Der neue Zug nach Vorden.
In Hans Heycks bekanntem Zukunftsroman „Deutschland
Bohne Deutsche“ wird das Nordland als eine Zuflucht—
ftätte der Deutschen hingestellt. „Wir Germanen sind im
Norden groß und stark geworden. Warum sollte man nicht
auch heute noch versuchen, Männer und Frauen zu finden,
die eine neue Volkswanderung antreten wollen, zurück in
den Norden, in die alte Heimat und ihre großartige
Einsamkeit? In ihren kraftvollen Raum und ihre strenge
Gottesnähe?“
Die Voraussetzungen, die durch die Konsequenz der
Romanfiguren bedingt sind, entsprechen selbstverständlich
nicht den Verhältnissen der Wirklichkeit. Trotzdem darf
dieses Romanzitat als eine Mahnung gelten, um auch auf
kulturellem Gebiet nicht unsere Stammesverwandtschaft mit
unseren nordischen Brüdern zu vergessen. Gemeinsamkeit
des Künstlerlebens bietet mannigfache Berührungspunkte.
Aber was wissen wir von den künstlerischen Aeußerungen
des Nordens? Kennen wir ihre Musik — als deren eifrigster
Vorkämpfer der Isländer Jon Leifs populär geworden ist?
Welcher musikalische gebildete Laie weiß in Deutschland.
daß in einer 300 Lieder umfassenden isländischen Volks—
liedersammlung ein Fünftel der isländischen Lie—
der deutschen Ursprungs ist? Daß unsere Volks—
weisen wie „In einem kühlen Grunde“ oder „Ach, wie ist's
möglich dann“, „Aennchen von Tharau“ und viele andere
mit isländischem Text oft und gern gesungen werden?
„Kein anderes Volk der Erde hat soviel aus dem deutschen
Volkslied geschöpft wie der Isländer“, hat K. Sjöstrom
festgestellt. Sollte uns das nicht zu denken geben? Ist die
Gleichheit der Volkslied-Neigungen nicht ein überzeugender
Beweis auch für die Uebereinstimmung der Völker-Seelen?
Und wie sieht es in anderen nordischen Ländern aus?
Diese Frage kann uns niemand besser beantworten als
der berusene Führer der im Finkensteiner Bund zusammen—
geschlossenen Jugendbewegung, Walter Hensel. Er hai
als ein vom Naturinstinkt geleiteter Kulturpolitiker in sei—
nen alljährlichen Finnlandfahrten in aller Stille die Not—
wendigkeit erkannt, den Zug nach dem Norden vorzubereiten.
Lassen wir eine Teilnehmerin an der letzten deutschen
Singfahrt nach Finnland (Juli/ August vorigen Jahres) per—
sönlich erzählen:
„Unsere Fahrt mit fünfzig Mitgliedern der Finkensteiner
Bewegung war ein erstmaliger Versuch, in geschlossenem
Heinrich Kullmann rührte keine Geige mehr an. In der
Kapelle blies er die Oboe. Als er Hofmusiküs ward, hatte
er sich jedoch vorbehalten, an besonderen Festtagen auf dem
Turme den Choral mitblasen, ja ihn dann selber aus—
wählen zu dürfen. Erst da die Stadtpfeiferei ein Ende
nahm, fühlte er, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war
So blies er denn oben auf Weihnachten, Neujahr, Ostern
und Pfingsten, und die Bürger merkten's gleich an dem
vollen feierlichen Klang, daß der alte Heinrich Kullmann
wieder auf dem Turme stehe. Außer jenen Kirchenfesten
hatte er sich aber auch noch für einen persönlichen Festtag
die erste Posaune ausbedungen. Es war dies der 14. Julu
sein Hochzeitstag. Da überdachte er wohl in dämmernder
Frühe beim Aufstehen die wunderbare Führung. mit der
ihn Gott durch Leid zu Freud' gebracht, und freute sich
des Segens, der nicht von seinem Hause gewichen war, ob—
diß er dasselbe in Leichtsinn gegründet, dann aber in
ut und Gottvertrauen gestützt und gefestigt hatte. Zweierle
war es, was ihm nach seiner Meinung diesen Segen be
schert: daß er nicht bloß das Brot vom Wege aufgehoben,
sondern mit dem Brote auch das Kind, und dann, daß er
in dem Bauernmädchen von Ebersbach ein so unübertreff—
liches Weib gefunden. Was er von seinem verstorbenen
Friedrich zu sagen pflegte, das sagten die Leute auch wohl!
von ihm: er sei fast zu gut für diese Welt und zu zart,
und fügten dann hinzu: ein Glück, daß er eine so gestrenge
heft'ge Frau hat.
