohlgepflegten Sprachgestaltung und der Tiefe inneren
Erlebens für das Schaffen Martha Ostensos überaus charak⸗
eristisch ist. Die Dichterin stellt uns in die Atmosphäre
zines puritanischen Hauses. darinnen der heuchlerische Vater
Passage⸗Kaufhaus AG