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Musiklehrer hat dagegen bei den meisten Eltern einen
sehr schweren Stand. Während diese niemals verlangen
werden, daß ein Sextaner nach einem mehrwöchentlichen
Gymnasialbesuch eine lateinische Rede hält, werden sie
alsbald ungeduldig, wenn ihr Kind nicht nach wenigen
Musikstunden etwas vorspielen kann. Sie sehen nicht ein,
wozu das viele Ueben dienen soll, und können gar nicht
merken, daß ihr Junge vorwärts kommt, während Nachbars
Fritz in derselben Zeit bereits das sechste und siebente
Stückchen vorspielen konnte.
Vorspielen, das ist auch das Hindernis für ein gutes
Musizieren bei technisch Vorgeschrittenen. Vorspielen, natür—
lich vor Gästen, wenn möglich sogar im fremden Hause bei
einer großen Gesellschaft. Diese Absicht wirkt von vorn—
herein auf die Wahl der Musikalien. Eine Sonate
— wie käme man dazu?! Alle Achtung vor dieser mehr ge—
diegenen und gewiß auch künstlerisch sehr wertvollen Lite—
ratur, aber sie tut ja keine Wirengg, sie ist unter Um—
ständen furchtbar schwierig, und kein Mensch merkt es. Nein,
es muß etwas recht Lustiges oder auch sehr Sentimentales
sein; es müssen däbei Läufe und sonstiger äußerlicher Auf—
putz sein, bei dem jeglicher gleich die Schwierigkeiten sieht.
Wie allgemein diese Auffassung ist, zeigt die Tatsache, daß
der Zweig der „Salonmusik“, der ja auf diese Art gegründet
ist, für Verleger und Komponisten weitaus das einträg—
lichste Geschäft ist. Mit dieser Vorspielsucht hängt dann auch
die Einpaukerei zusammen; da man mit möglichster Bravour
vortragen will, übt man immer und immer wieder das—
selbe Stück ein und lernt es mit heikßem Bemühen aus—
wendig.
Und all diese Arbeit wendet man nicht an ein gediegenes
Werk, sondern an ein durchaus auf äußeren Effekt gestelltes
Machwerk. So kommen BVerlogenheit, Aeußerlich—
keit. und Oberflächlichkeit in den Musikbetrieb
unserer Häuser. Ein solcher Musikbetrieb muß für Seele
und Gemüt viel mehr Unheil als Heil bringen; denn an
die Stelle einer seinen Formempfindung tritt äußerlicher
Sinnenkitzel, statt starken Empfindens erhalten wir Sen—
timentalität, statt einer gediegenen technischen Ausbildung
äußerliche Brillanz — die Bezeichnung „brillant“ ist zur
Charakteristik von Salonkompositionen besonders beliebt —,
stätt eines ernsten Seelenerlebnisses falsche Schauspieler—
haftigkeit. Ich übertreibe nicht. Zum Beweise sehe man sich
einmäl den Vorrat an Musikalien in solchen musikalischen
Häusern an oder gedenke dessen, was uns gewöhnlich an
sogenannten musikalischen Abenden geboten wird.
Die Seichtheit der musikalischen Literatur,
die in der Mehrzahl unserer musikalischen Häuser zum Vor—
trag kommt, ist mit ein Hauptgrund der auffälligen Er—
scheinung, daß die Männer sich fast gar nicht mehr um die
Hausmusik kümmern und sie sast ganz den Frauen über—
lassen. Wenn die meisten der heutigen Berufe, ja wenn
schön die letzten Gymnasialjahre das männliche Geschlecht
der Mehrzahl nach zwingen, den in der Kindheit begon—
nenen Musikunterricht wieder auszugeben, so hat das auch
eine gute Seite, insosern dadurch wenigstens der männliche
Dilettantismus eingeschränkt wird: denn ein wirklich musi—
kalisch veranlagter Mensch wird sich auch durch das schwie—
rige Berufsstudium und die größte Berufsarbeit vom Musi—
zieren nie abhalten lassen. Im Gegenteil, diese Stunden
werden für ihn ja zur höchsten Erquickung. Dagegen würde
sicher eine Anzahl dieser Männer mit Freuden im Hause
gediegene Musik anhören. Es ist aber nicht denkbar, daß
ein gebildeter Mensch an der oberflächlichen und äußer—
lichen Salonmusiksoder der Verballhornung wertvoller
Musik, wie sie die Potpourries und „Bearbeitungen“ dar—
ftellen, Vergnügen finden soll. Viel anderes bekommt aber
der Rann im Hause kaum zu hören. Die Folge ist, daß
er sich überhaupt nicht mehr um Musik kümmert, daß er
diese den Frauen überläßt. Wir haben hier genau den⸗
selben Uebelstand wie bei unserer Belletristik, die auch nur
deshalb auf einen so tiefen Stand herabgesunken ist, weil
die Presse ihr Feuilleton ausschließlich auf die Frauenwelt
derechnet und vuch bei den Frauüen nur das äußerliche
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Unterhaltungsbedürsnis zu befriedigen strebt. Daß aber die
Männer der Hausmusik verloren gehen, hat sehr verhäng—
nisvolle Folgen queh sozialer Natur; denn damit wird
ja das wertvollste Verschönerungsmittel der Häuslichteit
virkungslos, und man muß auswärts Anregung suchen, die
man im eignen Heim viel reiner, gediegener und auch viel
billiger haben könnte.