Mit frommen Gedanken, mit schmerzlich süßen Erinne
rungen bestieg der ehemalige Stadtpfeifer am 14. Juli den
Schloßturm. Dann aber stieß er oben so mächtig in seine
Tenorposaune, daß es widerhallte von den Felswänden des
Thor unsere alten deutschen Gesänge in den hohen Norden
zu tragen und auf einer gemeinsamen Singwoche mit vier—
zig finnischen Teilnehmern in Kajagin (Rordfinnland) ihnen
unsere alten Kulturgüter zugänglich zu machen, sowie selbst
on ihnen finnische Volkslieder zu lernen. Dreieinhalb
Wochen hindurch haben wir in verschiedenen Städten Orgel—
und Volksliederabende gegeben, aufs herzlichste von Be—
hörden und Einwohnern begrüßt und aufgenommen. So
deranstalteten wir in der relear zu Reval ein
Drgel- und Chorkonzert mit mittelalterlichen geistlichen
Volksliedern und, Orgelvorträgen von Walter Tappolet
Zürich), einen Liederabend mit sinnischen und deutschen
Volksliedern in Helsingfors. Die Fahrt war eine An—
nüpfung von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch. Daß
ie gelungen, bezeugen uns Briefe der neugewonnenen
innischen Freunde, die uns schon auf der Heimreise er—
zeichten. Alle verstanden uns, denn sie sind Bewohner
eines armen Landes mit einer erstaunlich hohen Kultur,
die in ihrer Drsenaen Naturverbundenheit noch nicht
dem Verfall so nahekommt wie die deutsche. Ueberall sah
man in uns die Vertreter des Volkes, das Finnland 1918
zu seiner politischen Freiheit verholsen hat, dessen —
in Finnlands Erde neben ihren eigenen ruhen. In Hel—
singfors schmücken unsere Abschiedskränze die Grabmäler der
Befallenen beider Nationen:
Schläfer unseres Blutes, in fremder Erde gebettet,
Stören wollen wir nicht, euren Schlaf, der uns heilig.
Unseren Dank nur klingen Lieder euch unger Herzen,
Daß ihr sterbend gebaut Brücken in dieses Land;
Bautet sie über Meere hin zu den blauen Seen,
Hin zu den weißen Nächten, hin zu den finnischen Freunden
Seht, wir bauen weiter — statt der Schwerter — Geigen,
Staätt des Schlachtrufs — Lieder. Herr, laß würdig uns sein!“
Und wir schließen unsere Betrachtung mit einem Wunsche
unserer begeisterten Finnlandfahrerin, in den wir von
ganzem Herzen einstimmen:
„Ungeprägte, ihnen selbst noch unbekannte Werte liegen
in ihrer uralten Sprache, ihrem Volksepos Kallwala, ihren
Liedern, die wir ausmünzen konnten. Helfe jeder von
uns an seinem Teil mit, daß nur berusene
deutsche Hände diese Schätze heben.“
Dr. Fritz Stege.
engen Talkessels, und wie er die Töne aushielt, anschwellen
und verklingen ließ, so machte es ihm keiner nach, ja er
selbst konnte an keinem andern Tage blasen wie an diesem
Denn es schallte nicht bloß die Posaune, daß sie den rechten
Ton gab, sondern der Stadtpfeifer sang auch inwendig
bei sich den rechten Text mit, und es klang in ihm wie
ein ganzer, voller Chorgesang, wie ein Tedeum nach ge—
wonnener Schlacht, wenn sie selbst viere zu blasen anhuben
„Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge tut
An uns und allen Enden:
Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
Unzählig viel zu gut und noch jetzund getan.“
Traten die Bläser ans gegenüberstehende Fenster, um
den Choral zu wiederholen, dann schmetterte der Alte noch
gewaltiger drein, denn er schaute nun hinunter auf sein
daus und sang im stillen den zweiten Vers des Liedes
und dieser lautete, als habe ihn Martin Rinckart ganz
besonders gedichtet für unsern Heinrich Kullmann, den
Stadtpfeifer von Weilburg:
„Der ewig reiche Gott
Woll' uns bei unserm Leben
Ein immer fröhlich Herz
Und rechten Frieden geben.—
Und uns in seiner Gnad' erhalten fort und fort
Und uns aus aller Not erlösen hier und dort“