llh Saar⸗Sänger-Bund II
im nächsten Herbst abgehaltenen Hauptversammlung des
Vereines einstimmig zum musikalischen Führer gewählt.
Sofort, als Kirchl seine Tätigkeit begann, machte sich
im, Schubertbund ein frischer Zug bemertbar. Da kurze
Zeit darauf der bisherige Vorstand des Schubertbundes,
Direktor Franz Bobies, der den Verein fast seit der Grün—
dung administrativ geleitet hatte, starb, ergriffen neue,
tatkräftige Männer mit August Fetzmann an der Spitze
das Steuer des Vereinsschiffes und segelten mit dem
jungen Kirchl mutig durch die brandenden Wogen. Mit
unermüdlicher Schaffenslust waren diese Männer bestrebt,
den bisherigen, durch das Altern der früheren Vereins—
führer bedingten allzu konservativen Geist durch ihre be—
feuernden Ideen zu verjüngen, und Kirchl war zu diesem
Vorhaben in künstlerischer Weise der richtige Mann. Der
Verein wuchs von 200 Sängern bald auf 300 und auf
400. Kirchl belebte das Studium in den Proben und
führte große Werke, wie das „Liebesmahl der Apostel“ von
Richard Wagner, „Rinaldo“ von Johannes Brahms,
„Mirjams Siegesgesang“ von Franz Schubert, „Frith—
jof“ vvn Max Bruch, „Fingal“ von Arnold Krug,
„Meine Göttin“ von Josef Reiter, „Kolumbus“ von
Heinrich Zöllner, „Das Meer“ von J. Nicodé u. a.,
und verschiedene neuere, bedeutende Vokalwerke auf. In—
folge dieser interessanten Werke und deren glanzvollen
Wiedergabe horchte ganz Wien auf, und Kirchl errang
sich in kurzer Zeit einen angesehenen Namen.
Er verstand es, junge Talente zu entdecken, wie Hans
Wagner, der später sein Chormeisterkollege im Wiener
Schubertbund wurde, Karl Lafite, Josef Reiter,
Camillo Horn, Heinrich Rietsch, Karl Senn u. a.
Ein bleibendes Verdienst Kirchls war die Schaffung der
Schubertiaden. Zu Schuberts Lebzeiten nannten seine
Freunde jene geselligen Zusammenkünfte, die sie zu dem
Zwecke veranstalteten, um die Werke ihres jungen Meisters
kennenzulernen, „Schubertiaden“. Sie fanden bei Schober,
Spaun u. a. statt, und Schuberts Kunst war für die
intimen Räume der Altwiener Wohnungen von bezaubern—
der Wirkung. Ueber Kirchls Vorschlag wurden in einem
echt wienerischen Biedermaiersaale diese Abende wieder ins
Leben gerufen und der liebevollsten Pflege der Schubertschen
Muse gewidmet. Es galt für eine besondere Auszeichnung
zu einem solchen Abend, der nur im engsten Mitglieder—
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reise veranstaltet wurde, eingeladen zu werden. Die
Schuübertiaden sind bis heute eine besondere Eigenart im
Wiener Konzertleben geblieben und ermöglichen dem Verein,
sich der Schübert'schen Kunst in noch ausgedehnterem Maße
zu widmen, als dies vordem möglich war.
Kirchl führte seinen Wiener Schubertbund nicht nur zu
zroßen Triumphen in Wien, sondern trug mit seinen
Zängern das Banner des Vereines wiederholt auch im
Siege in das Ausland, so in die Schweiz, nach Frankreich,
Bosnien, Schweden, Norwegen, Dänemark usw. 1901-05
dirigierte Kirchl auch als Kapellmeister des Wiener
onzertvereins dessen in der Konzertsaison wöchentlich
zweimal stattfindenden populären Orchesterkonzerte, die
veitere Kreise mit den Werken unserer Klassiker und her—
»orragender zeitgenössischer Komponisten bekannt machten.
Im Jahre 1916, nach 25jähriger Dirigententätigkeit im
„Schubertbund“ und „Ostmärkischen Sängerbund“, legte
dirchl, gezwungen durch gesundheitliche Verhältnisse,
eine Aemter zurück und überfiedelte nach dem stillen
3zwettl, wo er sich ein gemütliches Landhaus erbaut hatte
ind in der würzigen Luft des niederösterreichischen Wald—
iertels nach einiger Zeit seine Gesundheit wieder gewann
i924 kehrte er in seine Vaterstadt zurück und lebt seither,
in dem musikalischen und geselligen Leben der Großstadt
zegen Anteil nehmend, im behaglichen, glücklichen Familien—
kreise, umgeben von seiner Gattin und seinen drei Söhnen
Möge dem hochverdienten Manne, der zu den verehrtesten
Persönlichkeiten Wiens zählt und noch heute rege schöpfe—
risch* tätig ist, ein langer, sonniger Lebensabend beschieder
int Anton Weiß,
Wien.
