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Monatiftsschrift 3
Ueber 300 Vereine mit uber Zo ooo Mitgliedern. Herausgegeben im Auftrage des Bundes ⸗ —
von Stadtschulrat Dr. h. e. Hans Bongard und Nektor Waliher Stein, Saarbrücken. B
Ddruck und Berlag der Buch und Kunftoruckerei Sebr. Hofer A.S. Saarbrücken
Bolklingen und Leinzig. Bezugspreis Ar. 5.— vierteliährlich. Einzelnummer Ar. 2. — ⸗
11. Jahrgang
juti 1333
Unsere neue Werlungssingen-Oroͤnung.
Is würde ungerecht sein, wollte man den früheren
E Preis- und Wettsingen jede Bedeutung
für die Aufwärtsentwicklung des deutschen Männer—
chorwesens absprechen. Sie führten die Sänger ver—
schiedener Orte und Kreise, bei den Kaiserpreissingen
die Spitzenvereine sogar aus dem ganzen Reiche, fest—
lich zusammen und förderten so das sangesbrüderliche
Verbundenheitsgefühl in der deutschen Sängerschaft.
Und nach der künstlerischen Seite hin stellten sie vor
den guten Verein den besseren als Vorbild und Er—
zieher.
Je mehr sich aber der Männerchorgesang aus dem
Handwerkerlichen der Liedpflege zu wahrer Kunstpflege
emporhob, mußten die Preis- und Wettsingen an
nneren Widersprüchen zerbrechen. Gesellige
Bindungen, wie sie die Zelter'sche Liedertafel und nach
hr alle Liedertafeln in deutschen Landen beim Singen
in den Vordergrund stellten, mußten zerreißen, als es
galt, große deutsche Kunst, wie sie dem Männer—
chor durch Schubert, Schumann, Mendelssohn, Weber,
Cornelius über Hegar und Neumann zu Kaun und
Lendvai geschenkt wurde, zum Klingen zu bringen.
Kaufleute, Beamte, Handwerker, Bauern, Arbeiter —
die Akademiker hielten sich beklagenswerter Weise meist
zurück — mußten im Dienst am deutschen Lied zu—
ammenrücken, alle Kräfte vereinigen, um satztechnisch
und philosophisch, d. h. dem Inhalte nach dem Kunst—
werk gerecht zu werden. Und da wurde es offenbar,
daß es nicht mehr möglich war, wie bei den hand—
werkerlichen Meistersingern von Nürnberg nach einer
Tabulatur die einzelnen Chorfehler anzumerken, daß
sich Kunst nicht wie jede sportliche Leistung punktieren
läßt, daß sich ihr Dienst kbeinesfalls mit Geld, Trink—
hörnern, Bowlenschalen entlohnen läßt, daß man viel—
mehr vor ihren Gaben andachtsvoll lauschen muß als
oor der Hingabe des inwendigen Menschen an das
Große und Schöne! Der berühmte Meistercellist wird
m Wettbewerb mit den andern Orchestermitgliedern
der Aufführung einer Beethovensinfonie nicht besser
dienen können als durch bescheidenes Einfügen in das
Ensemble, unter den Taktstock des Kapellmeisters, in
die Weisungen der Partitur. In diesem idealen
Wettbewerbe, durch Dienen das Ganze zu schaffen,
sollen alle Orchestermitglieder einander zuvorkommen.
Und kein ernstzunehmendes Orchester wird sich neben
ein anderes stellen, um auspunktieren zu lassen, wer
die IX. Sinfonie am hesten despielt hat. Aber alle
Orchester der Welt werden in einem heiligen Wett—
ißfer entbrennen, Beethoven am tiefsten, klarsten,
reinsten zu verstehen und zur Darstellung zu bringen.
das ist der einzige Wettbewerb, zu dem die Kunst
rufruft, der einzige, an den auch wir unsere Kraft
ind Liebe setzen dürfen. Es sind also nicht nur die
Auswüchse, die sich bei allem Menschenwerk nie ver—
neiden lassen, die sich gegen Preis- und Wettsingen
venden, sondern vielmehr und letzten Endes allein
die innere Unmöglichkeit, hoher Kunst sich hin—
zugeben, wie man ein Fußball-Wettspiel betreibt!
So erklärt es sich, daß sich die Preis- und Wett—
ingen überholt haben, daß sie der Geschichte ange—
zören und daß ihre Zeit endgültig vorbei ist. Kleine,
;»edeutungslose Vereine, die an den Fortschritten, dem
ufstieg des Männerchorwesens in rührendem Dorn—
üöschenschlaf nicht teilgenommen haben, versuchen ge—
egentlich noch einmal mit ihnen ihr Glück. Sie wollen
neist ihren ruinösen Kassenverhältnissen aufhelfen.
Aber infolge der geringen Anmeldungen erwies sich
ruch diese Hoffnung meist als trügerisch. Sie mußten
bsagen. Führende Vereine gingen jedenfalls nicht in
hre Netze. Die hatten wahrlich Besseres zu tun. Es
zjibt vereinzelt Sängerzeitungen, die auch heute
ioch Schrittmacher der Preis- und Wettsingen sind.
xẽin flüchtiges Durchblättern zeigt aber schon, wie
ingelegentlich der als Herausgeber zeichnende „Auch—
omponist“ bemüht ist, dadurch seine Preischöre zu
mpfehlen. Ihnen widmet er Aufsätze, Besprechungen,
a bis in die Briefkastennotizen verkriechen sich die
Zelbstbeweihräucherungen und Lobhudeleien! An der
ünstlerischen Weiterentwicklung unserer Männergesang—
ereine haben diese Blätter jedenfalls keinen Anteil.
Nun fand eben in Essen vor 7000 Sängern eine
zroße, sorgfältig vorbereitete, als Wertungssingen be—
zeichnete musikalische Veranstaltung der rheinisch-west—
älischen Sängerschaft statt. Eingehend berichtet darüber
)r. Ewens in Nr. 21 der Deutschen Sänger—
Bbundeszeitung. Aus diesem bedeutsamen Auf—
atz möchten wir einige Sätze hier anführen. Da
jeißt es:
„Nachdem eine so groß aufgezogene Veranstaltung
»erraucht ist, darf man die Frage stellen, welchen
zweck ein solches Wertungssingen erfüllt und wie evtl.
in weiterer Ausbau zu fördern ist. Da ist dann zu—
aächst festzustellen, daß es sich in Essen überhaupt nicht
um ein Woertunadssingen. sondern um ein Wettsinden