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Monatsschrift
Neber Zoo Vereine mit über Z0 Oooo Mitgliedern. Herausgegeben im Auftrage des Bundes
von Stadtichulrat Dr. h.c. Hans Bongard und Rektor Waltiher Stein, Saarbrücken.
Druch und Verlag der Buch⸗ und Kunftöruckerei Bebr. Hofer A⸗S. Saarbrücken
Volltlingen und Leiprig. Bezugspreis Er. 5.— viertelzährlach. Einzeluummer Er. 2. —
Februgar 1033
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Her Saar-Sänger-Bund hat sich seit Jahresfrist vor eine
Aufgabe gestellt von ungeheurem Ausmaß, aber auch
von außerordentlicher künstlerischer und volkserzieherischer
Bedeutung: Sichtung der gesamten Chorlite—
ratur!
Die Menschen stehen nun einmal unter dem Gesetz der
Beharrung, und wie Gesetz und Recht, so erbt sich auch
in den Männergesangvereinen seit Jahrzehnten eine große
Zahl von Chören wie eine ewige Krankheit fort. Sie ver—
schwinden nicht aus den Notenschränken, eine Dirigenten—
generation reicht sie der andern, in unkritischer Genüg—
samkeit werden sie von der Sängerschaft in Stadt und
Land immer weiter gesungen. So ist im Laufe der
Zeit eine ins Riesenhafte angewachsene musikalische
Schundliteratur entstanden, die von den „Lieder—
tafeln“ sorgfältigst gehütet wurde. Ihre Komponisten waren
oder sind „Künstler“, Könner, Macher, Fabrikanten. Sie
beherrschten — oft auch nicht — den sogenannten „Männer—
chorstil“, die sentimentale, süßlicheinschmeichelnde Melodie—
führung, eine auf äußere Effekte gestellte Harmonisierung,
raffiniert schmalzige Hervorhebung einer Stimme, den
Pathos der Dynamik, kurz alle Mittel der „Famosen Auf—
machung“. Nur eins fehlte: die Glut des Nicht—
anderskönnens, des Müssens, die Schöpfer—
kraft des Genius. Im Banne solchen Chorgutes
mußte die in unsern Männergesangvereinen geübte volks—
tümliche Musikpflege im Beckmessertum, im Handwerker—
lichen, in öer Liedertafelei erstarren und versimpeln. Je
und je schlich sich einmal ein Werk aus Meisterhand, ein
Chor Schuberts, Schumanns, Mendelssohns in das Reper—
toire ein, um dann ebenfalls auch zum „eisernen Bestand“
zu erstarren.
In der musikalischen Schulung der Sängerschaft ist im
Laufe des letzten Jahrzehnts trotz der oft sehr geringen
technischen Vorbildung unseres singenden Volkes dank ihrer
Hingabe und dank fleißiger Arbeit der Chormeister vieles,
sehr vieles besser geworden. Aber musikalische Schund—
literatur liegt noch bergehoch in den Notenschränken und
wagt sich immer mal wieder hervor, selbst in Konzerten
und bei Wertungssingen. Mittelgut dagegen beherrscht die
Lage, und das wirklich Wertvolle und Beste kommt nur
ganz vereinzelt zum Klingen. Die nach des Tages schwerer
Arbeit aber noch Kraft und Liebe an das Lied setzen, und
ebenso auch die unglücklichen Arbeitslosen haben ein Recht
darauf, daß ihnen in den kuürzen Chorstunden für
Geist und Herz nur das Allerbeste darge—
reicht wird. Ihr Vertrauen, mit dem sie zu uns
kommen, würde sonst arg getäuscht werden, und wir würden
uns des Führertums nicht würdig erweisen.
Deshalb stellte sich der S.S.B. vor eine Aufgabe,
die ihn gewiß auf Jahre hinaus beschäftigen wird
Er faßte in einem Ausschuß für Chorliteratur
Männer der verschiedensten Sphären zusammen;: Chorprak⸗
tiker, Pädagogen, Fachmusiker, um durch sie das gesamte
Thorgut sichten zu lasffen. Sie fühlten sich zunächst — das
darf ruhig ausgesprochen werden — wie Herkules vor dem
Stall des Augias. Da galt es erst einmal nach Art eines
Autodafée den Kitsch außer Kurs zu setzen, zu brand—
marken, zu vernichten. Mutig, rücksichtslos, ohne Senti—
mentalität, ohne Bereitschaft zu Klüngel und Konzessionen
Und dann erwuchs eine Aufgabe ebenso schön wie schwer,
die Kompositionen unserer alten Meister
ehrfurchtsvoll und sorgsam durchzugehen — und öiächätze
ins Licht zu ziehen von unerhörter Schönheit, aber ver—
schüttet und vergraben, tiefer als der biblische Schatz im
Acker. Eine unermeßliche Bereicherung werden Männer—
hor und gemischter Chor erfahren, wenn das Ergebni—
dieses Suchens und Sammelns, dieser wahrhaften „Forscher
arbeit“ vorliegen wird, namentlich auch an polyphonen
Zätzen aus den Tagen des Mittelalters und an übersehener
Thorliteratur des Barock, der Klassiker, der Romantik.
Unter dem biologischen Gesetz, das sich gegen die Be
harrung schließlich doch das drängende Leben durchsetzt,
daß alte vergilbte Blätter weichen müssen, wenn neue
Knospen schwellen, steht auch die Kunst. Unter diesem
Besetz der Entwicklung schichteten sich im Laufe der
Jahre die verschiedenen Kunstepochen mit ihren Stilformen,
ihren Inhalten, ihrer Sprache. Auch die Gegenwar
pricht eine neue Sprache, die Sprache „gegenständ—
lichen Denkens“, die Sprache der Sachlichkeit, der Wahr—
haftigkeit. So will der Bund neben das wertvolle Alte
auch das gute Neue stellen. Und es darf auch hier gesagt
verden, daß der Ausschuß bereits wertvolles Chorgut
zeitgenössischer Komponisten gesichtet, gesammeli
und nach Schwierigkeitsgraden geordnet hat: Volkslieder—
satz und Kunstchor, geistliches und weltliches Lied, à cappella,
nstrumental- und orchesterbegleitete Chöre. Nicht treff—
icher konnte der S. S. B. sich als lebendiges Glied des
Deutschen Sänger-Bundes erweisen, der ja selbst eben durch
die „Nürnberger Sängerwochen“ und das „Frankfurter
ZSängerbundesfest“ die Tore weit aufgetan hat für zeit
genössisches Kunstschaffen.
Das Ergebnis der Forscherarbeit des S. S. B. soll den
Thormeistern zunächst auf dem Wege über die Bundes—
zeitschrift zugeleitet werden. Hernach aber ist die Her—
ausgabe eines Führers durch die Chorlite—
ratur ins Auge gefaßt, der bildgeschmückt und mit zahl—
reichen musikgeschichtlichen, ästhetischen und methodischen
Hinweisen versehen, ein ständiger und zuverlässiger Be—
rater für den Chormeister zu werden verspricht. Es ist
wahrlich noch viel Gärtnerarbeit zu leisten, ehe diese Früchte
alle reifen. Aber es steht den Bundesvereinen eine Ernte
bevor, die alle Mühe reichlich lohnen wird. Und sie wird
sicher nicht nur den Männer- und gemischten Chören an
der Saar, sondern dem ganzen D.S. B. zugute kommen
Diese Arbeit mußte einmal getan werden,
wenn die volkstümliche Chorbewegung aus
dem Handwerkerlichen zur vollberechtigten
Runst emporsteigen soll!
Walther Stein.