Full text : 10.1932-1933 (0010)

Mäüätter der

eit.

» Nr.

J or uns steht der Traum aller Technik: der
2 Maschinenmensch. Sein Knochenbau Aluminium—
stahl, alles abgefedert, seine Leistungsfähigkeit abge—
stempelt mit 12 Jahren Garantie. Nur durch die
Seele sollen die Menschen sich unterscheiden von diesem
raffiniertesten Gebilde der Technik. „Diese Seele aber,“
so erhält Schirokauer von seinem Maschinenmenschen
die Antwort, „bedeutet nur eine nutzlose, schmerzende
Beigabe für den Menschen. Ihr Gebrauchswert ist
heute so minimal, daß die wenigsten ihr Fehlen über—
haupt bemerken würden. . . Seele ist am laufenden
Band unerwünscht ... Seele stört ... Seele ist entbehr—
lich ...“

dern ganz einfach — Mütter. Selten klingt ein Schrei
durch ihr einfaches Deuten. Nur einmal. Sie hebt die
dand zum Schwur: „Nie wieder Krieg.“ Und die
chweigend Wissenden, Käthe Kollwitzs Mütter, weckt
dieser Schrei. Sie stehen vor uns und rufen uns an:
„Nicht noch einmal dieses Morden. Um Eurer — um
Deiner Mutter willen.“
Unsere Mütter stehen vor uns als Hoffende. In—
nitten eines Volkes, dem Stück für Stück Zukunfts—
glaube und Hoffnung aus den Händen bricht: „Unsere
stinder werden es einmalbesser haben als
wir.“ Ohne diese Hoffnung würde Mutterschaft und
hre Verantwortung unerträglich heute sein. Dieses
doffen ist Gnade, die unseren Müttern gegeben ist,
daß sie den „schweren Kronreif“ tragen können. Es
ist aber auch der leise Nachklang aus den Schwingungen
des Kosmos, in die so tief hineinzuhorchen wie eine
Mutter es keinem von uns gegeben ist. In den Stun—
den, da ein Mensch geboren wird, versinken die
„großen“ Dinge des Tages, werden klein und belang—
os, eine Schau göttlicher Weltordnung tut sich auf,
es „schließt der Himmel, der gesternte“ eine Mutter in
dieser Stunde „ganz in seine großen Atemzüge“. In
ewig neuer Wiederholung bildet diese Hoffnung unserer
Mütter das Rückgrat eines bis zum äußersten ringen—
den Volkes. Sie wird Verpflichtung und Aufforderung,
sie gibt uns den Glauben immer wieder, daß unter
den Kindern dieser Mütter Menschen sein werden, die
die Kraft besitzen, aus den Ruinen einer Zeit des
Niederbruchs neues Leben wachzurufen. In diesem
doppelten Sinne wird die Hoffnung unserer Mütter
zur schöpferischen Kraft.
Und unsere Mütter sind in der Stille Ueber—
winder. Mutter sein heißt in der Mitte stehen. In
der Mitte aber kreuzen sich die Gegensätze, die Mitte
zieht oder stößt ab, verknüpft oder trennt. Wenn
der Ausgleich der Mitte fehlt, reiben Kanten sich
vund und Stöße prallen aneinander. Darum zer—
»rechen Familien, wenn Mütter sterben — oder ver—
agen. Darum zerbricht aber auch ein Volk, wenn es
die Türen verriegelt zwischen draußen und drinnen,
den Trennungsstrich engherzig zieht zwischen denen,
‚,die ins Haus gehören“ und den „Männern der Po—
itik“. Es fehlt der Ausgleich der Mitte.
Ddann erleben wir das Unheil unserer Tage, daß Men—
chen, arme, verhetzte, hungernde Menschen funktio—
rieren wie mechanisch bewegte Glieder einer Partei—
naschine, die bei der geringsten Hebelstellung zu weit
nach rechts oder links sich gegenseitig zertrümmern.
Es fehlt der „Mensch“ in der Politik. Und
diejenigen, die wir als „Hüterinnen menschlicher
Werte“ ansprechen, seien sie Mütter dem Leibe oder
dem Geiste nach, stehen vielfach abseits und schweigen.
Vielleicht deshalb, weil ihre politische Sprache noch
inbeholfen klingt und sie noch nicht gelernt haben,
in Schlagworten zu widerlegen. Manchmal auch des—
salb, weil sie nicht glauben können, daß, „wenn einer
Jean heißt, jeder Hans sein Feind sein muß“, sondern
m der trauernden Unbekannten jenseits der Grenze
immer noch die — Mutter sehen. Aber wir dürfen
roßkdem nicht vergessen. wievyiele Spitzen des Hasses

In dieser erzwungenen oder auch erwünschten
„Seelenlosigkeit“ der Zeit feiern wir Deutsche Mutter—
tag. Mutter sein aber heißt „beseelte“ Hände haben,
selber die „Seele des Hauses“, die „Seele der Familie“
sein. So stehen diese Frauen in einem dunklen Zwie—
palt, und in diesem Zerrissensein werden sie zu den
großen, um Leid wissenden, hoffenden und in der
Stille überwindenden Menschen.

Musikzimmer in Goethes Elternhaus zu Frankfurt a. M.

Sie stehen als Wissende unter uns. Sie er—
leben am stärksten den Kontrast, blühendes, lachendes,
ahnungslos glückliches Leben in den Armen zu halten
— und selber fast zu zerbrechen unter Sorge und Last
und bitterem Erfahren, eine Bürde, an der sie schwerer
tragen als der Mann, weil Frauenseelen leichter ver—
wundbar und empfindsamer sind in der Ahnung noch
ichwererer Stunden. Sie beugen sich tief — aber nur
innerlich. Nach außen müssen sie die Aufrechten sein
n der Familie, die Immerfrohen den Kindern gegen—
über, Menschen mit dem immergleichen still versöhnen—
den Gutschein. Dieses Aufeinanderprallen stärkster
Gegensätze in der Seele einer Mutter können wir nur
ahnend nachempfinden. Die besten Mütter sprechen
nicht über dieses schmerzliche Erleben: aber eine von
ihnen hat uns dafür die Augen aufgetan: Käthe
Kollwitz, die „mit fürchterlicher Unerschrockenheit die
Finger hinstreckt“ auf die müden, unter schwersten
Ldasten gebeugten Schultern und die leidverwitterten
Gesichtszüge unserer Frauen. Mütter sind es, die sie
zeichnet, nicht deutsche. nicht französische Frauen, son—
            
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