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Adolf Kirchl und der Wiener Schubertbund.
JIdolf Kirchl und der Wiener Schubertbund sind zwei
A Begriffe, die von einander nicht zu trennen sind. Es
war nach dem 4. Deutschen Sängerbundesfeste, das im
Jahre 1890 in Wien stattfand, als der Gründer des
Adolf Kirchl.
Wiener Schubertbundes, der Tondichter Franz Mair, der
den Verein durch 27 Jahre künstlerisch geleitet hatte und
bei dem genannten Sängerfeste neben Eduard Kremser als
Festdirigent tätig gewesen war, wegen seines vorgeschrit—
Der Stadtpfeifer. Von W. H. Riehl.
Als nun Vater und Sohn ihre Instrumente richteten,
war es seltsam zu sehen, wie gewandt, fein und doch so
bescheiden Friedrich sich zu benehmen wußte, während der
Alte so hölzern war, als seien die Hemdärmel eine Eisen—
rüstung, und vor dem Fürsten scheu die Augen nieder—
schlug, dem neugebackenen Hofkapellmeister aber Blicke voll
tödlicher Wut zuwarf. Frau Christine verlor ganz den
Kopf über die Vermessenheit ihres Mannes, Duett vor den
durchlauchigen Ohren des Fürsten und den kritischen Neu—
bauers zu spielen. Der Kapuziner hatte sich auf ihre Bitte
davongeschlichen, um unten im Schlosse beim Küchenmeister
einen Rock zu borgen.
Das Duett klang anfangs etwas rauh und steif. Der
Stadtpfeifer gedachte noch mehr der Hemdärmel als der
Musik. Doch, da er dem Sohne wieder Aug in Anuge sah,
schwanden ihm diese Gedanken. Es klang allmählich wie
sonst; die Zuhörer waren vergessen. Friedrich blickte voll
kindlicher Unbefangenheit aufwärts; der Alte sah herab
mit Blicken, die so hell glänzten, daß man nicht wußte,
ob vor Tränen oder vor Freude. Ja, das war ein Duett]
Es war das allerschönste, welches jemals in der Pfeifer—
stube gegeigt worden ist. Wer's nur auch mit angehört
hätte! Zuerst mußte der Stadtpfeifer die Hemdärmel ver—
gessen; jetzt sah aber auch der Fürst die Hemdärmel nicht
mehr. Die Wände hallten wider von dem lauten Lobe;
doch diejenigen, denen es galt, hörten es kaum, so tie?
waren sie ergriffen von dem eigenen Spiel.
„Hört,“ sprach der Fürst und saßte den Stadtpfeifer bei
der Hand. „Euer Sohn muß nach Wien, nach Italien, daß
er ein ganzer Meister wird. Rüste Er allmählich seine Ab—
reise. Was zur Ausstattung fehlt, lasse Er bei mir for—
dern: die Reise- und Lehrkosten bezahle ich, und nach der
tenen Alters sein Amt im Schubertbund zurücklegte. Der
Schubertbund war dadurch vor die Notwendigkeit gestellt,
einen Nachfolger für Mair zu suchen. Zunächst blieb Alt—
meister Ernst Schmid, Mairs Chormeisterkollege seit der
Bründung des Wiener Schubertbundes, alleiniger musika
lischer Leiter, damit die Wahl eines neuen Dirigenten nicht
überstürzt zu werden brauchte. Mancher stille Bewerber
um die erstrebenswerte Stelle trat in die Reihen der
Sängerschaft des Vereines, um zunächst für sich Stimmung
zu machen und im geeigneten Augenblick mit seiner Kan
didatur hervorzutreten, mancher dem Verein schon als Mit
glied angehörender Musiker wurde in Beträcht gezogen
Unter den letzteren befand sich der junge Lehrer Adols
Kirchl, der schon 1880 durch seinen Vater, einen miit
einer schönen Tenorstimme begabten Staatsbeamten, in
den Verein eingeführt worden war. Adolf Kirchl, der
