Full text : 9.1931-1932 (0009)

Nr. 2IIII

arerrerrrushh Saar-Sänuger-Bund IIu—

— Seite 37

Aus der Welt der Frau.

Die Frau im neuen Lebensraum.
Wir möchten in diesen Frauenaufsätzen zuerst die viel⸗
Vleicht bedeutendste Frau der Gegenwart zu Worte
kommen lassen: Gertrud Bäumer, die einst einer
Frauennummer unserer Bundeszeitschrift ein so feines,
von tiefem Verständnis für unsere besondere Lage zeu—
gendes Geleitwort schrieb. Im Verlage F. A. Herberg,
G. m.ub. H. Berlin erschien soeben ihr neuestes Werk
unter dem Titel: Die Frau im neuen Lebens—
raum (Preis 6 Mk.), das in einer Reihe von Einzel—
auffätzen die ganze Problematik des Frauenlebens der
Nachkriegszeit beleuchtet. In „Die Frau im Wandel
der abendländischen Lebensformen“ sitellt sie
die zwei Daseinsfsormen der Frau: die Ehefrau im
gattungsbestimmten Leben und die einzelne, berufstätige
Frau in ihrer individuellen Lebensgestaltung neben—
einander. „Welche Formen zeigt die Einordnung der Frau
in das geschichtlich-gesellschafkliche Leben?“ Eine ganz
primitive Religion alter Völker sah in der Mutter die
irdische Stellvertreterin der göttlichen Allmutter und
räumte dem Muttertum den Vorrang ein. Im Hellenismus
dagegen begann der Mann den Sieg davonzutragen. Die
Fräu wurde nun von dem „goldenen und duftenden Ge—
fängnis“ des Hauses umschlössen. Befestigt wurde die
Stelklung des Mannes im römischen Staat, aber die alte
religiöse Mutterwürde klingt noch in der Verehrung der
Makrone nach. Mit dem Christentum trat die Frau in
den großen Kampf ein. Sie rang und ringt heute noch
„um den Aufstieg vom Gattungswesen zur Persönlichkeit,
um die Erhebung aus der physischen Naturgebundenheit
zur Freiheit des geistigen Reiches zur Läutéerung ihres
Lebenskreises“. Dieser Konflikt wurde im Zeitalter der
Maschine zu einem weitreichenden sozialen Problem. Denn
die Frau, die in Freiheit und nicht in Naturgebunden—
heit Leben will, ist leicht versucht, ihr Naturhaftes in der
Emanzipation des Fleisches“ oder in der „freien Liebe“
sich auswirken zu lassen, was für Mann und Frau einen
Rückschritt bedeutet. Trotzdem ist das Ziel der Frauen—
kämpfe ein großes, nämlich: „die Durchdringung der
Kulturschöpfung des erdentbündenen Geistes mit Mutter—
tum und des Muttertums mit Geist und Freiheit“. In
dem Aufsatz: Zum 80. Geburtstag von Helene
Langenstellt Wertrud Bäumer das acht Jahrzehnte über—
schauende Leben H. Langes in die deutsche Geschichte von
1848 1928. Helene Lange wurde in der Zeit, in der
der Gedanke añ die deutsche Einheit aufzukeimen begann,
geboren, und sie ist aufgewachsen mit dem Deutschland⸗
lied, das diesen Gedanken verherrlicht, Als sechzehnjähriges
Mädchen lebte sie in Zwiespalt zwischen drei Welten: dem
Religiösen des Christentums, dem Idealismus der deut—
schen' klassischen Zeit und dem Materialismus des
Industrialismus. In diese Zeit fällt der geistige Ur—
Prung der Frauenbewegung, deren Vorkämpferin Helene
Lange wurde, namentlich durch die Erkämpfung höherer
Bildungswege für das Mädchen und durch Gründung der
Zeitschrift Die Frau“, in der die Diskussion über alle
Frauenfragen dauernd in Fluß blieb. Die eigenartige
Stellung der jungen Generation gegenüber der Frauen—
bewegung zeigt Gertrud Bäumer in, Das Genexa—
tiodnsprobdem in der Frauenbewegung: Eine
so grundstürzende Umgestaltung des Frauenlebens, wie sie
sich' durch uns und an uns Tvollzieht, kann nicht ohne
Konflikte und Spannungen zwischen den Generationen sein,
aber sie bedarf auch — und wird sie trotz allem erzwingen
— der Kontinuität' der Generationen. Ein weiterer Auf—⸗
satz beschäftigt sich mit der Frau und dem geistigen Schaffen.
der schöpferische oder schaffende Mann steht fest in einem
Beruf, der für ihn Inhalt und Bestimmung des Lebens
ist. Äus diesem Rahmen heraus entsteht sein Werk, eine
Leistung, um die sich sein Leben konzentriert. Für die
Frau aber entsteht in Ehe und Mutterschaft ein zweiter
Beruf, was für ihr geistiges Schaffen eine Hemmung be—
deutet, denn sie kann sich nicht darauf konzentrieren. Auch
kann sie ihre schöpferischen Kräfte nicht ganz in den Dienst
eines geistigen Schaffens stellen, weil sie wesensgemäß auf⸗
nahmedereiter ift für fremdes Leben und ihre Reaktion bei

