Full text : 10.1932-1933 (0010)

Seite 146 Irre

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2e

JItch habe lange vor der Türe gelauscht! Seien Sie nicht
böse über meine Indiskretion, aber ich bin entzückt
über Ihre Art des Partiturspiels . ich liebe dieses Werk!“
„Sie kennen es, Frau Gräfin?“
„Ich schätze es innig, wie alles von Delius!“
Sein Mißtrauen gegenüber sogenannter Begeisterung
nichtsahnender Dilettanten wandelte sich in reinste Freude
als Stelio den Ernst der Frau sah.
„Der Komponist hat wirklich die ganze Feierlichkeit, den
vollen heiligen Glanz der Entrücktheit des „Mitternachts
liedes“ Nietzsches erfaßt ... Warum nennt er es das
„trunkene Lied?“
„Weil das Mitternachtslied in sich noch einmal die er
habene Heiterkeit des anderen Poems wiederholt!“
„Sie haben recht,“ sagte die Gräfin sinnend. „Sie geben
es vorzüglich wieder, auch das Unisono des Chores klang
wie Menschenstimmen, es bedarf wohl gänzlichen igeen
im Geheimnisvollen, um dem Anschlag diese. diese Klang
weite zu geben.“
ag fühle . . . da kommt das von selber,“ entgegnete Stelio
schlicht.
„Wie ich es anstelle, das weiß ich natürlich Gott sei Dank
selber nicht ... Sehen Sie, das muß man halt können,
nicht wahr?“
„Sicherlich,“ lächelte die Komtesse.
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen Platz anbieten darf.“
„Sie dürfen.“
„Ja, daherin schaut's freilich sehr nach Bohè ͤme aus .
übrigens ist das nur äußerlich, ich bin kein Bohemien.“ Er
jagte das ungewöhnlich ernst, immer hin und her gehend
und Stühle von Noten befreiend. Sie sah ihm lächelnd
zu. Seine Selbstverständlichkeit gefiel ihr. Daß sie Gräfin
war, brachte ihn keinen Augenblick in Verwirrung. „Wo
soll ich das Buch hinlegen, Herr Lenz, dann könnte ich
mich nämlich setzen.“
„Tun Sie's nur gleich auf den Tisch. Kennen Sie es?..
Famos! Was der alles über Mahler sagt, das ist eben
Mahler-Erleben. Bißchen Panegyrik, gewiß... aber wer
sich einmal in dieses Menschen Welt verloren hat, der
kann nur noch loben.“
„Gefällt es Ihnen so?“
„Gefällt, ist gut! Schlägt einen das nicht in Bann?“
„Er ging zum Flügel und spielte. Aus zuckenden, ana—
pästischen Rhythmen reckte sich ein trotzig-düsteres Thema
auf. „Tenorhorn, Oboen und Klarinetten,“ rief er mit
heller Stimme dazwischen. Er wiederholte die musikalische
Phrase, immer voller die Instrumentierung andeutend
Neue Motive schlossen sich an. Er nannte stets die dary
stellenden Instrumente. „Hören Sie dieses jauchzende Auf—
rauschen, H-Dur natürlich, und wie er das breit steigert!“
Seine Augen gingen über den Besuch hinweg, er schien
nur für sich selbst zu spielen. „Das ist doch wirklich ein
Grandioso! Wer schreibt ihm das nach! Und dieser Schluß!
Dieses jähe Abreißen, Musik ist das, Gräfin, Musik eines
Gottbegnadeten!“
Sie sah ihn still fragend an.
„Sie kennen es nicht? Es ist der erste Satz von Mahlers
Siebenter.“
„Wundervoll,“ sagte sie ganz leise und wartete auf
sein Weiterspielen. Aber er erhob sich.
„So ist jeder Takt Musik als reinste Offenbarung. Und
hinter dem Klingen, steht einer, dem es weiß Gott nicht
leicht wurde. Der sich zerringt, zerringt nach dem Aus—
druck dessen, was er fuͤhlt, ein Verzweifelnder, der er
kennt: immer bin ich hundert Meilen hinter dem aurück
was ich will und ...“ Er brach ab.
„Würden Sie mir in Ihrer polyphonen Art das Haupt—
thema, den Trauermarsch,“ sagte sie zögernd, „aus der
Zweiten Mahlerschen spielen?
„Aus der C-Moll, Gerne!“
Sein Erstaunen vor dieser Frau wuchs. Sie lauschte
angespannt und war entzückt, wie diskret er den langen
Orgelpunkt der in den Streichern tremolierenden Domi—
nante wiedergab. „Flöten, Oboen und Klarinetten mit
gehobenem Schalltrichter,“ sagte er und stellte das wunder—
dolle Gesanasthema. Loeise sießk er es ausklindgen.