einen gründlichen Klavierunterricht bei seinem Onkel Karl
Streng erhalten und bei GEusebius Mandyczewski
Musiktheorie studiert, hatte sich im Verein bei mehreren An—
lässen als brillanter Klavierkünstler erwiesen, er war auch
bereits in mehreren angesehenen Wiener Gesangvereinen
Chormeister und hatte gelegentlich eines von einer vor—
nehmen Wiener Zeitschrift veranstalteten Preisausschreibens
den Sieg davongetragen. In dem Frühjahrskonzerte des
Wiener Schubertbundes 1891 debutierte er durch die Auf
führung seines schönen, seither vielgesungenen fünfstim—
migen Chores „Es muß ein Wunderbares sein“. Trotzdem
hatte sich die Meinung im Verein über die Person des
künftigen Chormeisters noch nicht geklärt. Da uünternahm
der Wiener Schubertbund im Sommer 1891 eine Konzert—
reise nach Norddeutschland, die unter der Führung des
alten Schmid stand. Bei dem in Dresden zu Ehren des
Wiener Schubertbundes vom Dresdener Männergesang—
oerein veranstalteten Kommers sang der gastgebende Verein
unter Hugo Jüngst einen Chor Kirchls, der so einschlug,
daß er wiederholt werden mußte. Jüngst übergab hierbei
den Taktstab dem Komponisten — und damit war die Chor—
neisterfrage für den Schubertbund entschieden. Der junge
emperamentvolle Künstler hatte gewissermaßen vor seinen
Sangesbrüdern zur Probe dirigiert und wurde bei der
Rückkehr wird sich ja wohl ein Platz in unserer Hofkapelle
für den jungen Hexenmeister finden.“
Der Stadtpfeifer hieß den Pflegesohn fortgehen, legte
seine Geige nieder und sprach: „Ich würde in Freuden
Dank sagen meinem gnädigsten Herrn, wenn mir die Tränen
nicht zu nahe stünden. Ich glaube, heute hab' ich zum
letzten Male gegeigt. Sehen Ew. Durchlaucht, ich bin
zigentlich ein schlechter Musikant. Immer habe ich mich
geplagt und konnte doch nichts zuwege bringen. Da ist
mir dieser Bube vom Himmel herabgeschickt worden. Oft
)abe ich bei mir gedacht, ob Friedrich nicht mehr sei als
ein bloßes Findelkind, so ein — wie soll ich sagen —
herubimischer Genius der Musik, der einmal menschlicher—
weise hier unten geigen wollte, statt droben im Konzerit
der Engel die Harfe zu spielen. Dann wies ich aber
meine Gedanken allezeit streng zurecht und sprach zu mir:
Kullmann sei nicht närrisch! Allein, wenn mir der liebe
Gott am selben Abend das Geld für einen Laib Brot auf
die Straße legte, warum soll er nicht auch eigens dieses
Kind für mich dorthin gelegt haben, damit ich bei ihm
ein Brot der Erquickung für meinen inwendigen Menschen
fände? Als ich den Büben um Gotteswillen aufzog, da
ward ich inne, daß mir's wenigstens gegeben sei in einem
andern zu erwecken, was ich so deutlich in mir fühlte und
doch nicht von mir geben konnte. Oh, wie tröstete mich
das! Ich weiß nicht, war es ein Wunder oder hat es
natürlich so sein müssen — nur mit Friedrich konnte ich
neistermäßig spielen und bis dahe rauch nur insgeheim mit
ihm. Es ist uns oft recht elend gegangen, gnädigster Herr,
aber es ist doch kein Mensch in ganz Weilburg so glücklich
gewesen, als wir armen Leute hier oben auf dem Turm,
wenn ich mit Friedrich Duett geigte. Das ist nun aus
und vorbei. Jawohl, Friedrich muß hinaus. Wie sollen
wir Ew. Fürstlichen Gnaden dafür danken? Aber mit ihm
zieht das beste Stück von mir fort. Und wer weiß, ob ich