persönlichem Schicksal stärker ist, In persönlicher Entspan—
uung verausgabt sie oft vorzeitig ihre schöpferische Kraft.
Wenn die Frau aber schöpferisch arheitet, unterscheiden
ich ihre Werke sehr von denen des Mannes, wie 3, B.
die geschichtlichen Darstellungen des dreißigjährigen Krieges
on Ricarda Huch. „Sie schildert ein wogendes Meer von
Menschlichkeit“. Ihre Helden sind, beherrscht von einer
Ddämonie, und keine menschlichen Pläne und Berechnungen
eiten sie. Daher wird ihr Werk aber auch nicht zuv
Wissenschaft, sondern zur Dichtung gezählt. Die Künstlerin
vird oft von einer großen verstehenden und erbarmenden
Mütterlichkeit zum Schaffen angeregt, wie es bei Käthe
dollwitz der Fall ist, Das ureigenste, Gebiet schöpferischer
Arbeit der Frau ist das Schaffen an der Lebensgestaltung,
un den Lebensformen, wie ja auch die ganze Frauenbewe—
jung eine großartige Schöpfung der Frau ist. Ganz un—
edeutend dagegen ist die Frauenarbeit auf technischem
Bebiet, denn die Technik ist für sie zu reizlos und ent—
dehrt der Anziehungskraft. Der „Frauenwille in der
Polkskultur“ soll bestimmend wirken im Schutz der Fa—
nilie, in der Verantwortung vor der Jugend und in der
ozialen und nationalen Verantwortung. Gütiges Ver—
tehen der Menschennatur, aber auch tiefes Verantwortungs—
»ewußtsein gegen den Menschen und die Gesellschaft spricht
rus ihren Aufsätzen über sex uelle Probleme. Daß
die Ehe heute doft als „Mittel zur Erleichterung der
Zexualnot“ angesehen wird, bezeichnet die Schriftstellerin
n dem Kapitel , Zur Frage der Jugendehe“ als eine
ralsche Rangordnung. Ein neues soziales Problem ent—
teht in der Jugendehe oder „Versuchsehe“, die leicht zu
ösen ist und kinderlos bleiben soll. Eine solche Ehe ist
ür beide Eheteile seelisch untragbar. Auch geht das
chöne deutsche Ideal der Treue, worauf sich eine glück—
iche Gestaltung der Ehe stützen muß, bei diesen Zeitehen
»erloren. Die Dauerehe ist auch heute noch trotz schein—
»aren Verfalls in allen Schichten unseres Volkes die ent—
cheidende Schicksalsmacht. Sie fordert alle Anstrengung
der Gesellschaft, die Qualität des Nachwuchses zu sichern.
In dem Auffatz „Das Wichtige und Unwichtige
n der Polikik“ fordert G. Bäumer, daß die Frauen
im Reichstag in allen politischen Fragen eine Stimme
saben sollen und nicht wie bisher nur auf „humanitären“
ßebieten wie Bildugswesen, Wohlfahrtswesen usw. Die
Frauen stellen noch keine wirkliche Macht in politischem
Sinne dar. Macht' kann die politische aktive Frau nur
zann gewinnen, wenn der Massenwille der, Frauen hinter
hresteht. Die gesamte Frauenwelt aber muß diesen Willen
uͤr Macht erst lernen. Sie muß ihre Forderungen über—
zarteilich vertreten:; „gmmer noch nicht packend genug aus—
gesprochen, immer noch nicht tief genug erfaßt und klar
jenug zum praktischen Ziel gemacht, liegt hier die große
jeschichtliche Mission der Frauen, die, wenn sie erfüllt
vird, das Angesicht der Welt viel entscheidender ver⸗
indern wird als Erfolge oder Niederlagen der einen oder
der andern von dem Dutzend Parteien, aus denen heute
ein fehr kleinlich gewordenes politisches Leben sich zu—
sammensetzt.“ Im letzten Aufsatz beleuchtet die Autorin
die Frauenbewegung als internationale
rscheinung“. Sie sagt: „Die Frauenbewegung und
die Arbeiterbewegung sind die einzigen großen, internatio—
ralen, auf Umbildung der Gesellschaft eingestellten Be—
vegungen. Dadurch ist die Frauenbewegung eine starke,
sielleit neben den Religionen die stärkste Macht über—
rationäler Verständigungen.“ Die Frauenbewegung ist
»ine Entwicklung, die den Menschen so im Kern ver—
vandelt, so entscheidend auf eine neue Ebene des Seins
sebt, daß er sie verleugnen, aber nicht verlassen, sich
Hrer Wirkung nicht entziehen kann H. Streuil

Meine Freundschaft mit Franz Liszt.
In diesen Aufzeichnungen der Gräfin Marie
»'Agoult erleben wir den bedeutendsten Teil ihres
debens: ihre tragische Liebe zu Franz, Liszt.
Wir erleben das Drama, das diese seltene Frau herausriß
aus der Welt, in der sie bisher gelebt hatte, das sie neue
Wege gehen ließ und ihr Leben bestimmte.
            
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