Ddeutsche Ruhtturgeschichte.
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vrmhimushhhhl Nr. 8
Ho sicher es zum wesenthichen Menschen, gehört,
Bin seinem Fache etwas Gediegenes und Gründliches
zu leisten, so sicher vermag er sich vor Selbstüberschätzung
und Engstirnigkeit nicht besser zu schützen, als wenn er
sich ein vffenes Auge und Ohr und ein offenes Herz be—
vährt für Dinge, die jenseits der Grenzen des eigenen
Leistungsgebietes liegen. Nur so erhält er das Mittel in
die Hand, ihm bekannte Werte einzuordnen in die Fülle
der Werte überhaupt. Noch jüngst ist auf dem Bundessuag
don berufenster Seite auf die Gefahren aufmerksam ge—
macht, die aus der einseitigen Pflege des vierstimmigen
Männerchors erwachsen, den man dann leicht wie unter
der Wirkung einer Hypnose für alleinseligmachende Kunst
anspricht. Daß es unsere Aufgabe sein muß, über ihn
zinaus zu wachsen durch verständnisvolles Hineinhorchen
in die überreichen Ausdrucksmittel des gemischten Chors,
der Instrumentalmusik, der poetischen Mittel, in die Sphäre
des geistigen Lebens überhaupt. Das bedeutet nicht nur
einen Gewinn im Sinne einer höheren Allgemein—
bildung, das wirkt sich auch rückläufig wieder aus in
einer viel tieferen inneren Erfassung des
Männerchors.
Das bedeutsamste Mittel, die eigene Leistung und die
eigene geistige Welt in diesem Sinne zu begreifen und
einzuwerten, ist die Beschäftigung mit der Kulturgeschichte,
namentlich mit der Kulturgeschichte unseres
Volkes. Wer es mit ganzem Ernst auß diese Bereiche—
rung des inwendigen Menschen abgesehen hat, der sei
aufs nachdrücklichste auf ein im Verlage Herder KCo.,
Bem. b. H., Freiburg im Breisgau, erschienenes zweibän—
diges Werk hingewiesen, an dessen buchtechnischer und
reicher illusträtiver Ausgestaltung der rühmlichst bekannte
Verlag sein hohes Können und seine ganze Liebe gesetzt
hat. Der Verfasser dieser Deutschen Kulturge⸗
sch ichte ist Friedrich Zoepfl, der aus reicher Sach—
enntnis heraus uns in klargeschauten Bildern den Werde—
gang unseres Volkes vergegenwärtigt. Er bedient sich nicht
des oft genug so trockenen Stils des Gelehrten, der dem
Leser nur zu bald ermüdet und langweilt, sondern der
pannenden, farbenreichen Sprache eines dichterischen Geistes,
die uns in diesem Werke unwiderstehlich in ihren Bann
zwingt. Auf dem Hintergrund der wissenswerten äußeren
Erscheinungen und Geschehnisse erleben wir das Werden des
inneren Menschen, die Wandlungen seiner Seelenhaltung
im Wandel der Jahrhunderte und das Ineinandergreifen
aller materiellen und geistigen Kultur. Der erste, mit
einer Farbentafel und 279 Tertbildern ausgestattete Band
reicht vo m Eintritt der Germanen in die Ge—
schichte bis zum Ausgang des Mittelalters.
Leinenband 23 M.) Er umfaßt die Kultur der Germanen,
die der Wanderzeit, die Kulturarbeit Karls des Großen,
die des dunklen 9. Jahrhunderts, des Zeitalters der
klösterlich-geistlichen Kultur, die Kultur des höfischen und
zum Schluß die des bürgerlichen Zeitalters. Vor uns
lut sich auf der heilige Haäin, das stille Kloster, die stolze
Burg, die schaffensfrohe Stadt. Der zweite Band, der
mit einer Farbentafel und 293 Textbildern ausgestaättet
ist, reicht vo m 16. Jahrhundertbis zur Gegen—
wart GCLeinenband 28 MoH, beginnt mit dem Zeitalter
der Entdeckungen, beleuchtet die grobe Kultur des 16.
Jahrhunderts, die Schrecken des dreißigjährigen Krieges,
die Liebedienerei gegen alles Fremde, namentlich Fran—
zösische, den deutschen Geistesfrühling im Zeitalter der
Dichter und Denker und die entgötterte Welt im Zeit—
alter der Maschine und des Industrialismus.
Es ist für unsere Kreise von außerordentlichem Interesse
zu sehen, wie Lied und Laukte, Gesang und Musib
deutsches Leben über alle Höhen und durch alle Niede—
rungen begleitet hat, wie es überall und immerdar zum
Niederschlag des geistigen Lebens wurde, in dem das
deutsche Volk Stolz und Freude, Glück und Aufstieg hingus—
jube!te in alle Welt, aber auch Schicksal und Not, Leid
und Bitterkeit zu schmerzverklärendem Trost vertiefte. Es
dedarf der Versicherung nicht, daß sich hier dem aufmerk—
samen Leser eine reiche Fundgrube des Wissens und der
Frkenntnis auftut. Wir beagleiten das Erscheéeinen dieses
zegenüber Inhalt und Ausstattung wohlfeilen Werkes mit
värmster Empfehlung! Es ist ein deutsches Hausbuch in
zestem Sinne, übrigens zugleich ein treffliches Geschenk—
verk für heranwachsende Jugend!
