Nr. 6 JIIII VlIII Saar-Sänger-Bund III. hhl Seite 127
Musiknolitische ilanz des Säö
usiknolitische ilanz des Süngerbundesfestes.
Dat 11. Deutsche Sängerbundesfest ist vorüuber — was
hat es uns nach der musikalischen, was nach der Seite
des Volkhaften gebracht?
Nun, das darf an erste Stelle gerückt werden: die
Programme der Hauptaufführungen bedeuteten schon
in der Anordnung der Stücke ein ganz Neues gegenüber
den Darbietungen in Wien, in Hannover (1924), von
Nürnberg und anderen Festorten der Friedensjahre gar
nicht zu reden! Zum erstenmal trat die zeitgenöfsische
Produktion im Männerchorschaffen in starke Aktion,
erstmals beschränkte man sich nicht auf die Wiedergabe
mehr oder minder rührselig liedertafelnder „Auchkompo—
sitionen“, und noch nie ist die Zahl der vertretenen Schöpfer
von neuen Werken so groß gewesen, wie in Frankfurt a. M.
Trotzdem ist die Ausbeute nicht sehr groß, wenn man nur
auf die Hauptkonzerte und die großen volksdeutschen Kund—
gebungen blickt.
Es ist doch recht schwer, zugleich dem Volke und der
Kunst zu dienen! Von Werken, die sich unmittelbar an
die neue Zeit wenden, aus ihr geboren sind und von ihr
kommen, sind aus den Hauptprogrammen nur zu nennen:
Wilhelm Knöchels „Kophltisches Lied', Joseph
Bu tz „Aus dem deutschen Parnaß“ und Armin Knabs
„Befreiungslied der Deutschen“ — alles Lieder auf Goethe—
texte! Namentlich Knab scheint auch hier wieder der
Mann zu sein, dem die unmittelbare Bindung der Musik
aus dem Blute, von der lapidar-rhythmischen Gestaltung
her gelingt, aber auch Knöchel ist einer von jenen Musikern
des Heute, der vielleicht mit berufen sein dürfte, zu einer
neuen und anderen Volksmusik nach Form und Inhalt zu
verhelfen. Etwas weiter von diesen Dreien entfernt steht
Walter Rein, denn sein „Türmerlied“ mit Bläsern hat
wohl den ganz neuen und andern Ausdruck, doch ist es der
Form, dem Aufbau nach noch zu schwer, ich möchte fast
sagen: zu wenig eingänglich, um auf die Massen und un—
mittelbar zu wirken und zu zünden. Aber Rein stand mit
Knab zusammen schon mit an der Spitze der in Frankfurt
am meisten aufgeführten Komponisten, und auch das hat
8 Vorbedeutung für die Zukunft des deutschen Männer—
gesangs.
Eines noch über die Aufführungspraxis bei den
Hauptaufführungen. Hier scheint mir die Reformnotwen—
digkeit zwingend gegeben zu sein. Man sollte sich beim
Vortrag einfsacher, das heißt lyrisch subjektiver Wort—
inhalte im Volkslied und volkstümlichen Lied vor Ueber—
treibungen in der Dynamik hüten! Es geht nicht an, nun
aus der kleinen Episode eine hochdramatisch bewegte Ange—
legenheit zu machen — das Wesen des neueren Volkslieds
liegt in seiner Einfachheit begründet, in der Verbindlich—
keit für die Maße, im Typischen. Silcher ist dafür der
—
in Frankfurt am stärksten gewirkt — trotz der doch gewiß
weit hinter uns liegenden Zeit der Hochromantik im Lied
und im Menschen! Die Zukunft soll uns auch wieder neue
Lieder des gefühlshaften Inhalts bringen, nur wird sie
sich freihalten müssen von aller übertrieben betonten Ge—
fühlshaftigkeit, wie sie dem deutschen Männergesang durch
ein ganzes Jahrhundert geradezu zum Verhängnis gewor—
den ist. Der Beifall der Masse, die vox populi bei den
Massenaufführungen, namentlich beim dritten, recht wenig
ergiebigen Hauptkonzert, war wirklich nicht auch die vox
Dei, denn es ist zu bedenken, daß die Zehntausende fast
ausnahmslos géekommen waren, sich seelifch, wie man so
schön sagt, zu „erheben“, daß sie nicht fragten nach dem
Gehalt der Musik an sich, wohl aber sich berauschen ließen
vom ins Ueberdimensionale gesteigerten Wortsinn, vom Text,
denn die Sprache ist und obleibt das Erstliche und Leichtverständliche
bei allen Darbietungen, die sich an die
Masse wenden.
