Full text : 10.1932-1933 (0010)

Nr. 9 IIIp
Al⸗ in der Mitte des 16. Jahrhunderts eine von der
SDBmenschlichen Stimme ganz unabhängige Musik zu blühen
begann, wurde nie angenommen, daß sie, die reine Instru—
mentalmusik, je der Kunst der Menschenstimme würde den
Rang ablaufen können, wie das ja dann im 18. und 19.
Jahrhundert der Fall gewesen ist; man hielt sie allent—
halben für eine Tochterkunst, die eher leichter Unterhaltung

ullsJ Saar⸗Sänger-Bunde“ »Jll Seite 191
—A— hied
ü ere Rhorlied.
1521. Mit seiner überaus fein entwickelten Kontrapunktik
dersteht er es, den Sänger und Hörer auch heute immer
vieder aufs neue zu fesseln, wenngleich es auch für den
modernen Chormeister nicht leicht sein wird, den Chor über
die Klippen von Josquins streng festgehaltenen Kirchenton

Frauenmusik im Freien.
als großen Kunstwerken dienlich sein würde. Man hat sich
— sollen wir sagen leider? — getäuscht. Allerdings ist
eine solche Einschäzung der eben anfangenden Instrumental—
musik begreiflich, wenn man bedenkt, welch hohes Niveau
die herrschende Chormusik damals erreicht hatte — ein
Niveau, das nie wieder erreicht, geschweige denn über—
troffen worden ist. Es war eine Blüte der Chorlyrik
und des Chorgesanges in uns ganz unvorstellbarem Aus—
maß. Es sangen einfach alle — und zu allen Gelegen—
heiten, kein Wunder, daß die Komponisten jener Zeit dem
allgemeinen Bedürfnis nach Chormusik für alle Zeiten und
Gelegenheiten in jeder Weise entsprechen. (Auch Tanzmusik,
Gassenhauer, „Schlager“, gediehen damals.)
„In der Zeit, die ungefähr zwischen 1450 und 1650
liegt, ist das Bedeutendste, was an Chormusik überhaupt
existiert, entstanden. Es ist nicht möglich, jeden der mehr
als 100 bedeutenden Komponisten im einzelnen zu behan—
deln, nur die hervorragendsten, und eigenartigsten mögen
hier in zeitlicher Anordnung folgen. Vorausgeschickt sei,
daß die künstlerische Individualität und Originalität jener
großen Meister auf ganz anderen Gebieten lag, als man
sie bei modernen oder romantischen Komponisten suchen
würde, viel weniger in den Details, immer im großen
ganzen, oft im Melodienstil, selten nur im Harmonischen,
das damals überhaupt eine vergleichweise geringe Rolle
gespielt hat. Wie wenig besonderes Gewicht man auf
originelle Harmonik gelegt hat, beweist am besten, daß
sich ganz formelmäßige Wendungen, besonders Schlüsse,
überall finden. Die Niederländer, dann erst Deutschland
und Italien stellen die größten Meister jener Epoche.
Den Anfang machen die Niederlande mit Dufay (1400
bis 1475), Ockenheim, Hobrecht und ihrem hervor—
vagendsten Vertreter Josquin de Préèés.
Gesungen wurde in jener Zeit eigentlich nur von
Männern, die hohen Stimmen wären entweder mit Knaben
oder kunftvoll geschulten Tenören besetzt. Der Kammerchor
ist in jener Zeit sehr beliebt, er ersetzt z. T. die Instru—
mentalmusik; Chornachahmungen von Instrumenten, z. B
Posaune, Trompete, Zinke, ja sogar Drehorgel sind zu
jener Zeit sehr häufig, Gewisse Vagantenlieder jener Zeit
weisen häufige Anklänge an unseren Bänkelsang oder den
Jahrmarktsmoritatenton auf, Massenchöre verbieten sich
zumeist von selbst durch die notwendig sorgfältige Aus—
wahl des Stimmenmaterials, die unbedingt bei diesen Lie—
dern vorgenommen werden muß. Gröhlende J. Bässe oder
unsichere IIJ. Tenöre müssen zur absoluten Reinheit und
edler, ja nicht zu starker Tongebung erzogen werden. Der
sog. Cantus firmus mancher Sätze (es wird noch von ihm
die Rede sein) muß vor allem' terxtlich, aber auch musi—
kalisch deutlich — zumeist von dem J. Baß gebracht werden.
Damals, im gemischten Chor, sangen ihn meist die Tenöre)
Bei den Niederländern blühte damals die hohe Kunst
des unbegleiteten Chorgesanges vor allen andern Ländern.
Dder Großmeister der Niederländer, Josquin de Prés, ist
um 1450 in Cambrai geboren, kam nach Italien und
Deutschland und starb, naächdem er Kapellmeister in Paris,
Ferraxra und anderen Städten gewesen war. in Condé—

Kaiser Maximilian J. bei seiner Hofkapelle.
arten hinüberzusteuern. Seine Kirchenmusik liebte besonders
Martin Luther sehr, er rühmte sie mit den Worten: „Sie
fiind willig, milde und lieblich, nicht gezwungen noch ge—
nötigt und nicht an die Regel gebunden, sondern frei wie
des Finken Gesang.“ Einigeé Sätze, besonders für den ge—
mischten Chor, sollten unbedingt gesungen werden, da sie
außer ihrer großen Schönheit noch ausgezeichnetes Chor—
erziehungs- und Bildungsmaterial bieten. Der hervor
ragendste Zeitgenosse von Josquin de Près war
Heinrich Isaae.
Der niederländische Hofkomponist Kaiser Maximilians I.,
der berühmte Schöpfer des Liedes „Innsbruck, ich muß dich
lassen“, stellt die ideale Verbindung von niederländischer
strenger Technik mit freiem deutschen Liedgeist dar. Gleich
vollkömmen in der Behandlung weltlicher und geistlicher,
gefühlvoller oder robuster Texte, ist er als der eigentliche
ßater der großen deutschen Chorlyrik zu bezeichnen. Die
ekanntesten Lieder von ihm sind: „Es hat ein Bauer ein
Töchterlein“, „All mein Mut“, „Innsbruck, ich muß dich
lassen“. — Neben Isage wirkte lange in Innsbruck
Paul Hofhaymer,
der, etwas jünger als Isaac, 1539 in Salzburg gestorben
ist. Seine Liedsätze sind noch etwas strenger und gebun—
dener in taktischer Hinsicht, auch stehen ihm nicht ganz die
nnigen Melodien seines Amtsbruders zur Verfuͤgung, doch
tammen einige ganz ausgezeichnete Liedsätze von ihm, vor
allem die Chöre zu einzelnen Oden des Horaz und anderer
römischen Dichter. — Ihm ebenbürtig, wenn nicht überlegen, ist
Heinrich Finck,
dessen „schöne, auserlesene Lieder lustig zu singen“, 1536
erschienen. Er war Kapellmeister in Stuttgart. Auch ihm
var es gegeben, die verschiedensten Stimmungen wieder⸗
zugeben, wie wir es in seinem innig zarten: „Ach herzigs
derz“ oder seinem kecken Trinklied: „Der Ludel und der
henfel“ bewundern können. — Ein Schüler Heinrich Isaaes
war auch der künstlerische Mitarbeiter Luthers am neuen
Kirchengesang Ludwig Senfl,
in Großmeisffter der Ehormufit um 1500 vehnren wor
            
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