Mit dieser Tatsache hängt aufs innigste zusammen, daß
vir im Hause fast gar keine Kammermusik mehr haben,
und doch ist diese gerade sürs Haus bestimmt und ent—
pricht am reinsten dem Wesen häuslichen Musiktreibens.
Es kommen natürlich nicht die letzten Quartette Beethovens
in Betracht, aber die Literatur ist so unendlich reich, gerade
an Kammermusikwerken, die sich sür den Konzertsaal nicht
eignen, sondern nur im Hause zur Geltung gelangen kön—
ien, daß hier ein ehemals unendlich sruchtbarer Musikzweig
höllig verdorrt ist. Dieses Aufgeben des Kammermusilspiels
zat dann die Einförmigkeit unseres Musiklebens zur Folge,
o daß heute von Musikliebhabern eigentlich nur noch Klavier
ind Geige erlernt werden, die anderen Instrumente aber
»öllig außer Gebrauch gekommen sind. Ja, das geht noch
ziel weiter. Die Oberflächlichkeit, des häuslichen Musik—
»etriebes macht es ernsten und gediegenen Musikern unmög—
ich, für das Haus zu komponieren. Dieses Feld überlassen
ie den Charlatanen; sie selber arbeiten nur noch für den
Virtuosen oder für den Konzertsaal. Sicherlich hängt es
damit zusammen, daß unsere moderne Komposition die
kinfachheit fast völlig verloren hat. Wir dürfen uns eben
riemals verhehlen, daß die Grundlage einer gesunden
Musikliteratur keineswegs im Konzertsaal liegt, sondern im
dause. Denn wie soll im Konzertsaal sür ernste Kunst,
ür wahres Musizieren empfänglich sein, der sich zu Haus
ahraus, jahrein mit Scheinkunst und äußerlichem Musik—
machen begnügt!?
In der schlimmsten Form zeigt sich die ganze Aeußerlich—
keit unseres häuslichen Musikbetriebes bei musikalischen
Abendunterhaltungen, wie sie sich so leicht an
insere gesellschaftlichen Veranstaltungen anschließen. Ich
vill hier nicht die billige Satire schreiben, die jedem ein—
ällt, wenn er an einen solchen Abend zurückdenkt, wo mit
echnisch unzulänglichen Kräften die schwierigsten Aufgahen
»ersucht werden; wo man fast nur Karrikaturen großer
sonzertvorträge erhält; wo sich in der Wahl und der, Zu⸗
'ammenstellung der Vortragsstücke ein geradezu barbarischer
Beschmack bekuündet; wo die Lobhudelei, die man den Vor—
ragenden schuldig zu sein glaubt, an Verlogenheit in un—
erem gewiß nicht sehr wahrhaftigen Gesellschafteleben den
Bipfel erreicht, wo jeder sich langweilt oder ärgert und
einer wirklich genießt, außer den Spielern, die sich natürlich
eine Viertelstunde lang für gottbegnadete Künstler halten,
zie nur ihren wahren Beruf verfehlt haben. Die Männer
liehen an solchen musikalischen Abenden ins Rauchzimmer,
die Frauen geraten sehr bald ins Tuscheln und in die
hiel angenehmere Unterhaltung, über Dienstboten und
doftüme: Die Gesellschaft findet sich höchstens dann wieder
usammen und fängt sich zu amüsieren an, wenn der so—
jenannte ernste Musikteil zu Ende ist und die musikalischen
Flowns etliche Kunststücke auf dem Klavier zum besten
gseben oder verfängliche Couplets vortragen. Dann fühlt
nan sich erlöst, die Kunst ist überstanden, es fängt an. ge—
mütlich zu werden.
Man lacht darüber, aber es ist doch unendlich traurig.
And woher das alles? Man sagt, es seien Dilettanten,
die da spielen, man könne nichts befseres verlangen. Aber
Dilettant heißt doch Liebhaber, und seit wann mißhandelt
nan, was man lieb hat? Seit wann ist es die Ausgabe des
diebhabers einer Kunst, diese möglichst schlecht zu behan—
zesn? Oder man sagt, wenn man gute Musik hören wolle,
folle man eben ins Konzert gehen, hier bei der Gesellschaft
ei die Musit — nun, man sagt nicht, wasz die Musik
ift, denn offen zu gestehen, daß sie weiter nichts ist als
ein Geräusch, um die Sonderunterhaltungen des einzelnen
zu verdecken, daß sie nur dazu da ist, die Lanaweile der
Um züge Lagerhaus Saarbrücken Carl Hillebrand
gzh Dudweiler Straße 87—89, Telephon Nummer 30 und 1195