Sie erhob sich und gab ihm die Hand. „Es ist etwas
beneidenswert Schönes um Ihre Kunst... ich danke Ihnen!
Sie haben ein ungewöhnliches Gedächtnis!“
„Nur Liebe zu den Schöpfungen — Liebe behält!“
„Wenigstens in der Kunst,“ meinte sie. Er sah sie an,
aber ihr Auge war regungslos nachdenklich auf den Flügel
geheftet. „Haben Sie schon über den übermorgigen Nach—
mittag verfügt, Herr Lenz?“
„Ich habe um drei in Schubra beim Prinzen Stunde
zu geben, dann bin ich frei.“
„Ich hätte Sie gern um fünf Uhr zum Tee gebeten.“
„Das wird unmöglich sein, Gräfin, bis dahin kann ich
nicht bei Ihnen eintreffen.“
„Ina Wilde kommt auch,“ sagte sie gleichgültig und sah
in sein Gesicht, das bei dem Klang etwas VLauschendes be—
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doch kommen ... sie wird singen!“
„Ich müßte als Nachzügler erscheinen!“
„Der Graf wird Ihnen seinen Wagen zum Prinzen
schicen, die Fahrt ist schön, dann sind Sie um fünf bei
uns.“
„Das wird etwas ganz Apartes,“ meinte er lachend
„Dann werde ich nie mehr in die Eisenbahn und in dis
Elektrische wollen.“
„Man sieht Sie zu selten.“
„Es liegt nicht an mir, Komtesse,“ entgegnete er mit
seinem jugendlichen Freimut.
„Ich liebe Musik, es ist das einzige, was ich habe.“
Er sah sie aufmerksam an. Ihr schönes Auge hielt das
Widerspiel eines körperlichen Schmerzes. „Spielen Sie
lieber Steinway oder Bechstein?“
„Gibt es auch noch Auswahl bei Ihnen?“
Sein Frohmut griff auf sie über, einen Augenblick nur
dann lag wieder Leidendes um ihr Auge.
„Sie brauchen nur zu bestimmen, gran artiste!“
„Bechstein,“ sagte er.
Gut, dann brauche ich nichts zu ändern, der steht im
Musikraum, den Steinway habe ich zum Ueben im Boudoir.“
„Spielen Sie viel, Frau Gräfin?“
„Ich spiele gern und möchte von Ihrer Art lernen.
können Sie noch eine Schülerin annehmen?“
„Wenn Sie es sind, dann würde ich jubeln!“
Sie sah ihn ruhig an, fast kühl. Seine Seele kam nicht
in Angst. Sie schwiegen eine Weile, dann meinte sie, wie
erwachend: „Darüber können wir dann übermorgen sprechen,
Herr Lenz! Das Auto wird um vier Uhr am Palais sein!“

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bei Anzejenhegtellurit
Nach einer Entscheidung
des Reichsgerichts braucht
für Fehler in einer Anzeige,
die infolge unleserlich oder
undeutlich geschriebener
Manuskripte entstehen.
kein Ersatz geleistet zu
werden. Anzeigen, welche
einer Zeitung eingesand
wer den. müssen deutlich

bei der

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geschrieben sein.
            
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