Zeite 68 IIr
IIpih Saar⸗Sänger-Bund IIIIIIIuspupr ragsh Nr. 4—
den Fall der beiden mächtigen Bäume, daß sie nicht etwa
ruf das rote Dach schlügen. Drahtseile wurden gespannt.
bermessungen fanden statt. Dabei zeigte es sich denn, daß
twa ein halbes Meter Geländestreifen vor dem alten Haus
ibrigblieb. Nun, es würde sich nicht übel in der Straßen—
lucht machen, wenn Frau Andresen unter ihrem Fenster
tlang Buschrosen pflanzen möchte; das neue, gußeiserne
vitter, das die kulante Stadt ebenfalls lieferte, schloß
diesen Geländestreifsen gegen den Bürgersteig ab. Und man
röstete sich, daß nach ihrem Tode das alte Haus fallen und
in Neubau an die Stelle kommen würde. Es war erreicht.
vas zu erreichen gewesen!
Die alte Frau saß am Fenster und hörte die Arthiebe
n die Stämme ihrer Linden sausen. Und bei jedem dieb
var ihr, als schlüge man ihre Lieben tot, die ihr das Haus
und das Vorgärtchen bevölkert hatten. Immer leerer wurde
slin ihrem Gedächtnis. Und an dem Tag, an dem die
Z„tämme fielen und es auf einmal viel heller in der Stube
vurde, als es je gewesen, erfaßte sie ein seltsamer Schwin—
del.Sie legte den Kopf an die Rücklehne und schloß
ie Augen. Die Helle tat so weh. Der rauschende Fali
)röhnte in ihrem Kopfe.
Der alte Claus kam herein und wollte sagen, daß er den
Torf hinten im Schuppen aufgestellt habe. Da erschrack er
Ind faßte nach der Hand, die so still auf dem schwarzen
dleiderstoff lag. Frau Andresen inachte die Augen aͤuf.
And Claus sah, daß sie naß waren von Tränen. Bösfe
agte er: „Ja, das is' die neue Zeit. Allens schlagen sie
ot: das Kaiserreich, das Vaterland... Das war'n schönen
zettel, den sie November 1918 an die Häuser geklebt hätten:
Brot, Freiheit, Frieden .. n' Totenschein is'es gewesen..
And nu auch unser' alte Linden, wo Anni noch als Braut
)a unter gegangen is ...“
Von diesem Tage an sah man die alte Frau mühsam am
Stock gehen. Und ihre Fenfter waren nicht mehr blaͤnk. Und
venn sie im Lehnstuhl am Fenster saß, hielt sie die Augen
zeschlossen. Wer da vorüberging, sagte wohl: Die Alte
chlummert gewiß mal so sacht hinüber...
Nein, sie schlummerte nicht. Sie suchte in ihrem Ge—
»ächtnis nach den Gestalten, den Stimmen — sie fand sie
— mehr ... es war zu hell im Zimmer für die teuren
Z„chatten ..
Und es wurde wieder Frühling. Das neue gußeiserne Git—
er zog sich nun nah unter den Fenstern hin. Rosenbüsche
‚wischen Hausmauer und diesem abscheulichen Gitter zu
oflanzen hatte Frau Andresen abgelehnt.
Die Sonne schien in diesem April Maienwonne vorweg
zu nehmen. Im Zimmer war die Luft beklemmend. Und
Frau Andresen öffnete endlich einmal das Fenster. Da
iel ihr Wollknäuel hinaus.
Nun half, es nichts, sie mußte wohl zur Haustür schlei⸗
hen .. sie hatte keinen Fuß mehr hinausgesetzt seit rechts
und links von ihrer Pforte, wie zwei furchtbare Wunden,
die Löcher starrten, aus denen man die Linden samt ihren
Wurzeln gehoben. Sie tastete sich zwei, drei Schritte an
der Hausmauer entlang. Und da stockte ihr Fuß. Sie
tarrte hinab.
Rötlich, kräftig, mit drei kecken Reisern, sprossen aus dem
Kasen Lindenschößlinge hervor, mit Blattknospen besetzt.
dinder ihrer Linden . aus verzweigten Wurzeln, die man
richt hatte erfassen können beim Ausroden, zum Sich
mporgetrieben ...
Eine tiefe Erschütterung ging durch sie hin — — — —
Nein, die neue Zeit konnte doch nicht alles totschlagen
— immer blieben irgendwo geheime Wurzeln, die trieben
pider zum Leben, was einst schön und ehrwürdig ge—
wesen — —
Und sie atmete auf, zwei Tränen rollten über ihre
Wangen
Sie fühlte, daß ihr nun die Kraft gegeben sei, wieder in
die Vergangenheit hineinzuhorchen und zu sehen und da—
durch auch wieder den Mut zu fassen, für die Ihren und
das Vaterland zu hoffen...
