Full text : 10.1932-1933 (0010)

Aus der Musikwelt.

Erfreuliche Zahlen in trüber Zeit.
Die bittere Notzeit, die auf unserem deutschen Volle je
länger je mehr lastet, hat uns daran gewöhnt, täglich und
überall Anzeichen des Rückganges und des Niederganges mit
einer gewissen Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Es würde
nicht überraschen, wenn auch auf dem Gebiete des deutschen
Vereinslebens, dem sichtbarsten Ausdruck freiwilligen Gemein—
—
Not zu beobachten wären. Es ist ganz gewiß, daß auch die
deutschen Vereine aller Gattungen schwer unter der Ungunst
der Zeit zu leiden haben und ihren Betrieb trotz äußerster
Einschränküngen nur mit größter Mühe überhaupt aufrecht—
erhallen können. Die Gefahr des Mitgliederschwundes steht
trotzdem als drohendes Gespenst üoerall im Hintergrunde.
Nur der Berein, dessen Wirksamkeit auf wirklich Wertvolles
— VV
überstehen.
Einen in diesem Sinne erfreulichen Schluß läßt die neue Be—
standserhebung des Deutschen Sängerbundes (DEB.) zu, der
ja mit feinen rund eineinhalb Millionen Mitglicdern als eine
der größten Körperschaften auf dem Gebiete des Ideal-Vereins⸗
wesens gelten darf. In dem soeben erschienenen Jahrbuche des
DSB. werden die für das Jahr 1931 ermittelten Vestandszahlen
seiner Gaue, Bünde und Kreise veröffentlicht und zusammen⸗
gestellt und mit Erläuterungen versehen, wovon manches auch
für die Allgemeinheit wissenswert sein dürfte.
Der DSB. zählt in seinen 20 Kreisen des Reichsgebietes
und 2 österreichischen Kreisen insgesamt 36 Mitgliedsbünde
Landesverbände), die wiederum in rund 460 Gaue unter⸗
zegliedert sind, Dazu tritt der Kreis Ausland mit Sänger—
bünden in allen deutschen Siedlungsgebieten in den außer—
deutschen europäischen Staaten und in Uebersee und mit einzel—
nen Vereinen der reichsdeutschen Kolonien im sonstigen Ausland.
Insgesamt umfaßt der DSB. in 10500 verschiedenen Orten
16 4000 Vereine mit rund 1500000 Gesamtmitgliedern, von
denen — bei Einschluß der zurzeit Erwerbslosen — mehr
als 600000 regelmäßig singende Männer sind. Davon ent—
fallen auf das Reichsgebiet allein rund 1260000 Gesamtmit—
glieder, auf Oesterreich rund 85 000, auf die Deutschen in der
Tschechoslowakei ebenfalls rund 85 000, auf das übrige euro—
päifche Ausland rund 20000 und auf das überseeische Ausland
rund 50000 Gesamtmitglieder. Die Gesamtmitgliederzahl hat
gegenüber der bisher erreichten Höchstzahl im Jahre 1929 nur
eine Einbuße von 4 v. H. erlitten, die allein auf das Reichsgebieit

nütze, wo man das letzte Stückchen Brot im Hause ge—
gessen hat?“
Das Wort fiel wie Feuer auf des Stadtpfeifers Haupt.
„Wie? ist vielleicht ken Brot im Hause?“ rief er, jäh
aufbrausend.
„Wir haben heute morgen das letzte gegessen. Gott weiß,
daß ich dir keinen Vorwurf machen will, indem ich's sage.“
Da nahm der Stadtpfeifer seinen Hut und rief: „Ich
will uns Brot holen!“ und eilte zur Türe hinaus.
Der Frau aber ward's bange, und ob sie gleich schon
jetzt in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gar festes, stark—
williges Weib war, wie sie auch ein unbeugsames Mädchen
gewesen, lief sie doch dem Manne nach und bat ihn weinend,
er möge dableiben, sie habe ihm ja kein böses Wort geben
wollen. Aber der Stadtpfeifer war so jählings die Wendel—
treppe des Turmes hinabgesprungen, daß ihre Bitten un—
gehört in den engen Mauern verhallten. Da ging sie zu—
rück in die Stube, legte den Kopf in die Hände und
weinte bitterlich.
Der Stadtpfeifer lief durch die stillen Straßen und
wußte selbst nicht zu welchem Ende. Es war gut, daß es
bereits dunkel geworden; hätten ihn die Leute so laufen
sehen, sie würden gesagt haben, Heinrich Kullmann sei
übergeschnappt.
Boͤse und gute Gedanken stritten sich in seiner Seele
Warum habe ich ein Weib genommen, da ich keines ernähren
kann? Ein so braves Weib und doch nicht recht für einen
Musikanten! Sie faßt mich nicht. Sie fordert Brot, wenn
ich nach dem Bogenstrich Tartinis ringe. Und doch hau
sie recht — muß ich ihr nicht Brot schaffen? Aber ich habe
auch recht. denn wenn ich nur einmol den Bogenstrich qge—

