Full text : 10.1932-1933 (0010)

HerrHhiübbner.

*

Dae⸗ war Herr Hübner: ein kleiner, unscheinbarer Mensch
2mit kahlem Kopf und Sommersprossen im Gesicht,
langen Armen und geschweiften Beinen, Junggeselle, ge—
wissenhaft, betriebsam und ehrgeizig, ein Mensch, den das
Leben dürftig ausgestattet und mit keiner Liebe je erfüllt
hatte, es sei denn jene feierliche, eigensinnige Liebe zum
Chorgesang. Eigensinnig deshalb, well Hübner trotz seiner
wirklich schlechten Stimme seit nahezu dreißig Jahren sang,
auf jeder Probe, jedem Wettstreit und bei allen Ständchen;
eigensinnig auch, weil man ihn zu einer Zeit, da seine
Stimme noch brüchiger wurde, nur mit Gewalt aus dem
Chor entfernen konnte. Nur halte ich diese Art von Ge—
walt, die List, für unschön. Gelegentlich einer Probe näm—
lich (Mittwochs in jeder Woche) fiel er besonders störend
auf. Der Chormeister versuchte sein übliches Mittel, er
hob die rechte Hand gegen Hübner, gleichsam als wolle
er ihn damit zuͤdecken, aber Hübner ließ sich nicht be—
irren, da er im Laufe der Zeit herausgefunden hatte, daß
an dieser Stelle gar kein Piano stand, sondern daß man
ihn nur zum Schweigen bringen wollte. So reckte er sich
aus seinem Kragen heraus, schloß die Augen und schmetterte
laut über alle hinaus, wobei er eine pinguinenhaft ge—
spreizte Haltung einnahm.
Der Chormeister winkte ab:
„Nicht doch, Herr Hübner, — piano, pianissimo!“
3 Hübner hob das Notenblatt bis dicht vor die
Brille:
„Bitte —“, sagte er gereizt, „hier steht sforzando!“ und
klopfte mit dem Knöchel auf das Blatt.
„Trotzdem, Herr Hübner! — Ich weiß ja, daß Sie eine
gute Lunge haben!“
Da lächelte Hübner geschmeichelt. Sein spitzer Kehlkopf
rutschte hörbar hinauf und wieder hinab.
Man wiederholte. Derselbe Fall. Der Chormeister
stampfte aufgeregt mit dem Fuße auf und stellte Hübner
heraus. Hübner stand abseits, kaute an den Lippen und
bekam einen roten Kopf, wie ein Schuljunge, der neben
der Tafel stehen muß. Plötzlich sagte er, er gehe heim, er
gehe am besten heim. Und alles Zureden war vergebens.
Er setzte den Hut auf und ging.
Dieses Ergebnis gab den Anlaß zu einer außerordent—
lichen Vorstandsversammlung. Tagesordnung: Soll man
Hübner aus dem Chor entfernen oder nicht? Die aktiven
Sänger waren einstimmig dafür: Ein faules Ei verderbe
den ganzen Kuchen. Der Vorsitzende und einige Vorstands—
mitglieder waren dagegen.
„Meine Herren Vorstandsmitglieder —“, sprach der Vor
sitzende, „die Verantwortung, die auf uns lastet, ist schwer
Ich bitte Sie, berücksichtigen Sie Dreierlei. Erstens:
Sangesbruder Hübner ist in der Fahnenkommission, er issi
im Besitze des Abzeichens für dreißig- bis vierzigjährige
aktive Mitgliedschaft. Kann man einen solchen Mann aus
dem Chor und somit auch aus dem Verein entfernen? Ich
kann es nicht! Punkt zwei: Hübners Vater bereits war
langjähriges Mitglied unseres Vereins. Zwei Brüder
Hübner sind aktive Sänger. Der Name Hübner hat tra—
ditionelle Bedeutung, ist eng mit der Geschichte des Vereins
verbunden. Und dann, meine Herren, drittens und
letztens, eine für die Lebensfähigkeit unseres Vereins sehr
wichtige Frage: Hübner hat seit dreißig Jahren Beiträge
gezahlt, er wird sie immer zahlen, so lange er leben wird.
Was bedeutet es für unsere Kasse, wenn Hübner geht?
Verluste, dreifache Verluste! Denn mit ihm gehen seine
beiden Brüder. Die Sache Hübner ist ein Problem. Ich
stelle es zur Diskussion!“
„Bravo!“, rief eine einzige Stimme.
Da ergriff der Chormeister das Wort:
„Sie haben, Herr Vorsitzender, die Beiträge im Auge.
Gut, richtig! Ich sehe nur die künstlerische Seite. Wir
Gesangvereine sind Interpreten der Kunst, wir haben eine
kulturelle Aufgabe zu erfüllen: Pflege des Liedes, Pflege
des Gemeinschaftssinns. Der nächste Wettstreit wird zeigen,
ob unsere Kurve hinauf geht oder — hinab!“
Es wurde in der Folge noch viel fededete viel getrunken.
Es kam zu keiner Resolution, weil die Zeit schon weit
über Mitternacht war. Als man sich trennte, war über
Hühner moch immer nicht das FTodesurteil gefällt. Er

