Full text : 9.1931-1932 (0009)

guulprnin
eines Quartettes zwischen die Chornummern zu setzen.
Also Nr. 1: Chor, Nr. 2: 1. Satz, Nr. 3: Chor, Nr 4:
2. Satz u J. f. Vermutlich hat, sich der liebe Wolfgang
Amadeus Mozart dreimal in seinem Grabe umgedreht,
als sein unsterbliches Werk arzneilöffelweise eingegeben
wurde. Eine Unmöglichkeit ist auch ein Streichquartett für
2 Soloviolinen, wie auf einem Programm zu lesen war.
Es wunderte mich gar nicht, auf demselben Programm
neben anderem Kitsch auch dem berühmten „Großmütter—
chen“ zu begegnen. Nur auf rein äußerlbiche Män—
gel, die mir aufgefallen sind, möchte ich noch hinweisen
in der sicheren Erwartung, daß diese dann in Zukunft
verschwinden werden. Daß die Namen von berühmten Ton—
meistern, wie Beethoven, nicht falsch geschrieben werden
dürfen, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Häufig
jehlen wichtige Angaben, z. B. die Namen der Kompo—
disten, der Textdichter, der Mitwirkenden. Ja, sogar der
Namen des Chorleiters als des verantwortlichen Redak—
teurs, ist manchmal, ob mit oder ohne Absicht, weg—
gelassen. Anerkannt soll sein, daß eine stattliche Anzahl
von Programmen in jeder Beziehung einwandfrei und
einige davon geradezu vorbildlich sind.
Wenn der Bund mit Recht darauf bedacht ist, uner—
müdlich die Fortbildung der Chormeister durch Kurse und
Dirigententage zu fördern, so ist die allgemeine Aufmerk—
samkeit bisher noch zu wenig auf einen wunden Punkt
m Chorwesen gerichtet worden, nämlich auf den Sängernachwuchs.
 Es ist zwar sehr erfreulich, daß die Vereine
im S. S. B. starken Zuwachs von jugendlichen Sängern zu
»erzeichnen haben, im Gegensatz zu manchen Vereinen im
Reich, die auf dem Aussterbeetat stehen, weil ihnen der
Nachwuchs fehlt. Ich betone, es ist ein sehr erfreuliches
Zeichen im Zeitalter des Sportes. Aber die Klagen der
Thorleiter bezüglich der musikalisch und stimm—
ich schlechten Vorbildung des Sängernach—
wusch ses werden immer lauter. Die übergroße Mehr—
heit der neuaufzunehmenden Sänger besteht nämlich aus
pogenannten Musikanalphabeten (d.h der Noten—
schrift Unkundigen). Wenn es richtig ist, auf Grund von
tätisteschen Angaben über den Prozentsatz der Analpha—
beten in argend einem Lande Schlüsse auf das Kultur—
niveau des betreffenden Volkes zu ziehen, so unterliegt
es keinem Zweifel: Je geringer der Prozentsatz der Musik⸗
analphabeten in einem Chor, desto größer die musikalische
deistungsfähigkeit des Chores. Wie mühsam und zeit—
raubend es ist, mit einer notenunkundigen Sängerschar
ein, wenn auch noch so einfaches Lied einzustudieren, da—
von wissen unsere Chorleiter ein gar trauriges Lied zu
singen.“ Zeitgenössische. schwierige, polyphon gehaltene

NRr. 5

Juesh Saar-Sänger-Bund Jsꝰ

Seite 63

Verke, von atonalen Stücken ganz zu schweigen, sind mit
Nusikanalphabeten unmöglich, zu bewältigen. Manche
chorleiter sind darum dazu übergegangen, Notenkurse
inzurichten; aber das ist in, den meisten Fällen die
einste Danaidenarbeit, denn bei neueintretenden Sängern
nuß immer wieder von vorne angefangen werden. Es
önnte und müßte anders sein, wenn die Schule mehr
ils bisher die Notenschrift zur Grundlage des Musik—
interrichtes machte. Heute mehr als jemals gilt das be—
ühmte Wort des großen Musikpädagogen Hermann
dretschmar: „In der Schule entscheidet sich das
5chicksal der deutschenn Musik.“ Große Reform—
estrebungen knüpfen sich an den Namen dieses Vorkämp—
ers der deutschen Schulmusik. In den Nachkriegsjahren
am eine neue Reformwelle, die sämtliche an der Schul—
ausik Interessierten zu erfassen suchte. Unsere Saarheimat
lieb infolge ihrer Abgeschlossenheit davon so ziemlich
inberührt, bis ein Ausläufer dieser Bewegung unsere
»eimat berührte. Im Herbst vorigen Jahres fand näm—
ich eine musikpädagogische Tagung in Saar—
»rücken statt, die allerdings von seiten derjenigen, die
»s besonders nötig gehabt hätten, nicht entsprechend be—
ucht war. Nach wie vor wird nämlich in vielen Schulen
zes Saargebiets in der Singstunde noch nach der alten
ogenannten Vogelorgelmethode verfahren, d. h., es wird
hlecht und recht auf der Geige vorgespielt und ebenso
Hlecht und recht nachgesungen. Natürlich ohne die
denntnis der Notenschrift, die unerläßlich ist zum be—
zußten und selbständigen Singen und Musizieren. Das
nwürdige Verfahren, Menschen wie Papageien zu be—
‚andeln, war schon vor 20 Jahren durch Ministererlaß
usdrücklich untersagt. Es ist kein Wunder, wenn viele
unge Menschen nach ihrer Schulentlassung überhaupt nicht
aehr singen und auf die Werbebemühungen der Chor—
ereine nicht im geringsten reagieren. Diesen jungen
Nenschen ist nämlich auß der Schulbank die angeborene
Nusizier- und Singfreudigkeit abhanden gekommen und
ie sind für unsere ideale Sache endgültig verloren. Im
damen unserer großen Organisation richte ich von dieser
Ztelle aus die herzliche und dringende Bitte an alle, die
s angeht, sich doch ihrer Verantwortlichkeit dem Musik—
eben unseres Volkes gegenüber mehr bewußt zu sein und
»afür zu sorgen, daß der Schulgesangsunterricht zukünftig
iuf die solide Grundlage der Kennknis der, Notenschrift
estellt wird. Dann werden in absehbarer Zeit die Klagen
iber den Musikanalphabetismus allmählich verstummen
ind eine notenkundige, sangesfreudige und musikverstän—
»ige Generation wird das Chorwesen zu einer neuen
zlüte bringen. Philipp Stilz.

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