entfällt. Dieser Verlust kann angesichts der zwei schwersten Jahre
nnerdeutscher Wirtschaftsnot als erstaunlich gering bezeichnet
verden.
In einem besonderen Lichte erscheint die Zahl der singenden
Mitglieder des DSB., wenn man den Anteil des jugendlichen
xlements daran betrachtet. Die Bestandserhebung für 1931
jat wieder einmal eine besondere Altersgruppe, nämlich „Sänger
bis 25 Jahre alt“ gezählt. Da hat sich ergeben, daß diese Alters—
zruppe, die nach der Natur der Männerstimme nur die Jahre
etwa vom 18. Lebensjahr umfassen kann, im Gesamtdurchschnitt
23 v. H. der gesamten Sängerzahl ausmacht. Das fällt um
o mehr ins Gewicht, als ja im Chorgesang die Altersgruppen
nindestens bis zum 60. Lebensjahr allgemein tätig sind. Aus
zieser Feststellung ergibt sich also die überraschende und er—
reuliche Tatsache, daß trotz Kino, Tonfilm und Radio, trotz
Mechanisierung der Musik und trotz Verflachung und Ver—
kitschung des Geschmacks, daß trotz allem die heutige Jugend
noch ein gesundes Kunstempfinden und eine erfreuliche Neigung
zur Laien-Musik-Betätigung sich bewahrt hat.
Allerdings ist dieser Anteil der Jugend am Männerchorgesang
richt überall gleich. Hier zeigt die Einzelübersicht auffällige,
a merkwürdige, örtlich genau abzugrenzende Abweichungen
Hanz Ostdeutschland, Nord- und Mitteldeutschland haben einen
zeringeren jugendlichen Einschlag mit einem Durchschnitt von
ztwa 10 bis 15 v. H., über den auffälligerweise nur die reinen
Hrenzgebiete (Ostpreußen, Grenzmark und Schlesien) erheblich
hinausgehen. Der Westen und Süden des Reiches dagegen
hringen einen Anteil der Jugend von durchschnittlich 30, ja
his 38 v. H. auf, wobei bezeichnenderweise auch hier die höchsten
Ziffern in den Grenz⸗ bzw. ehemaligen Besatzungsgebieten
Saanr, Pfalz, Hessen) liegen.
Die Frau als Sängerin hat im DSB. seiner in der Grün—
dungsgeschichte (1862) bedingten und bisher immer noch be—
wahrten Wesensart als Männerchorbund entsprechend, noch nicht
bhreiten Raum gewinnen können. Seit etwa 6 Jahren jedoch
sst in den starren Grundsatz immer mehr Bresche geschlagen
vorden, und vom Jahre 1932 ab wird auch den gemischten
Thören der Zutritt zum DSB. möglich sein. Schon jetzt ge—
jören zu den Vereinen des DeB. rund 580000 Sängerinnen,
und weitere Zehntausende warten nur darauf, daß auch für
sie die Tür zum DSB. sich öffne. Es ist auch hier, ähnlich wie
bei der männlichen Jugend, bezeichnend, daß der stärkste Anteil
der Frau innerhalb des DSB heute schon ebenfalls bei den
FHrenzgebieten zu finden ist, so daß beispielsweise bei den

funden, den ich fühle, dann kann sie wieder ihren Sonn—
tagskuchen backen so groß wie einen Mühlstein. Könnt' ich
ihr nur erst Brot bringen!“
Er suchte nochmals in allen Taschen nach etwas ver—
irrter Münze, allein es fand sich nichts.
So lief der Stadtpfeifer bis über die Lahnbrücke. Jetzt
war er im Freien vor der Stadt. Es war ganz dunkel ge—
worden. Die Spukgestalten, womit der Volksglaube die
Felsschluchten vor Weilburg bevölkert, tanzten vor den
virren Sinnen des Dahinstürmenden und er stutzte plötzlich
und hielt ein, mit Schauern des Spruches gedenkend, daß
der Tag den Lebendigen gehöre, die Nacht aber den Toten.
Er blickte gegen die Stadt zurück. Der Fluß brauste un—
heimlich in der schwarzen Tiefe; das alte Schloß lagerte
ich über den breiten Felsrücken langgestreckt wie eine riesige
Sphinx, die Wache hält an den Türen der Talschlucht. Aber
hoch über den verlassenen Bau, aus dessen Fenstern heute
ein einziges Licht zum Wasser niederglänzte, ragte der
Schloßturm und nahe seiner Spitze leuchtete ein tröstlicher
Schimmer: das war die Kammer, wo Christine saß und
weinte.
Der Stadtpfeifer blickte starr nach dem einzigen VLicht
in der Höhe, und es ward ihm in der Seele leid, daß er
eben so unfreundlich seines Weibes gedacht. Und indem
er so das einzige Licht in der ringsum endlos ausgebreiteten
Finsternis anblickte, fiel ihm ein einfältiger Vers ein, den
er manchmal von seiner Mutter hatte singen hören, der hieß:
„Wem nie durch Liebe Leid geschicht,
Dem ward auch Lieb' durch Liebe nicht;
Leid kommt wohl ohne Lieb' allein;
LQieh“ Fann nicht ohne Leiden sein“
            
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