das Boetheiahr.
ush Seite 3
In unsere Welt schreiender Trostlosigkeit der zu Millionen
Bvom Werktisch und deshalb von geordneter, sinnvoller
Febensgestaltung Verstoßenen, in unsere Welt des kläglichen
Zusammenbruchs einer hinter prunkvollen Fassaden künstlich auf—
zeblähten Wirtschaft, in unsere Welt des Gebrülls von Schlag—
vwort und Phrase auf Gassen und in Parlamenten, in der
die Menschen das Hören verlernt haben, in unsere Welt der
zeschäftigen Betriebsamkeit, der Aufmachung, Verflachung, Ver—
börsung, Mechanisierung und marktschreierischen Propagierung
des geistigen und künstlerischen Lebens, in unsere Welt des
erschütternden Abbaues auch all der wahren Kulturwerte, an der
nehr als ein JZJahrhundert die Besten unseres Volkes gebaut
»aben — wetterleuchtet auf einmal am wolken—
verhangenen Nachthimmel die Riesengestalt
Hoethes.
„Im neuen Jahre Glück und Heil!
Auf Weh und Wunden gute Salben!
Auf groben Klotz ein grober Keil!
Auf einen Schelmen anderthalben!“
Wenn wir im Goethejahr aus unserer Sängerschaft die
otillen und Besinnlichen, die Tapferen und Starken, die
ßläubigen und die des Glaubens und der Andacht Fähigen
iufrufen, so geschieht es mit dem Rat, zuerst sich einmal
n das Leben Goethes zu vertiefen, das schließlich sein
reifstes Kunstwerk war. Um dann aus dieser Lebensbetrachtung
ils Frucht zu gewinnen: das eigene Leben nicht zu
„erleiden“, sondern es wahrhaft zu „führen“, mit allen Sinnen
rufgeschlossen zu sein gegen alles, was webt und wirkt, nicht
»ie Hände in den Schoß zu legen — nur das feurige Roß,
»as mutige, stürzt auf der Rennbahn, mit bedächtigem Paß
chreitet der Esel daher —, sondern rasch ins Leben hinein
trebend und hoffend in geradliniger Lebensführung hinanzu—
chreiten, auf der Lebenshöhe — der Grenzen der Menschheit
»ewußt — weit, hoch, herrlich den Blick ins Leben hinein—
urichten und sich die Welt zu Füßen zu legen und dann bei
tärkstem Verantwortungsbewußtsein gegen sich selbst froh
ind warm die Lebensfreude ins Sein hineinzuziehen,
den schäumenden Trank, den frischen Gesundheitsblick. Und end—
ich, wenn die Sonne sinkt, wenn wir nach ehernem Gesetz des
daseins Kreise vollenden müssen, mit dem Gegenspieler Tod
ticht zu markten und zu feilschen, sondern ihm die breite
zrust darzubieten: „Töne, Schwager, ins Horn, rassle den
hallenden Trab, daß der Orkus vernehme: wir kommen,
aß gleich an der Türe der Wirt uns freundlich empfange!“
Dieses über alles Maß reiche, wahrhaft gelebte Leben spiegelt
tun Goethe wider in seinem Dichterwerk, dem persönlichsten
ind allgemeingültigsten wohl, das nach der Bibel Menschengeist
zewegt, Menschenherzen durchglüht hat und von Menschen—
sänden geschrieben wurde, Zeile um Zeile Bruchstück einer großen
donfession. Wie er in ihm so klar und nüchtern die Dinge
jegenständlich sieht, wie sie sind, wie er mit seinem zum Schauen
estellten Auge das Wosentliche und Bedeutende, das Ursprüng—
iche und Volkstümliche am Kleinen und Kleinsten erkennt und
deleuchtet, und wie ihm schließlich alles Irdische ein Gleichnis
»es Unaussprechlichen, des JZenseitigen, des Ewigen ist! Wie
er es in seinen Werken mit den Tüchtigen hält, die alle Ver—
uchung niederschlagen und die Forderung des Tages erfüllen,
nit den Wachsenden und Werdenden, und wie er in ihnen
ile, die es ernst meinen mit ihrer Lebensführung, die strebend
ich bemühen, in ihrem Menschentum vollendet und von aller
zrdenschwere schließlich erlöst! Und welch eine Weite tut sich
neseinen Werken vor uns auf! Wir können uns Goethe
richt denken ohne den deutschen Dom, ohne Main und Rhein,