* Die Juli-Nummer unserer Bundeszeitschrift brachte im
Anschlusse einer Biographie Kirchls ein Verzeichnis seiner
sRompositionen, zu dessen Ergänzung noch folgende zuletzt
erschienene Männerchöre zu erwähnen wären: op. 96, Lied
der Schmiede, mit Baritonsolo und Klavierbegleitung
Hug, Leipzig); op. 93, Der versenkte Hort (Leuckart,
deipzig); op. 98, Heitere Chöre in Volksmundart ('s Lusti—
sein, D' Musikanten, Der Wigl-Wagl); op. 99, 1. Ueber
Feld war ich gegangen, 2. Du liebes, kleines Mägdelein,
3. Der Liebe süße Zeit, 4. Die heimliche Stelle, 5. Heim
ehr (Robitschek, Wien).
je wieder der ganze Stadtpfeifer werde, der ich gestern noch
gewesen bin!“
„Ich will Ihm ja Seinen Friedrich nicht nehmen,“ tröstete
der Fürst tief ergriffen. „Er wird wiederkommen als voll—
endeter Meister, und Ihr werdet dann nicht bloß der
ganze, sondern ein verdoppelter Stadtpfeifer sein.“
„Und doch ist mir's, als hätt' ich heute zum letzten Male
gegeigt,“ sprach Heinrich Kullmann leise vor sich hin, indes
der Fürst dem lauten Dank sich entzog, für den jetzt Frau
Christine Worte fand, und die Wendeltreppe hinabstieg.
Neubauer blieb noch einen Augenblick zurück. „Unglück—
licher Mann,“ rief er dem Stadtpfeifer zu, „warum habt
Ihr meinen alten Reiserock, der neben in der Kammer
hängt, nicht angezogen? Wäret Ihr nicht in den Hemd—
ärmeln geblieben, so hätte euch der Fürst hier auf der
Stelle zum Hofmusiker ernannt: es war alles schon ab—
geredet!“
Der Stadtpfeifer trat gelassen näher, befühlte das Tuch
seines eigenen ziegelroten Rockes und sprach: „Das Kleid
sitzt euch wie angegossen. Seht, Ihr seid gleich an den
rechten Mann gekommen, in ganz Weilburg ist vielleicht
kein zweiter, dessen Rock euch so schön gepaßt hätte; ich
bin dagegen ein Unglücksvogel, und wo mir endlich einmal
der Hirsebrei fürstlicher Gnade geradezu vor dem Mund
niederregnet, habe ich keine Schüssel, um ihn aufzufangen.“
Neubaduer eilte dem Fürsten nach. In dem Augenblick
da er die Stube verließ, trat der Kapuziner atemlos zur
anderen Türe herein, den Rock des Küchenmeisters auf
dem Arm.
Zu spät!“ rief der Stadtpfeifer und warf sich todesmüd
auf einen Stuhl.
„Zu spät!“ wiederholte der, Kapuziner. „Dann will ich
ungesäunit in den goldenen Löwen gehen, um zu erkunden,
wie es Neubauer angefangen, daß er innerhalb einer Stunde
ganz besoffen den Schneider mit dem Kruge prügelt und
dann wieder fast wie nüchtern dem Fürsten aufwartet, so
zewandt, als sei er auf dem Parketsboden zur Welt ge—
tommen. Dieser Neubauer ist ein Mann, den man bewun—
dern und studieren muß!“
In wenigen Tagen trat Friedrich die Reise nach Wien an
Nun ward es still in der Turmstube. Der Stadtpfeifer
zlies nur noch im Dienste und im Geschäft. Die Geige hing
im Schrank; Kullmann wollte sie nicht anrühren, bis er
vieder mit Friedrich Duett spielen könne. Nur wenn
uzeiten ein Brief aus Wien kam mit erwünschter Nach—
icht über des Sohnes Wohlbefinden, ja wohl gar mit
inem beigeschlossenen eigenhändigen Schreiben Joseph
daydns — dem Stadtpfeifer zitterte allemal die Hand.,
venn er das Siegel des vergötterten Meisters erbrach —
iber Friedrichs unerhörte Fortschritte, nur dann ging er
angsam zum Schrank und schaute sich die Geige vergnügt
vehmütig an;: aber um keinen Preis würde er einen
Strich darauf getan haben.
So verging ein halbes Jahr gar stille, und es war Winter
zeworden Kapellmeister Neubauer hatte sich festgesetzt be
Zofe und die ganze Hoftapelle umgewälzt. Doch der Er—
lg sprach für seine kecken Neuerungen. Minderen Bei—
alk fand es, daß er allwöchentlich bald vor diesem, bald
or jenem Wirtshause um Mitternacht selber in bedenk
ichen Umwälzungen gefunden und vom mitleidigen Nacht
wächter heimgeträgen wurde.
(Fortsetzung folgt.)
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