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und der Feindschaft zerbrechen an der stillen Politik auferlegt ist, gemeinsam zu tragen.“ (Rainer Maria
dieser Frauen. Sie tragen in ihren Händen das Siegel Rilke: Briefe an einen jungen Dichter, S. 26.)
der Wende. Ein Frausein, das nicht mehr Nach diesen demütig wissenden, begnadeten Müttern
zeinen Gegensatzz zum Männlichen bedeutet, rufen wir alle, Familie, Volk und — Kirche. Die
sondern Ergänzung und Ausgleich, schöp- einen, auf daß sie beseeltes Menschsein wieder hinein—
ferisches Sein: der mütterliche Mensch. ragen in die Oede der Zeit, die anderen, auf daß den
Rainer Maria Rilke ahnt dieses erlösende Neue: „Sie Fragenden die Antwort werde: Siehe, wir Mütter sind
verden sich zusammentun als Menschen, um einfach, herbergen am Weg, damit....Du nach Hause findest.
ernst und geduldig das schwere Geschlecht, das ihnen Prof. D. Dr. Franz Keller, Freiburg.
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Dep Herren Bauräten, die im Laufe der Jahre, in
A kürzerer oder längerer Amtsdauer, über die architek⸗—
tonische Gestaltung der Straßen und Plätze zu wachen
hatten, oft in harten Kämpfen mit den Stadtverordneten
und dem Finanzdepartement durchsetzten, was sie für nütz—
lich und schön hielten, war das kleine Haus schon seit
Jahrzehnten ein Aergernis gewesen. Hierin zeigte sich jeder
Nachfolger eines Sinnes mit seinem Vorgänger, mochte sich
auch sonst der einzelne als derjenige fühlen, der eine neue
Epoche heraufführe. Das Haus, einstöckig und mit breitem
Ausbau im tiefschirmenden, roten Dach, war ein wenig
altersgrau. Die Fenster, je zwei rechts und links der aus—
zeblichenen grünen Haustür, glänzten immer blank, und
die Gardinen dahinter verrieten Sorgfalt und Reinlichkeit
als die Geister drinnen. Aber das Haus lag weit zurück.
Es störte den schnurgeraden Lauf der Häuserfassaden. Vor
sich hatte es ein kleines Gärtchen, in dem nicht viel wuchs;
denn zwei alte rauhstämmige Linden überschatteten es im
Sommer ganz. Ein Holzgitter von verschollener Mode schloß
den Vorgarten gegen den Bürgersteig ab und verband ge—
vissermaßen mit seiner Linie die Hausfronten rechts und
links. Die Entwicklung des städtischen Lebens hatte es mit
sich gebracht, daß diese Straße, schon immer sehr begangen
und befahren, verbreitert werden mußte. Sie befand sich
im häßlichsten Uebergangsstadium. Denn Straßen haben
einen hartnäckigen Charakter und widerstreben der Ver—
inderung. Sie haben ihre Geschichte, die sich nicht aus—
löschen läßt wie eine beliebige Schrift. Denn Geschichte
—
Niemand bekam hier Umbau- oder Neubauerlaubnis, der
sich nicht verpflichtete, sine Hausfront um zwei Meter
zurückzunehmen. Es kamen in der Reihe der Beamten immer
mal welche vor, denen die Haupteigenschaft der Städtebauer
und Gärtner fehlte: nämlich die Geduld. Von diesen hatte
der eine und andere bei der alten Frau Andresen vor—
—
den sie zwar nicht verfügten, den sie aber von vater—
städtischen Mäzenen zusammenzubitten hofften), wenn nur
Frau Andresen ihr Grundstück verkaufen wolle. Ein statt—
liches Etagenhaus ließe sich aufbauen, das Vorgärtchen mit
den beiden Linden mußte in den Bürgersteig miteinbezogen
werden. Dies würde dann so stark auf die Nachbarhäuser
wirken, daß deren Umbau, und damit die Hinwegräumung
zon einem Verkehrshindernis und Denkmalen baulichen
Angeschmacks, nicht mehr lange auf sich warten lassen könne.
Aber die alte Dame guckte die beschwörenden Redner mit
hren hellen Augen immer stetig und aufmerksam an, so daß
diesen manchmal die Rede unsicher ward. Und sie schüttelte
zur Antwort nur immer den weißhaarigen Kopf. Und
wenn die Herren Gründe wissen wollten, weshalb sie, die
Alleinstehende, sich denn nicht das Behagen einer kleinen
Etagenwohnung oder den Unterschlupf in einer gemütlichen
Pension gönnen wolle, sondern sich noch immer mit dem
doch für sie zu geräumigen Haus abplage, dann sagte
sie kurz:
„Das verstehen Sie nicht.“
Sie konnte diesen fremden Männern durchaus nicht sagen,
daß sie keineswegs allein sei in ihren Räumen. Munter
bevölkert waren sie und widerhallten von Lachen und Stim—
nen. Da polterte ihr Aeltester die Treppe herab mit seinen
neuen Stulpenstiefeln, auf die er so mächtig stolz war und
in denen er sich nahezu als Mann fühlte. Da klang die
Silberstimme ihrer Anni, die beim Tassenwaschen sang:
Homm lieher Mai. und mache die Bäume mieder arün“
in den.
