Full text : 10.1932-1933 (0010)

Nr. 12 II.
an sich recht anspruchsvolle Dichtung mit einem in der
Geschichte des Männerchors einzig dastehenden großen
Apparat aufgezogen, großes Orchefter, mehrere Manner—
chhre, Frauen- und Kinderchor, 4 Solisten, Viele stoßen
sich daran, viele stoßen sich an der romantischen Art, viele
an der stark spekulativ gerichteten Musik mit ihrer Leit—
motivtechnik. Wie dem üuch sei, fest steht eins, daß es
eins der eigenartigsten Chorwerke der letzten Zeit ist.
Ueber die andern, uraufgeführten Werke gab es nur
eine Stimme, ein Urteil von seltener Einmütigkeit.
Die „Deutsche Messe“ ist das volkstümlichste und
unkomplizierteste dieser Werke. Die Dichtung von Christine
Koch ist ursprünglich in westfälischer Mundart geschrieben,
die gewiß den Reiz des Werkes erhöht. Die hochdeutsche
Uebersetzung weicht aber kaum davon ab, so daß die Auf—
führung für jeden deutschen Männerchor möglich ist. Der
„Introitus“ ist ein in seiner Schlichtheit erhabenes Stück
in dem jede Stimme sangbar gehalten ist und das am
Schluß durch harmonische Wendungen, die man in ihrer
überraschenden Neuartigkeit nie für möglich gehalten hätte,
aufhorchen läßt. Das freudige „Gloria“ bringt ebenso
wie das außerordentlich schwere, wie gemeißelt dastehende
„Credo“ eine prachtvolle, mit allen polyphonen Künsten
gespickte Fuge. „Offertorium“, „Sanktus“, wie auch das
„Agnus dei“ beruhen auf in der Wirkung fein berechneter
Doppelchörigkeit, wobei der 2. Chor als Fernchor unsicht—
bar gedacht ist. „Offertorium“ und „Agnus dei“ wirken
wie in farbige Harmonik eingebettete Choräle; spürbar han
dabei der große Sebastian Pate gestanden. Das „Bene
dietus“ erscheint in doppelter musikalischer Bearbeitung
einmal romantisch subjektiv im homophonen Satz, der jede⸗
Sängerherz vor Entzücken höher schlagen läßt, zum andern
im objektiv polyphonen Satz. Die Krönung des ganzen
Werkes ist das herrliche, liturgisch eigentlich nicht mehr
zur Messe gehörige „Ave Maria“, Rezitativischer Chor
gesang, doppelter Chor in einer lieblichen Choralweise und
am Schluß achtstimmig vollgesetzter Chor im zartesten
Pianissimo, ein Triumph schlackenlosester Schönheit, und
doch ohne verhrauchte Wendungen. im besten Sinn neu—
artig. Diese Messe stellt sich als ein Werk dar, das jeden
einigermaßen leistungsfähigen Chor vor dankbarste Auf—
gaben stellt. Um seine Schönheit und musikalische Kostbar—
keit wäre es schade, wenn sich nur katholische Chöre seiner
bedienen würden.

dilllJ Saar⸗-Sänuger-Bunde.