Ida Bon⸗Ed
ganz unangetastet bleiben solle. Nur das Vorgärtchen mit
den beiden Linden möge und müsse sie opfern, schon aus
Lokalpatriotismus um der Ausgestaltung der Straße willen.
„Opfer“, sagte sie vor sich hin, „Opfer — ja, die hab' ich
genug gebracht.“ Und dann nach einer kleinen Pause setzte
sie leise hinzu: „Grad' die beiden Linden nicht.“ Und sie
dachte: „Alles wird zerschlagen und zerstört, was groß und
herrlich war für uns Deutsche. — — Aber meine beiden
alten Bäume lass' ich nicht abhauen — die nicht!“
Der Baurat schluckte alle Ungeduld herunter und fuhr
in seinem „Eingehen“ auf die alte Dame fort. Er hielt einen
angenehm dahinfließenden Vortrag über den Wert alter
Bäume, und wie durchaus er die Bemühungen zu schätzen
wisse, solche zu erhalten, er nannte sich selbst einen „Pro—
pagandisten für die Konservierung alter Linden“, denn
gerade sie gäben oft einem Platz viel großväterliche Trau—
lichkeit. Allein diese hier, in dieser Straße... und wenn
doch die Verbreiterung einmal durchaus vollendet werden
solle. . . Da unterbrach ihn die alte Dame und sagte:
„Andere Bäume, und ob sie geschlagen oder erhalten
werden, sind mir egal. Ich will meine Linden behalten.“
Gottlob, dachte er verärgert, die Stadt ist ja noch immer
mächtiger als der einzelne Bürger. Und da er sich zuvor
gerühmt hatte, die alte Frau Andresen unter allen Um—
ständen herumzubringen, so wurde es fortan seine fixe
Idee, die Verbreiterung der Straße unter seiner Wirk—
samkeit an hiesigem Platze zur Vollendung zu führen. Das
zab ihm dann auch eine Art Nachruhm, und der Bürger—
meister konnte später, bei über ihn zu gebenden Aus—
ünften, vor etwaiger Berufung in größere Stellung, nicht
umhin, auf die öbesonders ersprießliche Tätigkeit des Herrn
Baurats Meyerhahn in Sachen der sehr schwierig gewe—
senen Straßenverbreiterung hinweisen. Eine Werbetätig—
keit von leidenschaftlichem Tempo begann. In einem Vor—
trag, gehalten im Bürgervereinslokal, stellte der Redner den
Zustand der fraglichen Straße als einen Schandflecken für
die Stadt hin. Es wurde den blindesten Bürgern die
Augen dafür geöffnet, daß der Anblick zu beklagenswert sei,
um noch andauern zu können. Es waren ja noch viele
Bauten, die aus der neuen Linie plump heraussprangen;
allein die beiden schlimmsten waren und blieben die zwei
Häuser rechts und links vom idyllischen Haus der alten
Frau Andresen, an welches Heim der Alterswürde wohl
niemand tasten wolle, um so weniger, als es ganz oder
fast ganz in der neuen Linie stehen werde. Die Lokal—
zeitungen brachten jeden Tag „Eingesandtes“; es schien,
als sei die ganze Bevölkerung in Erregung. Und schließ—
lich fanden sich zwei Lokalpatrioten, die auch rechnen konn⸗
ten. Sie kauften die beiden Nachbarhäuser der Frau An—
dresen, um aus ihnen, bei zurückgeschobener Front, Miet—
und Ladenhäufer zu schaffen,. Und darauf sah jedes Kind,
daß das Vorgärtchen der Frau Andresen unmöglich als
dindernis den neuanzulegenden Bürgersteig versperren
nne.
g Die Stadtverordnetenversammlung beschloß Expropria—
tion. —
Es gab Leute, die sich mit der wunderhübschen alten
Frau mit den weißen Haaren hinter den blanken Fenstern
fveuten, daß sie nun die zwei allzu schattenden Linden los
werde und noch ein hübsches Stück Geld dazu bekam, was
—— wußte
sowieso nicht, wie sie ihr Leben noch bestritt.
Die alte Frau aber saß stumm und versuchte, darüber
nachzudenken, daß eine Ordnung der Dinge möglich sei, die
es erlaubte, ihr ihr Eigentum, wegzunehmen. Ihr Vater
hatte doch als junger Mensch diese Linden gepflanzt; über
hrer Kindheit hatten die Wipfel gerauscht. Und 'als sie
T ijunge Witwe mit drei Kindern — ins Vaterhaus zurück—
kam, war's gewesen, als hätten die Linden Verstand davon
und flüsterten ihr zu: Hier ist deine Heimat ...
Viel Lärm setzte nun rund herum ein, Nebenan schlugen
Hammer und Hacke Steine los, die polterten herab, uͤnd
auf die hochsommerlich dunklen Lindenwipfel flog Staub.
Und dann kam der Herbst. Große Vorbereitungen sicherten
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