IUnd die später, als sie beim Organisten der Johanniskirche
»rdentliche Gesangstunden hatte, ein wunderbäres Lied vom
rdindenbaum sang, bei dem man meinen konnte, Schubert
sabe ihre alten Linden gekannt... In eintönigem Gemur—
nel, am Tisch sitzend, die Finger in den Ohren, lernte ihr
verd die lateinischen Vokabeln, die sie haßte, weil sie ihrem
Fungen die Freistunden schmälerten. Und manchmal lachten
ille drei, bis ihnen Tränen vor Lustigkeit kamen, und sie
vußten selbst nicht worüber. Solches Schattenvolk nimmt
8mit der Zeitordnung nicht genau, und oft stand plötz—
ich Anni als Braut da, holdselig in Schleier und Myrten—
ranz, und ein stattlicher Mann war dabei und schwor
»er Mutter zu, ihre süße Tochter glücklich zu machen. Und
)as hatte er auch getan. Aber sie mußte ihm, als sie einige
jahre verheiratet waren, in ein fremdes Land folgen; er
satte hoch oben in Norwegen eine sehr gute Stellung als
zungenieur bekommen. Die Reise war weit und teuer, und
nan konnte nur ganz, ganz selten zueinander kommen. —
zuweilen kreischten laukte Stimmen oben in den Linden—
ronen: da saßen die beiden Jungen und pflückten Blüten,
»amit Mutter sie zum Tee trockne, den sie zu trinken be—
amen, wenn sie erkältet waren. Und manchmal gar liefen
leine Kinderfüßchen im Vorgarten, im kühlen Schatten
»er Linden; gesichert vor den Fährlichkeiten des Straßen—
»erkehrs und doch durch ihn unterhalten, spielten Annis
dinder und die ihres Gerd da und riefen drollige Worte
n ihrer selbstgeschaffenen Sprache, die nur Großmütter und
Mütter verstehen. Auch ein Sarg wurde zwischen den
Lindenstämmen hindurchgetragen, die wie Wächter standen,
n Ehrfurcht, während ein kleines Beben durch ihre Kronen
aschelte, als wollten sie teilnehmen... und ein blondes,
yunderliebes Kleinchen lag in dem Sarg, und Großmutter,
elbst vor Schmerz erstarrt, hielt die weinende Tochter
röstlich im Arm. Dort zwischen den Linden hatte sich auch
hr Aeltester noch einmal nach ihr umgewandt, als er aus—
eiste nach der Südsee, von wo er, wie es schien, niemals
nehr heimkam. Aber wenn er denn doch noch einmal
zeimkäme. wenn.. selbst vielleicht schon alt und grau,
zann sollte er doch das Mutterhaus wiederfinden, wie es
damals gewesen war, als er ging. Vielleicht saß sie dann
zoch noch am Fenster und sah ihn durch die Psforte zwischen
den Linden herankommen...
Und alle Jahre, wenn die Linden blühten, brach der alte
Flaus, der früher ihr allerhand Dienste geleistet hatte, alle
hre Kinder und Enkel kannte und nun oben bei ihr in der
Biebelstube wohnte, ja, der brach ihr dann einige Zweige
1ab. Sie ging damit hinaus in die Anlagen, wo das Ehren—
denkmal für die Gefallenen stand. Und da legte sie sie an
»er Seite des ragenden Granitobelisken nieder, auf dem,
nit vielen anderen, auch der Name ihres Gerd eingemeißelt
var. Er war als Landsturmmann in Frankreich gefallen
ind ruhte verschüttet in irgendeiner schaurigen Gruft des
zufalls. Und wofür hatte er dies vielleicht entsetzliche Ende
jefunden? Wofür sein Leben geopfert? Damit feindliche Ge—
valten den Weg freibekämen, das stolze, große Deutschland
zu zerschlagen. —
Nein, alle diese Dinge konnte sie den für das Straßen⸗—
zild so hingebend bemühten Herren nicht erzählen. Und als
m vorigen Jahr ein neuer Beamter kam, sich ihr als Bau—
at Meyerhahn vorstellte und viel von „Verständnis“, von
Lebensgeschichte, die ein Haus bedeute“, von „persönlichen
krinneruüngen“ mit Schwung sprach, sichtlich stolz auf die
Feinheit seines „Eingehens“ auf die Schrullen einer alten
v*rau, da aipfelte sein Norschlaa darin. daßk ihr Haus