Nr. 9 prnernrin uusphl Saar⸗Sänger-Bundnn »Min Seite 189
Vachklänge zu den Konzerten des Leipziger Fsammerchors.
Die Konzerte des Leipziger Kammerchores unter Heinrich
? Werleé sind vorüber. Was brachten sie uns? Was
haben wir davon zu halten? Wie soll das, was sie uns
brachten, unserer Arbeit zugute kommen? Das sind wohl
die Fragen, mit denen Chorleiter und Sänger sich jetzt
auseinanderzusetzen haben. Daß es nicht überflüssige Fragen
sind, bei denen die Antwort als eine Selbstverständlichkeit
offen zu Tage liegt, das gibt wohl jeder zu, das geht auch
aus dem „Konzert“ der eifrigen Auseinandersetzungen her—
vor, in das die eigentlichen Konzerte allerorten einmündeten.
Ich hielt diese lange Vorbemerkung für notwendig, denn
ch habe den Eindruck, daß es im Bunde sehr viele Stimmen
zibt, die durch die Verkennung dieser Dinge, durch die
ungerechtfertigte Vergleichung mit den Wienern viele schwan—
rende, unentschlossene Naturen kopfscheu machen und von
der Wirkung des Chores auf das breitere Publikum
ebenso ungerechtfertigte Schlüsse auf die von den Leipzigern
oropagierte neue Männerchorliteratur machen zu
nüssen glauben.
Und nun endlich zu dieser LKiteratur. Ich bin darauf
gefaßt, daß eine ansehnliche Zahl Sänger und Dirigenten
die meisten dieser Gesänge ablehnt, vor allem diejenigen,
die dergleichen noch nie gehört haben. Nun sind wir ja
zerade im Saar-Sängerbund nicht so ganz hinter dem
Mond zu Hause, daß uns die Neuheit dieser Werke voll—
ommen überrumpelte! Ueberall ist schon Lendvai, WW
Rein, H. Gal gesungen worden; aber meist nicht in
dieser Ausschließlichkeit, sondern hübsch mit andern nicht
wveiter beunruhigenden Chören zusammen, auf daß man von
der Fülle der ungewohnten Speise sich nicht den Magen
herderbe. Man möchte auch nicht so radikal sein, wie Dr.
Bongard, der die ablehnenden Geister gleich fortschicken
vill zu denen, die noch im „Wettsingen und ähnlichen
iberständigen Mitteln“ ihr Heil sehen. Ich sage mir viel—
nehr, das Beste von dem, was einmal neu war, hatte
muner das Schicksal, abgelehnt zu werden. So ging es
Bach, Mozart, Beethoven, Rich. Wagner. Es
zibt geradezü keinen besseren Beweis für die Güte eines
dunstwerks, als wenn es abgelehnt wird, als wenn man
damit „saust“, wie Werlé so schön sagte. Je gründlicher,
uim so besser für das Werk! Wie es Bilder gibt, die man
änger anschauen muß, ehe sich ihre Schönheit offenbart,
so gibt es eine Musik, die immer und immer wieder ge—
—
uͤnd umgekehrt, nichts ist verdächtiger, als das unmittelbar
Gefällige, sofort ins Ohr Dringende. Für den noch so
beliebten Schlager hat recht bald das Stündlein geschlagen:
je beliebter er war, um so früher wurde man seiner über
drüssig.
Also nur häufiges Hören hilft, sich an das Neue zu
gewöhnen. Dies liegt gewöhnlich in einem Aeußeren,
sagen wir in dem Technischen, etwa der Harmonik, oder in
Es ist merkwürdig, immer wieder hörte man nach den
Konzerten den Vergleich mit dem Wiener A-cappella-Chor.
Offenbar ein Zeichen dafür, daß das Vorwort Stadtschul—
rats Dr. Bongards im Programmheft nicht überall gelesen,
oder, was noch schlimmer ist, nicht allerorten verstanden
worden ist. Nicht auf das Chortechnische kam es zu—
nächst an, sondern auf das Programm! Nicht auf das
Wie?, sondern das Was? Bei den Wienern gab es
nur eine Stimme: Man erkannte bewundernd die Voll—
kommenheit ihres Singens an, denn nichts eint und faszi—
niert die Masse so leicht, als die Anerkennung einer
virtuosen Leistung. Was die Wiener sangen, trat
vollkommen zurück hinter dem Wie. Gerade umgekehrt
ist es bei den Leipzigern. Und dann noch eins: Die Leip—
ziger sind eigentlich nichts anderes als ein mehrfach be—
seßtes Quartett von bemerkenswerter Intimität, die Wiener
imimerhin ein starker Chor. Wollen wir beide miteinander
vergleichen, es käme auf dasselbe hinaus, als würden wir
ein Streichquartett neben ein normales Orchester stellen!