Seite 261

»oller Wirkung. „Nun ade, ihr Kameraden“ ist ein satz—
echnisches Meisterstück, eine choralartige Melodie mit
ontrapunktierenden Stimmen, von denen die eine im Kanon
begleitet,, Im Schlußchor „Das Bergwerk brennt“ ist
Rellius die ideale Synthese von textgebotener, malender
Ausdruckskraft und rein musikalisch bedingter (polyphoner)
Satzkunst gelungen. Das ist ein in grellsten Farben flackern—
des Tongemälde von ungeheurer Wucht, Hegars Balladen—
technik in neuartiger Weise bis auf die Grenzen des Mög—
lichen treibend. Treffender kann man sich das Gedränge
der Menschen, das Kreischen der Sirenen, die irren Schreie
der Menge nicht dargestellt denken. kühner könnte es nicht
in gleichwohl strenge musikalische Formen gegossen werden
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Eine ganz andere Welt offenbart sich in dem großange—
iegten ,Kuhrzyftlus“ op. 45 (4 Männerchöre nach
Dichtungen von Maria Weinand und Jos. Winkler). Das
Werk ist dem Berliner Lehrergesangverein gewidmet und
wird wahrscheinlich von andern nicht auf gleicher Stufe
stehenden Chören kaum einwandfrei gesungen werden
können. Der erste Chor „Ruhr“ ist das schwerste, was ich
an Chorwerken jemals zu Gesicht bekommen habe. Er
strotzt von rhythmischen Schwierigkeiten, von heiklen Inter
vallen, chromatischen Gängen und harmonischen Klippen,
spannt die Stimmen bis zu den Grenzen ihrer Leistungs—
fähigkeit und ist dazu noch ganz polhphon gehalten. Man
kann diesem Chor den Vorwurf unnötig stark instrumental
gedachter Struktur nicht ersparen und muß ihn doch als eine
außerordentliche Leistung würdigen. Um einen Begriff da—
von zu geben, seien ein vpaar beliebig herausgegriffener

S. Beispiel 2.). Man hat diesen Ruhrzyklus nicht mit
Unrecht als eine Chorsymphonie bezeichnet. Man mag
zegen das rücksichtslos über alle technische Grenzen Hin—
vegschreiten Einwendungen erheben, man mag als die
Errungenschaft deutschen Chorschaffens noch so sehr Ein—
fachheit und Volkstümlichkeit preisen, daneben behauptet
sich nun einmal der Kunstchorgesang und hat im Ruhr—
zyklus etwas Eigenwilliges und Einzigartiges geschaffen.
Der Zyklus „Deutschland“ (10 Gesänge für drei—
timmigen Männerchor, auch für Frauenchor oder drei ge—
nischte Stimmen möglich) ist in einzelnen Stücken wieder
leichter. Die Perle darin ist zweifellos das „Requiem“,
ein die Tristanharmonik weiterführendes Werk von packen—
der Eindringlichkeit; leider sehr schwer. Es beweist, wie
neuartig man trotz aller scheinbar seit Wagner erschöpften
Möglichkeiten doch noch in harmonischen Dingen sein kann.
Ein paäar Takte daraus hier als anschauliches Beispiel.
(Beispiel 3.) Einfacher, für jeden guten Chor im Schwierig—
keitsgrad erträglich, dabei an Schönheit nicht nachstehend
das herrliche „Heimat“, das in seiner Volkstümlichkeit bei
aller Originalitaͤt seiner Wirkung gewiß ist. Aehnlich auch
das prachtvolle „Heimkehr“, ferner „Soldatenabschied“ und
Danklied für die Verkündigung des Friedens“, während
der „Gesang der Deutschen“, „Bekenntnis“ und „Volk“
wieder sehr schwer sind.
Neben diesen preisgekrönten Werken verdient es eine
Reihe anderer Werke von Nellius endlich der hreiteren
Deffentlichkeit bekannt zu werden. Es sind vor allem die
zündenden und wirkungsvollen Chöre aus dem Zyklus
Vaterland“, von denen übrigens der erste, „Vaterland“,
Fingang in die große Kantate „Von deutscher Not“ ge—
unden hat. „Troͤst“, trotz seiner Einfachheit ein Treffer,
aun von mittleren Vereinen mit bester Wirkung gesungen
derden. Er ist der Chor für den Volkstrauertag. Ebenso

In gewaltigem Aufschwung, bei immer noch
rrschtem Zeitmaßz!

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Takte hier wiedergegeben. GBeispiel 1.) Demgegenüber ge—
radezu leicht ist der 2. Chor „3 3werge kamen gefahren“,
ein in Textausdeutung und Ausdrucksgewalt geradezu un
heimlich scharfer und schlagender Chor mit feinster humor—
            
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