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ersten Stunde nach einem Souper zu verringern, ist man
nicht ehrlich genug.
Nein, das alles muß nicht so sein. Die Musikist eine
häusliche Kunst und kann eine wahre häus—
hiche Kunst heute noch ebenso gut sein wie in
zräheren Zeiten. Es braucht keiner Berufskünstler,
einer glänzender Virtuose zu sein, um im Hause eine musi—
kalische Unterhaltung zu veranstalten, ganz abgesehen vom
Musizieren in der Familie oder im engen Familienkreise,
vas ja immer das Schönste von allem bleibt. Es würde
sogar' in der Gesellschasft nicht einmal sehr weit vorge—
rückter Dilettanten bedürfen. Ebenso wenig brauchen die
ichwierigsten und tiefsten Werke aufgeführt zu werden. Es
kommt ja nicht auf die Form an, sondern auf den Geist, in
dem die Kunst zu uns spricht. Und hier erkennen wir, daß
der Niedergang der Hausmusik nur eine Teilerscheinung der
großen Krankheit unserer Kultur ist; daß die Ursache darin
liegt, daß unsere gesamte Lebensweise so unkünstlerisch, im
schlimmsten Sinne unpersönlich und unharmonisch ist. Man
zeht auch hier nicht auf das Sein, soñdern auf den Schein
aus. Es ist dasselbe nach außen gerichtete Prunken und
Protzen, das unseren Hausbau durch den lächerlichen Auf—
putz verschändet; daß uns die abscheulichen Möbel mit den
eingeklebten Knäufen und aufgeklebten Galerien, mit sich
drehenden und brechenden Säulen in die Stuben gebracht
hat; das unsere Damen veranlaßt, statt der guten Stube
zinen sehr feinen Salon zu haben, in dem man nicht zu
vohnen wagt, daß die Wahl der Nippes- und Gebrauchs—
gegenstände nicht von ihrer Gediegenheit abhängig macht,
sondern davon, daß sie nach mehr aussehen, als sie wirklich
sind. Es ist dies das gleiche Prunken und Mehrscheinen—
wollen, das unseren ganzen Musikbetrieb von vorneherein
auf eine nach außen gerichtete Pflege des Glänzenden
und Virtuosenhaften stellt, das unsere Dilettanten veranlaßt,
Jauptsächlich Werke zu wählen, die beim Vorspielen wirken.
vobei sie dann schwierige, technisch zu anspruchsvolle Stücke
vählen, zu deren Ausübung sie viel zu viel Zeit aufwenden
nüssen. Dabei geht einem dann die wahre Lust zu musi—
zieren verloren, und man büßt die Fähigkeit des echten und
vahren Genusses an reiner und einfacher Kunst ein.
Diese Musikdilettanten sind keineswegs blos für die
Musik im Hause schädlich, sondern auch für unser öffent—
iches Musikleben. Sie verfallen hier dem lächerlichen Per—
onenkultus, der einseitigen Verherrlichung alles Viruosen—
saften, wenn sie nicht überhaupt sich selber für so voll—
vmmen halten, daß sie für die Darbietungen der Berufs—
ümnstler weder Zeit noch Geld übrig behalten. Wir werden
rst wieder ein wahrhaft musikalisches Haus haben, wenn
vir wieder wahrhaft deutsche Häuslichkeit bekommen, wenn
vir wieder Geselligkeit haben werden. Geselligkeit, das
varmherige Miteinanderleben, mit guten Freunden sich
uussprechen, bei einer fröhlichen Gastlichkeit sich vergnügen,
ich näherkommen und gegenseitig erfreuen und bereichern
»ollen, deshalb vor allem sich selber geben, wie man ist,
richt mehr scheinen wollen, als man ist: Das ist Atmosphäre,
n der die Hausmusik gedeiht. Hier kommt es denn gar nicht
iuf technisches Glänzen an, sondern auf wahres Empfin—
»en. Hier will keiner mit seinem Vortrag sich in den
Vordergrund stellen, will nicht andern imponieren, oder
jar ihren Neid erwecken mit seinem Können, sondern jeder
zetrachtet sich selber nur als ein leider immer zu schwäches
Werkzeug, um Menschen, die er liebt und achtet, zu den
seimlichsten Quellen edelster Schönheit hinzuführen, zu Quel—
en, deren Wunderkraft darin beruht, daß sie immer reicher
ließen, je mehr von ihnen getrunken wird.