Der kleine Chor erstrebt die Wirkung nach innen, der große
nach außen; der kleine Chor singt sozusagen in sich hinein,
der große aus sich heraus. Das Monumentale, die zün—
dende, sich in der Klangpracht berauschende Kraft des großen
Chores ist jenem versagt. Was wirkt aber immer in die
Breite der Zuhörerscharen? Eben diese schwungvolle, kraft—
strotzende Klangfülle, eine pfychologische Tatsache, mit der
ja jeder Chor bei der Programmgestaltung rechnet, da—
durch daß er ein solches Werk an den Schluß des Pro—
gramms setzt. Auf alle diese Mittel verzichtet der Leip—
ziger Kammerchor. Seine Stärke ist nicht spontan und
kraftvoll sich äußernde Breiten-oder Massenwir—
kung, sondern „Tiefenwirkung“ nach innen.
„Der Rock macht's allein nicht aus, obgleich der ziegel—
rote, mein Hochzeitsrock, seit achtzehn Jahren immer ein
wahrer Ehrenrock gewesen ist,“ erwiderte gelassen der Stadt—
pfeifer. „Aber nun will ich auch nicht mehr glauben, daß
dieser Patron meinem Friedrich den Weg nach Wien auf—
tun kann. Was war ich für ein Tor, daß ich eine Weile
den Lügen und Prahlereien des liederlichen Buüben traute!“
„Wobon redet Ihr?“ fragte der Kapuziner neugierig,
und der Stadtpfeifer erzählte ihm, wie Neubauer ver—
sprochen habe, seinem Friedrich zu einer Gönnerschaft zu
berhelfen, daß derselbe nach Wien gehen und dort Schule
machen könne.
Der Kapuziner zog ein ernsthaftes Gesicht, strich sich
den langen Bart und sprach mit Gravität: „Herr Stadt—
pfeifer, Leute, denen man's nicht zutraut, können uns auch
wohl empfehlen, daß es durchgreift, und es ist schon mancher
bei Hofe weiter gekommen durch die Protektion der Kammer—
sungfer als durch die Protektion der Fürstin. Ich will euch
etwaäs erzählen. Vor ungefähr zehn Jahren war ein junger
Maler in Köln, der haäͤtte viel gelernt und wollte nach
Paris gehen, um sich dort ein großes Stück Geld zu ver—
dienen.“ Vier Wochen lang läuft er bei allen Baronen und
Prälaten umher uünd bettelt fich ein ganzes Ledersäcklein
voll Empfehlungsbriefe zusammen, und die zeigt er jeder—
mann und spricht: Seht, wer fortkommen will, der muß
hohe Empfehlungen haben. — Wie er nun eines Tages an
der Martinskirche vorübergeht, da ruft ihm der Fuhrmann
Müller aus seinem Häuschen zu: Herr Gevatter, Ihr
wollt nach Paris gehen? — Ei freilich, soll ich Ihm etwas
ausrichten? — Neiun! — Aber Ihr werdet Empfehlungen
brauchen; ich will euch einen Brief mitgeben. Sprecht
morgen bei mir vor, bis dahin soll er fertig sein. — Der
Manßr persprach's und lachte Ein Frachtführmann wird
auch die rechten Verbindungen in Paris haben! — Nach
drei Wochen führte ihn ein Zufall wieder an der Martins—
kirche vorbei; der Fuhrmann stand vor der Haustür und
schirrte sein Pferd an. — Herr Gevatter! Ihr habt ja
zuren Empfehlungsbrief nicht abgeholt! Wartet ein Weil—
hen, ich bringe ihn gleich herunter. Und ob der Maler
wollte oder nicht, er mußte das Schreiben nehmen und
es unbesehen in die Tasche.
In Paris erging's ihm wunderlich. Für sein Ledersäcklein
ooll Briefe sagtlen ihm die vornehmen Pariser mehr Artig—
feiten in einer Woche als die Kölner in fünf Jahren, aber
Arbeit wollte ihm kein Mensch verschaffen. Als ein Monat
um war, hatte er all sein Geld verzehrt, und er durch—
uchte eben den Koffer, ob nicht ein paar Heller unter die
chwarze Wäsche geraten seien; da sieht er, ganz unten den
Brief des Fuhrmanns Müller aus einem zerrissenen
Strumpf hervorgucken. Zum ersten Male kommt ihm die
Reugierde, die Adresse zu lesen. Der Brief war gerichtet
an den ersten Kammerdiener des Königs. Gleich läuft der
Maler ins Schloß; der Kammerdiener ist nicht zu sprechen.
er liest eben Sr. Majestät die Zeitung vor. Aber seine
Frau ist zu Hause. Statt auf französisch begrüßt sie den
deberbringer des Briefes auf kölnisch. Sieé ist ja die Tochter
des Fuhrmanns Müller. Sie schilt den Maler, daß er den
Brief so spät abgebe. Heiliger Antonius, wie hätte der
es ahnen sollen, daß eines Kölner Frachtfuhrmanns Kind
auch einmal einen königlichen Kammerdiener in Paris
herraten kann! Als der Kammerdiener heim kommt, freut
er sich mit seiner Frau über den kölnischen Landsmann,
und nuu geht's Schlag auf Schlag. Binnen acht Tagen
itzt die Mojestät dem deutschen Maler; das Bild gelingt,
Prinzen und Herzoge wollen von ihm gemalt sein, der
Moan wird Mde in Paris und als er nach drei Jahren