Full text : 9.1931-1932 (0009)

urhe
dem Tod der Großmutter kehrt Cornelie schweren Herzens
auf das vernachlässigte Gut ihres eigenartigen alten Vaters
zurück. Die beiden Kinder, nun zwölfjährig, gewöhnen sich
schuell wieder aneinander. Christoph ist glücklich, seine
Delphine wieder zu haben. Sie aber macht mit ihm den
Narren. Cornelie will von nun an gar nichts mehr für
sich. Die Werbung Buzzinis weist sse ab. Ihr Lebens—
zweck ist jetzt: für das junge wachsende Leben zu sorgen,
seien es Kinder, Tiere, Blumen, Wiesen, Bäume, AMecker.
Aus den Kindern werden junge Menschen. Christoph tritt
in preußische Dienste, dreizehnjährig macht er einen Feld—
zug mit. Ein schöner, stattlicher Junge, der Stolz seiner
Mutter! Sein Wesen strahlt eine seltene Reinheit aus,
alle, die ihn kennen, müssen ihn lieben, gerade wie es
bei dem Kinde schon war. Delphine ist äußerlich ein ent—
zückendes junges Mädchen gewörden, aber sie ist eine
leichtsinnige Französin. Ihr Vater ist durch Kriegswirren
plötzlich auf dem Gut aufgetaucht als Oberst eines fran—
zösischen Armeekorps und hat hocherfreut seine große
Tochter kennengelernt. Delphine läßt sich von ihrem Vater
als Spionin verwenden, hörcht auf kindliche Weise die
wichtigsten Sachen aus und berichtet sie ihrem Vater.
Cornelie durchschaut die Falsche und ist unglücklich um
Christophs willen, der an ihre Schuld nicht glauben kann
Er hält sie für ein Kind, das von seinem Vater verführt
wurde. Sein Freund Vesper aber blickt klar: Christoph
ist ein Mensch mit einer lebendigen unsterblichen Seele,
doch Delphine ist ein seelenloses Weib, ist es schon immer,
schon in der Wiege, immer 1000 Jahre älter als Christoph.
Aber aller Warnung zum Trotz sieht er in Delphine seine
Braut. Begeistert und glücklich zieht er in den Freiheits—
kampf. Cornelie freut sich mit ihm, doch schmerzliche
Ahnungen durchziehen ihre Brust. Delphine hat nur mit
Christoph gespielt, bald nach seinem Fortgange heiratete
sie einen jungen Schauspieler. Das Schicksal meinte es
gut, trotz allem Schmerz, den es Cornelie bereitete, daß
es den zwanzigjährigen Jüngling draußen auf dem Felde
der Ehré den Heldentod sterben läßt. Sein Freund Vesper
überbringt die“ Todesnachricht: „Christoph ist der glück—
lichste Mensch gewesen, den ich gekannt habe, nicht im
banalen Sinne, sondern weil er Gnade bei Gott und
den Menschen hatte.“ Cornelie hatte ihn sich ja vom
Himmel herabgezogen, und ... „deshalb zog Gott ihn
wieder zu sich ehe die Qual der Welt ihm etwas an—
haben konnte.“
Wir stehen hier vor einem Meisterwerk der genialen
Dichterin, die in weitem Rahmen ein plastisches hist o—
risches Gemälde farbenfrisch zu gestalten wußte, guf
dem Hintergrunde dieses Zeitgemaldes ein erschütterndes
Schicksal wob aus Psychologisch feingeschnittenen
Secelenbildern und die dann über dem Gegenständ—
ichen hinausgreift in die Welt der Ideen: zu dem
lebendigen Glauben an die Kraft der — ——— der
Mutterliebe, zu dem glühenden Glauben an den Sinn
von Well und Dasein, zu dem unerschütterlichen Glauben,
daß die Gebärerin des Lebens, die Mutter, die natürliche
Mission in ihrem Herzen trägt, werdende Generationen
vor neuen Kriegen zu bewahren. Und so ist dieses Werk
beides im eminhentesten Sinne zeitlich und überzeitlich
zualeich. T. Schuhmacher.
Sonhie Hoechstetter.
Wir haben bereits in früheren Frauennummern mit
stärkstem Rachdruck auf die geist- uünd glutvollen Dich⸗
tungen von Sophie Hoechstetter hingewiesen; Königskin'der,
 Romaͤn aus Friedrichs des Großen Jugend,
Königin Luise, ein Roman aus Preußens Unglücks⸗
jahren, und ihre Fränkischen Novellen. Nun erschien
bel Koehler &Amelang in Leipzig, wiederum in treff⸗
licher Ausstattung, Lo is Feerdinand, Prinz, von
Preußen (Gañzleinenband 6 Mk.). Jung, blauäugig
blond, der Abgott des Heeres, der vergötterte Liebling
edler, aber auch unedler Frauen, die letzte Hoffnung der
preußischen Paltrioten, das ist der Held ihres neuesten
Romans. Er mußte den A Bonapartes erleben,
mußte zusehen, wie dieser Kaiser sich anschickte, das einst
mächtige Preußen in eine franzbsische Provinz umzu—⸗
wandeln. Und dabei wurde dieses Temperament, dieses
Genie durch seinen friedliebenden königlichen Vetter zur
Tatenlosigkeit verurteilt. Die unverbrauchte Kraft Prinz
Louis Ferdinands suchte sich ein Betätigungsseld. Durch
eichtfertige Abenteuer wollie er sein Veben ausfüllen.