»hne den Thüringer Wald und den Harz, aber auch nicht ohne
»ie römische Straße, auf der sich ihm Wunder der Zer—
törung erschlossen. Und so weitet sich ihm Heimat und Vater—
and in weiter Zukunftssicht zu Welt und Menschheit: Gottes
st der Orient! Gottes ist der Okzident! Nord- und südliches
ßelände ruht im Frieden Seiner Hände! Wahrlich, wer
ich so in der Stille in Goethes Gedankenwelt vertieft, wird mit
»em Dichter Fest- und Feierstunden erleben, die keine Goethe—
eier zu vermitteln vermag. Er wird wachsen am inwendigen
Menschen und neue Stellung gewinnen zu Welt und Menschen,
zu den Dingen des Tages und zu dem Ewig-Unbegreiflichen
Es wird ihm tiefinnerste Erfahrung:
„Irrtum verläßt uns nie; doch zieht ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.“
Walther Stein
Ich weiß schon, daß es je und je Stille und Starke im
Lande gab, die sich durch feine Empfangsantennen mit den
Strömen verbunden fühlten, mit denen der Gewaltige von
Weimar die Atmosphäre geladen hat. Und wenn er ihnen auch
nur lebendig geblieben wäre in einem Vers, einem Spruch,
zeinem Wort., Für die überwältigende Mehrheit unseres Volkes
aber, namentlich des sogenannten gebildeten, vegetiert Goethe
nur in mehr oder minder prachtvoll gebundenen, aber ver—
taubten Bücherbänden, — seine Spuren sind verweht . . .
Nun soll der 100. Sterbegedenktag ihn wieder er—
wecken, ins Volk tragen, popularisieren. Eine wahre Sintflut
»on Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, Festbüchern deckte mit
ameisenhafter Geschäftigkeit alle seine Beziehungen auf: Goethes
Beziehung zur Naturwissenschaft, zu Wandern und Reisen,
zur Jagd, zur Musik, zum Theater, zur Pädagogik, zur Rechts—
praxis, zur Jugendbewegung, zur Frauenfrage, zur Mode, zu
dofleben, Geselligkeit, Politik Uund Völkerversöhnung, zur Reli—
gion, zur Kirche und zum lieben Gott. Kurz: die Atomi—
ierung Goethes ist so ziemlich restlos durchgeführt, auch
das „Hinterknaxenhauser Wochenblatt“ hat sich ausgesprochen
über Goethes Liebesleben, über die Urpflanze, über Goethe als
Advokaten — und nun kann das Festefeiern der lieben
Deutschen beginnen! Auch Goethe muß es tragen, Deutscher
zu sein. Wer vermöchte das Schicksal des „Gefeiertwerdens“
noch von ihm abzuwenden? Das Signal ist durch die Zu—
älligkeit eines Gedenktages gegeben, und nun stürzen sich alle
dinterknaxenhauser Vereine — selbstverständlich in 180 indi—
ziduell, konfessionell, sozial und parteipolitisch forgfältigst aus—
und abgewogenen Sonderveranstaltungen — auf den Einzigen,
um ihn durch die Mühle von Prologen, Laienaufführungen,
vohlklingenden „begeisterten“ Reden bei Bier und ZSigarren—
qualm, möglichst mit nachfolgendem Ball, langsam, aber planvoll
und restlos klappernd zu zermahlen.
Goethe gehört ganz und gar nicht zu den Komplizierten,
die hinter geheimnisvollen, undeutbaren Worten schließlich aller—
ei Plattheiten vortragen, nicht zu den Verschraubten und
Verbogenen, an die man sich nicht heranzugehen getraut. Ge—
hörte er zu diesen Allzuvielen — wir brauchten ihn heute nicht
erst aus seiner Ewigkeitsgeltung herabzubeschwören! Er steht
bielmehr in der schmalen Reihe der Geradegewachsenen, Ge—
sunden, Tüchtigen, der Weisen, die das Leben nehmen, ge—
stalten, meistern. Es langt bei ihm nicht zur Resignation, nicht
zu feiger Gedanken bänglichem Schwanken, nicht zu jener an sich
durchaus verständlichen Welt- und Menschenverachtuͤng, die sich
in tatenlosem, geistvoll-kritischem Vessimismus verblutet. —
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