Als kleine Textprobe fügen. wir hier einen Abschnitt
iber die Musik der romanischen Epoche an:
„In die romanische Zeit fallen die ernsthafteren Anfänge
»er Glasmalerei. In St. Emeran zu Regensburg ward
ie gepflegt, von da wanderten sie nach Tegernsee. Der
Mönch Wernher von Tegernsee (er lebte um das Jahr
1000 zeigte sich in dieser Kunst besonders tüchtig. Der
Lugsburger Dom besitzt Glasgemälde, die etwa aus der
zeit um 1065 stammen und zu den ältesten der Welt ge—
sören. Ob sie, wie man meist annimmt, in Tegernsee
ergestellt wurden, kann nicht bewiesen werden.
Man hat schon bisweilen gesagt, in den romanischen
dirchen müsse es sehr düster gewesen sein, es habe darin
ein froes, befreiendes Empfinden sich losringen können.
deineswegs. In jedem Besucher muß in diesen hohen,
ernsten Räumen ein feierliches, erhabenes Gefühl erwacht
ein, und wenn dann durch die bunten Scheiben das
Zonnenlicht drang und auf den bemalten Wandflächen,
ruf dem goldschimmernden Altar, auf den buntgewebten
Vandteppichen und den goldbestickten Ornaten der Priester
pielte, soll da das Auge und das Herz des Menschen nicht
roh und hell geworden sein? So anspruchsvoll wie wir
var der Mensch damals noch nicht, und einen einzigen
Zztrahl von Licht nahm er dankbarer aufß als wir einen
ranzen Bündel.
In der Kirche erwartete den Menschen auch ein Genuß,
den er sonst nirgends fand — er trat in den Bann edler
NMusik. Wohl begleiteten die fahrenden Spielleute ihre
WVeisen mit der Härfe oder sie spielten mit Pfeife und
xlöte zum Tanz auf grüner Wiese. Aber das war Bänkel—
ängermusik, das war keine Kunst. Kunst war dagegen
»er Choral der Mönche, und gar, seitdem unter dem
Finfluß von Cluny auf vollendeten Vortrag des Chorals
o großes Gewicht gelegt wurde. Auch im mehrstimmigen
Besang versuchten sich die Mönche bereits. Den Gesang
»er Mönche und Kleriker begleitete wohl in allen größeren
dirchen eine Orgel, die freilich noch wenig leistungsfähig
var Im Dienste der Kirche standen auch andere Instru—
nente, wie Horn, Trompeéte, Flöte, Pfeife, Pfalterium
eine Art Leier), Rota (eine Art Geige), Organistrum (eine
Art Gitarre), Zimbeln (Metallplatten, die aneinanderge—
chlagen wurden).
Da die Kirche dem Gesang so große Bedeutung beimaß,
eschäftigten sich Mönche und Kleriker mit der Musik.
zchön guß der Schulbank wurde die Jugend eingeweiht
ndas kunstvolle Gefüge und Geschlinge der Töne, sie
ernte singen, Pfeife und Flöte blasen. Manches Kloster
var weithin berühmt wegen seiner Sängerschule, so Metz,
Fulda, St. Gallen, Reichenau. Gelehrte Mönche schrieben
n Anlehnung an antike Vorbilder tiefgründige Abhand—
ungen über das Geheimnis der Töne und über die rechte
Lflege der Musik. Eines der berühmtesten musikalischen
Verke des Mittelalters war die Muslca Enchltriadis; der
Lerfasser, wohl Abt Hoger von Kloster Werden a.d. Ruhr,
erbreitete sich dariuͤ bereits über den mehrstimmigen
Hesang. Die Gelehrten ersetzten nach und nach auch
die schwierige Notenschrift der Neumen durch neue, wesent⸗
lich einfachere Tonzeichen, aus denen sich dann unsere
Notenschrift entwickelte. Sie dichteten für den Gottes—
dienst neue Hymnen und erfanden neue Melodien. Wipo,
»er Hofkapsan Kaiser Konrads II. und Erzieher
Zeinrichs III., dichtete die gedankenreiche und klangschöne
Bstersequenz: vVictimae paschali laudes, die, wenn sie in
der Osterokatav gesungen wird, jedes fühlende Herz er—
zebt. Der lahme Reichenauer Mönch Hermannus aber
timmte jenen tieffrommen, zarten Hymnus auf Maria,
die Königin, die Mutter, die Vögtin an, der heute noch
»on allen Lippen klingt, das Salve regina.“
Walther Stein.