—R

ueeeessphshhhh Saar-Säuger-Bund IIIih..
Wir erleben in dem Roman die Tragik seiner Doppelliebe
zu seiner, Gewissensgattin Henriette Fromm und der
wpunderschönen Pauline Wiesel. Den Ausgleich aus allen
Wirrnissen und Seelennöten fand der Prinz immer in
der Musik. Die Musik blieb ihm die treueste Freundin,
der auch er, der Unruhige, bis zu seinem Tode, den er
1806 in der ersten preußischen Schlacht gegen Napoleon
and, die Treue bewahrte Was ihm die Musik galt, hat
ihm die Dichterin aufs feinste nachempfunden. Ich erinnere
nur an folgende überaus charakteristische Szene:
„Um Eurer Königlichen Hoheit eine Ueberraschung zu
dereiten, ließ ich Beethovens Eroika einstudieren. Diese
deldensymphonie hat, bei ihrer ersten öffentlichen Auf—
ührung nicht den gebührenden Erfolg gehabt. Es ist mir
zinne außerordentliche Freude und Genugtuung, dieses Werk
zu Gehör eines so großen Kenners und Könners, wie Eure
Zdoheit sind, zu bringen.“
Louis Ferdinand fieberte vor Erwartung. In der
leinen Zwischenzeit des Abstimmens der Instrumente warf
er noch seine Hüldigung für die Damen aus. Beredt, und
venn es am Platz' war, auch die galante Phrase nicht
»erschmähend, hatte er in wenigen Minuten die schönen
oder pikanten Komtessen in seinen Bann gezogen.
Die Musik setzte ein. Die Wucht und Trauer und Tragik
großer Tonfolgen rauschte auf.
Louis Ferdinand hörte wie ein Bezauberter zu. Seine
Begeisterung wuchs bvon Satz zu Saß — und als das
Werk abschloß, war es ihm, wie ein unerträgliches Er—
vachen, ein Ünerträgliches, jetzt Konversation machen zu
sollen. Er sprach dem Fürsten seinen Dank und die leiden—
haftliche Bitte aus, ob wohl dieses ungeheure Werk, für
dessen Verständnis einmaliges Hören ganz ungenügend
sei, auf der Stelle wiederholt werden dürfe.
„Wenn Durchlaucht gestatten — die Musiker können es.“
der Fürst nickte. Und Louis Ferdinand lief zum Kapell—
neister, drückte ihm die Hand, rief ihm Worte des Lobes
zu, bat um Verzeihung, daß er die Kräfte der Kapelle
o beanspruche — aber er müsse diesen Nachmittag noch
dort, und er könne nicht fort, ohne das herrliche Werk
noch einmal gehört zu haben.
die schönen Komtessen und Prinzessinnen staunten. Die
GBrafen und Prinzen wunderten sich. Es mußte doch etwas
dran sein an dieser erschreckenden und aufreizenden Musik,
venn ein königlicher Prinz, und ein so wunderjchöner
Prinz, davon ganz außer sich wurde. —
Und noch eine köstliche Gabe beschert uns der feine Stift
der Dichterin in dem Roman Die wunderliche Erbschaft,
zrschienen im Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser—
Verlag, G.m. b. H., Berlin. (Preis in Halbleder 310 M.
Im Miittelpunkt des Interesses steht eine Erbschaft von
ehr hohem Wert, hinterlassen von einem unverheirateten
Profeffor. Zur Testamentseröffnung werden vierzehn Per—
onen geladen, die sich des Verwandtschaftsverhältnisses
zu dem verstorbenen Professor kaum mehr bewußt sind
ind fich lediglich für sein Erbe interessieren. Sie setzen
sich zusammen aus den verschiedensten Ständen; vornehmer,
hesißender Uradel, verarmter, nach außen feudal schei—
nender Adel, gebildete, künstlerisch interessierte Bürger,
leine Geschäftsleute, Handwerker, Spießer. Der Erblasser
will, daß diese seine Erben sich kennenlernen, daß einer
in die Welt des andern Einblick gewinnt. Er bestimmt,
daß alle Erben, bevor ihnen ihr Anteil ausgezahlt wird,
in seinem Hause gemeinsam ein Jahr verleben. Dieses Zu—
sammenleben briuͤgt bald sichtbare Früchte sozialer Ver—
öhnung. Sie lerüen sich besinnen guf das, was wirklich
den Wert des Menschen ausmacht: das Inwendige.
—A
Anna Hilaria von Eckhel.
Die Heimat Anna Hilaria von Eckhels ist
das an der blauen Adria gelegene Triest, wo Slaven,
Italiener und Deutsche bunt durcheinandergewürfelt leben.
Ihr Vater erbte das blühende Großhandelshaus, das
zurch die Tüchtigkeit seiner aus Oberösterreich eingewan—
derten Ahnen emporgeblüht war. Ihre Eltern, der gute
uind ritterliche vornehme Vater und die liebe Mutter,
gJaben den sieben Kindern eine gute Erziehung. Vor allem
dar es die Mutter, die die junge Anna Hilaria zu dich—
terischem Schaffen anregte. Zu all ihren großen Frauen—
gestalten war ihr die Mutter das leuchtende Vorbild. Mit
hrem Gatten käm Anna Hilarig später ins Innere Deutsch—
sünds. das der Südländerin so viel Fremdes bot. Aber
            
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