sang mach wie vor mit, eifrig, mit ganzer Seele. Der
Thormeister behandelte ihn schöonend. Die nächste Vor—
tandsversammlung sollte entscheiden. Es wurde April, es
vurde Mai. Die Proben wurden häufiger und dehnten
ich bis Mitternacht aus, da der Maiagusflug vor der
Türe stand. Es ist zu verstehen, daß man da keine Zeit
datte, die Sache mit Hübner zu regeln. So mußte nach
Ansicht des Vorsitzenden der Aufrühr um Hübner ein—
chlafen. Und damit war ihm sehr geholfen. Im geheimen
aber wurde weitergearbeitet. Einige Sänger, vor allem
aus der Stimme, in der Hübner sang, hatten für diesen
Maiausflug eine besondere Ueberraschung vorbereitet: Den
Todesschlag gegen ihren Sangesbruder Hübner.
Der Maitag war wolkenlos, klar, heiter, wie Maitage
sind. Man zog mit dreiundachtzig Personen hinaus, Män—
nern, Frauen, Kindern, gefüllten Schuhschachteln, Zigarren—
oorräten und geschulterten Stöcken. Man sang im Wald,
auf blumigen Wiesen, in den Ausflugslokalen, alblüberall
Begen Abend kehrte man in einer Gartenwirtschaft ein.
In diesem Garten befand sich ein Musikpavillon, der für
die Darbietungen der Sänger wie geschaffen war. Ein
Lied nach dem anderen wurde durchgesungen, das ganze
Repertoir, mit glühenden Köpfen und sprühenden Kehlen.
Da geschah die Sache mit Hübner. Man sah, daß er
schon ein wenig wackelte und aufgeschlossen war, so auf—
geschlossen, wie er nur nach einigen Gläsern Bier sein
konnte. Als daher eine Pause eingetreten war und die
Sänger wieder bei ihren Frauen und Kindern saßen, trat
einer auf die Tribüne und verkündete:
„Meine Damen und Herren, unser verehrter Sangesbruder
Hübner hat den Wunsch, einen Solovortrag zu geben —!“
„Bravo!l!!“
„Er wird sein Leiblied „Es haben zwei Blümlein ge—
blühet“ zum Vortrag bringen. Es wird um die größte
Aufmerksamkeit gebeten!“
Da kam auch schon Hübner durch die Reihen der Tische
und Stühle hindurch, ohne daß man ihn zu bitten, ge—
schweige denn zu drängeln brauchte, und kletterte, von ein
paar Sängern gehoben, mit den kleinen krummen Beinen
auf die Tribüne hinauf. Als er oben stand, von Rampen—
licht beschienen, bemerkte man, daß er zwar ein wenig
ichwankte und seine Augen klein und trüb auf die Menschen—
reihen schauten. doch gelang es ihm bald, seine pinauinen—

Bad Soden am Taunus
bei dem XI. Deutschen Sängerbundesfest
in Frankfurt am Main.

Die Festhalle in Frankfurt am Main, in der das
II. Deutsche Sangerbundesfest 1932 stattfand
Der Sprudel von Bad Soden am Taunus, dem
dekannten Heilbad zur Pflege der Stimme
Bad Soden ist in 35 Min. von Frankf. zu erreichen
Eine Ansichtskarte, die von der Sodener Mineral⸗Produkte
G.m.b. H. in einer Auflage von mehr als 40000 Exemplaren
aus Anlaß des 11. Deutschen Sängerbundesfestes an die
Sänger verteilt wurde. Die Karte enthielt auf der Rückseite
einen Hinweis auf die Sodener Quellprodukte und wurde von
den Sängern in alle Welt versandt.
            
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