Nr. 8 IIIIIrn c Saar⸗Sänger-Bund Ihue
Homburg, in Saarlouis und St. Wendel, in Sulzbach
und Saarbrücken trotz der Wirtschaftsnot vor vollbe—
setzten Sälen zum Klingen kommen konnten. Aber es
verdient doch, namentlich gegenüber der Großstadt
Saarbrücken, lobende Erwähnung, daß in einem
Arbeiterörtchen wie Sulzbach an einem Werktagnach—
mittag 1500 Hörer erschienen waren, die übrigens mit
rührender Andacht den Darbietungen der „Leipziger“
lauschten, nachdem diesen durch den „Deutschen Sängerspruch“
der Gausängerschaft und durch warme Worte
des Bürgermeisters Barth der Gruß entboten worden
war. In Neunkirchen gaben Gauvorsitzender Kreisschul—
rat Dr. Steeg, in Homburg Adjunkt Spies und Gau—
vorsitzender Oberregierungsrat Bühler, in Saarlouis
Prof. Knippschar als Vertreter des Bürgermeisters
und Gauvorsitzender Rupp, in St. Wendel Stadtbürger
meister Dr. Flory, in Saarbrücken-Burbach Gauvor
sitzender Meyer der dankbaren Freude Ausdruck, Prof.
Werlé und seine wackere Sängerschar in echt deutscher
Gastlichkeit an der Saar begrüßen zu dürfen. Ein
trefflich ausgestattetes, von Dr. Bongard eingeleitetes
Heftchen bildete den Führer durch die Chordarbie—
tungen der Leipziger Sänger.
Wir greifen aus der Fülle der Gaben heraus von
Erwin Lendvai: Du mein einzig Licht, Deutscher
Tanz, Im Friedhof, Kirmes auf dem Dorf, Die Nachti—
gall; von Armin Knab: Bergarbeiterlied, Die
stille Stadt, Tagelied, Befreiungslied der Deutschen,
Wach auf, du deutsches Land, O Lied, Winterlied; von
Walter Rein: Tod und Schlaf, Junggesellen
Kuckuck, Schwefelhölzle, Schenkenbachs Reiterlied; von
Hans Gal: Der Weise, Der Unvorsichtige, Es wollte
sich einschleichen, Hons ging zum Tor hinaus; von
Hermann Ambrosius: Landsknechtslied, Zur
Nacht, Musikantengruß: von Hans Lang: Kein
schöner Land; von Arnold Mendelssohn: Ich
sah ein Bild; von Hermann Erdlen: Das Lieben
bringt groß Freud; von Karl Thieme: Glückauf,
der Steiger kommt; von Johann Nepomuk
David: Das Wessobrunner Gebet und — für mich
die Höhepunkte der Chordarbietungen — das Miserere
von Gregorio Allegri im Satz vvn Heinrich Werlé
und „Ein andrer König wunderreich“ von Vater Leo
Söhner.
Wie aus den Mitteilungen des Ansagers hervorging,
gehören alle diese Tonschöpfungen dem letzten
Jahrzehnt an. Sie sprechen alle die Sprache
unserer Zeit, und es ist sicher allen Hörern bewußt
geworden, daß wir an diesen wunderbaren Schöpfungen
neben uns schaffender Meister nicht länger vorüber—
gehen dürfen. Professor Werlé hat uns mit seinem
prachtvollen Chor Ohr und Herz geöffnet, möge er
nun auch durch unsere Chormeister der Sängerschaft
für diese neue Sprache die Zunge lösen. Es darf sich
nicht wiederholen, wie leider so oft in der deutschen
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Geistesgeschichte, daß Meister des Worts und des Klangs
unverstanden dahinsterben und sich erst die Nachfahren
an der Glut ihrer Werke entzünden. Und es kann nicht
genug betont werden, daß nahezu alle hier aufgeführten
Werke auch von mittleren und kleineren Vereinen dar—
stellbar sind. Das liegt eben daran, daß der Schwer—
punkt nicht im Virtuosen, sondern im Inwen—
digen, im Seelischen, in der Gestaltung
liegt.
Und noch eins. Das Schubertjahr brachte uns
eine Lawine von „Feiern“ — wir Deutschen feiern ja
so gern, besonders Leute, die hunderte Jahre tot sind
— und Legionen von Schubertkonzerten. Es hat uns
aber keine Schubertrenaissance beschert. Die Vereine
behalfen sich mit den bekannten Schubertchören — das
ist ja auch so bequem — und ließen die ungeheuren
Schätze Schubert'scher Chormusik in alten Truhen wie
in Särgen verstauben, vergilben. Dank sei den „Leip—
rzigern“ gesagt, daß sie uns drei wenig bekannte klavier—
zegleitete Schubertchöre schenkten, die in allen Chor—
neistern die Sehnsucht nach dieser Höhenkunst geweckt
haben müssen. Das wäre für das singende und das
hörende Volk ein Gewinn, der gar nicht auszudenken
st. Die Soli in den Schubertchören „Brüder, unser
Erdenwallen“, „Funkelnd im Becher“ und „Im Gegen—
värtigen Vergangenes“ und eine Reihe anderer solisti—
scher Gaben — Meister der kleinen Liedform im 17.
Jahrhundert Adam Krieger, Konstantin Christian
Dedekind, sowie Lieder von Hugo Wolf und Armin
snab — wurden aufs trefflichste von Mitgliedern des
kammerchors bestritten: Wilhelm Ulbricht, Philipp
Böpelt, Hans Herbert Weitzel, am Flügel von Herbert
Reichelt, Gerhard Roßberger und Reinhold Wolf fein—
ühlig und diskret begleitet. Sie hielten durchaus und
restlos das außerordentlich hohe künstlerische Niveau
der Chorkonzerte.
Die Erfolge des Dirigententages und der sechs
Kammerchorkonzerte lassen uns erkennen, wie not—
wendig unserer Männerchorbewegung, wenn sie nicht
wieder versimpeln soll, Heinrich Werle und sein
Kammerchor ist. Der Durchstoß unserer Vereine zu
zeitgenössischer Chorliteratur kann nur gelingen,
wenn Chormeistern und Sängern in so meisterlicher
Weise das Ohr für die Schönheit und den Reichtum
dieser Werke geöffnet wird. Alle Bünde die vorwärts
wollen, sollten sich dieser Bildungsgelegenheit be—
dienen. Der Rundfunk sollte sich seiner Kultur—
mission bewußt bleiben, immer wieder durch diesen
in musikpädagogischer Hinsicht einzig dastehenden Chor
um das Ohr der Oeffentlichkeit für große Gegenwarts—
chorkunst werben zu lassen. Und unter den am Radio
lauschenden Millionen Hörern wollen wir Saarsänger,
denen die erste Westgrenzlandsfahrt des Leipziger
Kammerchores galt, die dankbarsten sein!
Walther Stein.
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