Seien wir ehrlich und wahr in unserem
Musikleben, dann werden wir wieder eine
echt künstlerische Hausmusit haben!
Dr. Karl Storck.
»vullh Nr. 2
das einstimmige Lied.
ie Pflege, die unsere Männergesangvereine und Gemisch—
ten Chöre dem Volkslied angedeihen lassen, ist
vahrlich von hoher Bedeutung. Weiten Kreisen unseres
Volkes wird so immer wieder in Konzerten Schönheit und
Gemütstiese des deutschen Volksliedes bewußt gemacht. Aber
vir müssen uns unbedingt auch darüber klar werden, daß
der Eindruck schließlich auch bei dem gediegensten Vortrag
der besten Vereine doch nur ein rasch verhallender, ein
lüchtiger Rausch bleibt, bleiben muß. Es wird eben keines—
falls herbeigeführt, daß auf diesem Wege das Volkslied in
unserm Volke wieder erweckt, wieder lebendig gemacht wird.
Denn der mehrstimmige Chor ist vom Volke in seiner Ge—
samtheit nicht so leicht übersehbar, daß dadurch seine
Melodie wirklich weitergetragen würde. Ganz gewiß aber
vird der Wortlaut der verschiedenen inhaltlich doch gebun—
denen Strophen nicht fest genug aufgefaßt und behalten,
daß nun gehofft werden könnte, daß ein im Konzertsaal
mit brausendem Beifall entgegengenommenes Volkslied nun
auch weiterklingen werde auf der Wanderung durch Wald
und Feld, bei der Arbeit an Pflug und Schraubstock, in
Fest und Alttag unserer Familien und Häuser.
Nein, es gJibt wohl nur ein Mittel, es wirklich lebendig
zu machen, lebendig zu erhalten. Das ist die Pflege des
ziünstimmigen Gesanges. Auch unsere größten und
künstlerisch leistungsfähigsten Vereine müßten dazu über—
gehen, daß zu Anfang oder am Schluß jeder Chorprobe
ein vom Chormeister ausgewähltes Volkslied, aber mit
ganzem Text, gesungen und eingeprägt wird. Von ge—
mischten Chören gilt das in gleichem, vielleicht noch in
höherem Maße. Und die heutige, den Frauen gewidmete
Nummer unserer Bundeszeitschrift soll uns alle daran
erinnern, daß es gerade unsere Frauen und Mäd—
chen sind, die von sich aus am stärksten begabt und ge—
meigt sind, das Lied in Haus und Arbeit zu tragen und
die es in der unter ihren Händen heranwachsenden Jugend
als Lebensbesitz unseres Volkes verankern. Das ist jetzt
ichon offensichtlich. Denn die Volkslieder, die wirklich in
unserem Volke noch leben, leben nicht durch die Kraft der
Vereine, den Einfluß von Kirche und Schule, sie leben
durch die Frau, die Mutter. Sie erneuern in jeder
zjungen Goneration das Wiegensiees dacß Ginderlied daos
Zpiel- und Reigenlied. Die Mutter gibt in den Dämmer—
tunden der Adventszeit den Ton an für alle die köst—
ichen Lieder, mit denen unser Volk Jahr um Jahr aus
iltem Kulturbesitz die heilige Weihnacht grüßt. Sie holt
eden neuen Frühling den „Kuckuck“ und den „Mai“ in
»ie Kinderstube. Und so begleitet sie mit den Ihrigen im
e den Kreislauf des zeitlichen und des geistlichen
dahres.
Der Bund müßte vielleicht durch den Musikausschuß ein
diederbüchlein empfehlen oder schaffen zur Pflege des
instimmigen Liedes. Er müßte Anregung geben, daß das
instimmige Lied in der Chorprobe aller Vereine mitge—
»flegt wird, daß es an Familien-, Unterhaltungs- und Fest—
ibenden neben den Männer-, Frauen- und gemischten
Lhören unserer Vereine als etwas gleich wertvolles auch
um Klingen kommt! Er müßte dabei die Mitarbeit
er Frauen und Mädchen, die dem Volkslied mit
zesonderer Liebe ergeben sind, aufs dankbarste begrüßen
Das ist der Weg, ein singendes Volk zu werden!
Walther Stein.
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