Full text : 10.1932-1933 (0010)

Goethe und eethoven.

—* in seiner frühesten Jugend kam Beethoven in eine,
Awenn auch indirekte Beruhrung mit Goethe. Es war im
Hause der Breunings, wo Becthoven den Dichter kennen und
schätzen lernte. Dort in Bonn, wo Beethoven seine Jugend
derbrachte, sah er den „Clavigo“ auf der Kurfürstlichen Bühne,
in deren Orchester er die Zeit vor seiner Reise nach Wien,
vohin ihn der Kurfürst zur weiteren Ausbildung schickte,
als erster Violinist tätig war. Aus dieser Zeit stammt wahr—
cheinlich auch die Komposition des Studentenliedes „Mit Madeln
sich vertragen aus „Claudine von Villabella“.
Seine ersten persönlichen Beziehungen zu Goethe knüpfte
Beethoven in Form eines Briefwechsels im Jahre 1811 an.
Es war die gemeinsame Bekannte Bettina Brentano, die diesen
Briefwechsel vermittelte. Beethoven schrieb ihr am 10. Februar
811, daß sie in einem Brief an Goethe demselben seine tiefste
Bewunderung ausdrücken möge; er iväre selbst im Begriff,

Goethe und Beethoven.

Hoethe zu schreiben, um ihm die Musik von Egmont an—
zubieten, „die er in Musik gesetzt habe, und zwar bloß aus
Liebe zu seinen Dichtungen, die ihn glücklich machten“. Der
Brief Beethovens an Goethe datiert vom 12. April 1811, in
dem er Goethe mitteilt, daß er demnächst die Musik zu
Egmont von Breitkopf und Härtel erhalten werde. „Ich wünsche
ehr, Ihr Urteil darüber zu wissen, auch der Tadel wird für
mich und meine Kunst ersprießlich sein und so gerne wie das
zrößte Lob aufgenommen werden““ Goethe beantwortet diesen
Brief Beethovens am 25. Juni 1811 aus Karlsbad jsehr
freundlich, og er sich vorher abfällig über Beethoven
—RDD000
zu Egmont werde ich wohl finden, wenn ich nach Hause komme,
und bin schon im voraus dankbar; und habe dieselbe schon
bereits von mehreren rühmlich erwähnen hören und gedenke
sie auf unserem Theater zur Begleitung des gedachten Stückes
diesen Winter geben zu können.“
Die Entstehungszeit der Musik zu Egmont liegt zwischen
Dktober des Jahres 1809 und Mai 1810. So fällt die Egmont—
omposition in die Zeit der ersten Heiratspläne und ihres
Scheiterns mit Therese Melfitti. „Ich habe sie bloß aus Liebe
zum Dichter geschrieben und habe, um dieses zu zwingen, nichts
dafür von der Theaterdirektion genommen, welche sie auch an—
zenommen“, schreibt Beethoven an Breitkopf und Härtel. Am
24. Mai 1810 fand die Uraufführung der Musik zu Egmont
statt, und am 6. Mai bot Beethoven die Musik Breitkopf und
därtel erstmalig an. In derselben Zeit beschäftigte sich Beet—
open auch mit anderen Dichtungen Goethes sy urde . Mur

ver die Sehnsucht kennt“ viermal verschieden von ihm
omponiert.
Goethe und Beethoven lernten sich persönlich im Sommer
es Jahres 1812 im böhmischen Bade Teplitz kennen. Beet—
oven weilte dort, um Linderung oder völlige Heilung für
ein sich immer mehr verschlimmerndes Gehörleiden zu suchen,
zas schließlich zu seiner völligen Taubheit führte. Beethoven
pielte Goethe mehrmals vor und wirkte auch bei einem
jffentlichen Konzert mit. Beim Anhören der Beethovenschen
Nusik war Goethe tief gerührt, und er drückte dem Schöpfer
ieser Musik seine größte Bewunderung aus. Beide machten
usammen Wagenausflüge in die Umgebung und verstanden sich
ehr gut. Doch plötzlich wurde diese Harmonie zerstört. Wie
ziese Verstimmung entstanden, kann nicht mehr nachgewiesen
verden. Was die beiden getrennt hat, ist von keinem der
eiden Genies der Nachtwelt überliefert worden. Wohl besteht

Nach einer Original ⸗Radierung von E. Pickardt.
Verlag von Ludwig Möller, Lübeck.
ein Brief Beethovens an Bettina Brentano, doch dieser ist
jon ihr scheinbar gefälscht, denn er datiert von einer Zeit
ius Teplitz, als Beethoven schon längere Zeit in einem anderen
»öhmischen Bade weilte, und entbehrt auch sonst aller Wahr—
cheinlichkeit.
Dieser 20 Jahre nachher von Bettina Brentano veröffent—
ichte Brief lautet folgendermaßen:
„Wir begegneten gestern auf dem Heimwege der ganzen
kaiserlichen österreichischen Familie. Wir sahen sie von weitem
kommen, und der Goethe machte sich von meiner Seite
sos, um sich an die Seite zu stellen; ich mochte sagen, was
ich wollte, ich konnte ihn keinen Schritt weiter bringen; ich
drückte meinen Hut auf den Kopf, knöpfte meinen Oberrock
zu und ging mit untergeschlagenen Armen mitten durch den
dicksten Haufen. Fürsten und Schranzen bildeten (alier.
Erzherzog Rudolf hat den Hut gezogen, Frau Kaisferin hat
zegrüßt. Er, Goethe, stand mit abgezogenem Hut, tief ge—
hückt an der Seite; ich habe ihm den Kopf gewaschen und es
ihm sehr vorgeworfen.“
Diese Darstellung Bettina Brentanos ist, wie gesagt, un—
sistorisch und entbehrt aller Wahrscheinlichkeit. Ebenso hat
Bettina Brentano noch einen weiteren Brief Beethovens an
ie veröffentlicht, der aber ebenso gefälscht ist; es existiert nur
ein Brief, den sie von Beethoven wirklich bekommen hat, und
dieser ist der oben erwähnte vom 10. Februar 1811.
Wie Goethe, der längst zu reifster Abklärung gekommen
var, die Dämonie Beethovens empfand, spricht sich in seinem
PRrief an LDesfter aus ASeefhopen hahe ich in Tepsiß kennen
            
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