Daß das Prinzip des rein Leistungsgemäßen auch heute
noch das gesamte deutsche Männerchorleben beherrscht, konnte
auch in Frankfurt dem nicht verborgen bleiben, der nach
der Herkunft derer, die die meist sehr schwierigen Stücke
vortrugen, forschte. Und doch ergaben sich da oft recht er—
freuliche Ausblicke. Den besten, weil überzeugendsten Be—
weis für den Stand der musikalischen Volksbildung er—
brachte wohl der Saorsänderhund mit der Urauf—
führung des Lendvaischen Monumentalwerké
„Psalm der Befreiung“. Die Mitwirkenden im Chor
waren zumeist Arbeiter. Daß sie den an sie gestellten tech—
nischen und geistigen Anforderungen vollauf konnten ge—
echt werden, verdient größte Anerkennung. Auch der
Meerholzer Verein, Träger des größten Erfolges auf einer
der Nürnberger Sängerwochen des DSB. (1929), legte
vieder Zeugnis für die in den unteren Volksschichten schlum—
nernden musischen Kräfte ab. Auffällig wär dagegen das
Fernbleiben der sog. führenden Vereine, die sonst auf
illen anderen Sängerbundesfesten zu hören waren. Ge—
ring war die künstlerische Beteiligung des Rheinlands (Köln,
zdie Hochburg des Männergesangs, fehlte ganz in den
Zonderkonzerten), und die Wiener „Spitzenchöre“ waren
ꝛbenfalls zu Hause geblieben. Daß dazu auch Chöre zu
rechnen waren, die sonst jahraus, jahrein auf Konzertreisen
»egriffen sind, wurde in einem für sie recht ungünstigen
Sinne gedeutet.
Achtzig Uraufführungen brachte Frankfurt, dar—
anter die Werke, welche durch die Preise des preußischen
Staatsministeriums bzw. des Reichsinnenministeriums aus—
gezeichnet worden waren. Manch Gutes war auch dabei,
das soll und darf nicht verkannt werden, aber ebenso ge—
wiß ist auch, daß vieles eine Enttäuschung war. Man halte
3. B. die Texte von Nellius dem gegenüber, was sonst
ührende Musiker vertont hatten (man denke an Lendvai,
dnab, Rein!). Und das ist das Befremdliche an dem Er—
zebnis dieses Preisbewerbs, nämlich, daß die Kommission
derer aus dem Musikausschuß des DEB. und aus den
Berliner Gremien, wie es scheint, gar kein Gewicht auf die
Wertbedeutung der Texte gelegt hat. Was Maria Kahle
uinter „deutscher Not“ zusammengedichtet hat, kommt nicht,
vie irgendwo behauptet worden ist, geradewegs von Gerh—
dauptmann her, sondern leitet sich von Thea v. Harbou
ab .. Ich glaube nicht, daß Nellius uns ein Neues bringen
vird, aber ich bin der Meinung, daß er, wenn sich sein
Beschmack geläutert hat, auch dem kleinen Männerchor, dem
Verein auf dem Lande, helfen kann, zu einer guten Ge—
zrauchsmusik zu gelangen. Der einzige, der den wirklich
Jroßen Lebens-- und Singeatem heute hat, ist Erwin
Lendvai. Auch von Otto Jochum ist noch Gutes, sehr
Butes zu erwarten, er scheint unter den Jüngsten am meisten
zeschult zu sein, um geben zu können aus dem Born einer
ehrlichen Gesinnung zur Musik in Verbindung mit ge
diegenem formalen und technischen Können.
Nach der Herrschaft Franz Schuberts über die
Wiener Programme von 1928 war damit zu rechnen, daß
er diesmal nur vereinzelt in Erscheinung treten würde.
Aber man hätte doch gewünscht, daß der eine oder andere
Thor in Frankfurt sich dem sog. „unbekannten Schubert“
widmen würde. Das ist leider nicht geschehen, es erscheint
mir aber als grundwichtig auf dem Weg zu einer Musik
der Zukunft im Männergesang vor allem einmal aus der
Musik der Vergangenheit das offenzulegen, was auch an
hr noch lebendig und wahrhaft volkstümlich ist. Verto—
rungen auf Goethetexte waren die „große Mode“ dieses
Frankfurter Festes — die positive Ausbeute des Ganzen
also der Vereinigung von Text und Musik, ist herzlich ge—
ring zu nennen. Aber daran sind weniger die Kompo—
nisten schuld, als vielmehr der Dichter selbst; denn es gibt
eine Dichtkunst, die selber von Musik erfüllt ist, daß sie die
Musik als Musik nicht mehr verträgt. Wie schon gesagt:
da hätte man sich Schuberts erinnern müssen — nicht de—s
blassen „Salve Regina“, sondern der fünfstimmigen „Sehn—
ucht“ und des achtstimmigen „Gesang der Geister über den
Wassern“; doch die Wiener Elitechöre fehlten ..
So wie Gustav Wohlgemuth, einer der alten Kämpen des
DSB., hier in Frankfurt zum letztenmal auf einem Bundes—
fest die Chormassen beschwörend agierte, so trat wohl auch
zum letztenmal eine Chormusik in Erscheinung, deren letztes
Stündlein längst geschlagen hat. Ich meine vor allem die
Balladentechnik Walter Moldenhauers, die der
Berliner Lehrergesangverein virtuos offen legte. Aber ge—
rade hier schon offenbarte sich die innere Hohlheit dieser
Illustrationsmusik. Man kann keinem Verein verwehren,
sie aufzuführen, allein, wenn ich gegen sie spreche, so
denfe ich dohet menidern on den deor jenen Ehpr. der sie