Full text : 9.1931-1932 (0009)

Nr. 12 Mlr
chorlieder (Effektstückeh sür Kinderstimmen umzusetzen —
eine Barbarei! Und hinsichtlich der Verfrühung bringt
man z3. B. schon in den Unterklassen Lieder mit Halbton—
fortschritten und im Tredeziemenumfang (die Wacht am
Rhein), oder Lieder mit Modulationen, die das noch im
Halbschlummer befangene Musikohr der Kinder gar nicht
fassen kann und die darum notwendig falsch wiedergegeben
werden müssen. (Seht den Himmel, wie heiter.) Solche
Dinge wirken geradezu verwüstend auf den musikalischen
Sinn. Was würde man dazu sagen, wenn man den Kin—
dern im fremdsprachlichen Unterricht falsche Vokabeln oder
ungenaue Flexionen einprägen oder wenn man sie an eine
falsche Reihenfolge des ABC oder der Zahlen gewöhnen
wollte? Und doch läßt sich dem Uebelstand noch verhältnis—
mäßig leicht abhelfen: man verbiete dem Lehrer (der
Lehrerin) der unteren Klassen, solche schwierigen Lieder
singen zu lassen (übrigens fängt der Unfug meist schon
im Kindergarten an). Man stelle überhaupt einen Plan
der für jede Altersstufe passenden Lieder auf — recht
reichhaltig —, damit der Lehrer innerhalb desselben
die Freiheit habe zu wählen, was seinem persönlichen Ge—
schmack zusagt; aber darüber hinausgreifen soll er nicht.
Solche Bindung ist notwendig, weil ja der Gesangsunter—
richt der unteren Stufen in den Händen der Klassenlehrer
zu liegen pflegt, die nur in der Minderheit fachlich dafür
geeignet sind.
Die Frage nach der Methode des Gesangunterrichts
scheint mir von untergeordneter Bedeutung zu sein. Ob
Eitz oder Tonika — Do, ob Solmisation, ob Noten-Ziffern—
oder bloßes Gehörsingen, das ist alles nicht so wichtig für
die Eignung des Lehrenden. Der Musikbegabte kann mit
jeder dieser Methoden Schönes erreichen, dem Unmusi—
kalischen sind sie Krücken, die beim Daraufstützen zerbrechen.
Ich würde jedem Lehrer, der musikalisch und mit der
Technik des Singens einigermaßen vertraäut ist, den Ge—
sangsunterricht getrost überlassen, ohne jede methodo—
logische Bindung. Nur in einem müßte er mir bei—
pflichten, in dem Grundlegenden, nämlich in dem, was
ich eingangs als die Aufgabe des Singunterrichts hinge—
stellt habe. Aneignung eines Liederschatzes ist gewiß ein
schönes, unerläßliches Ziel, aber höher steht die Bil—
dung des Musiksinnes, die Erschließung des Ohres
und Herzens für die Gaben Polyhymnias. Es klingt para—

At Saar⸗Sänger-Bund Isse

uhh Seite 247

dox, aber man wird mich verstehen, wenn ich sage: Im
Besangunterricht ist die Hauptsache nicht das
Zingen, sondern das Hören! Dies ist das Sym—
dolum, unter welches der ganze Singunterricht gestellt
verden muß. Im Singen selber ist das Singen c(die Tätig—
eit des Kehlkopfes) nicht die Hauptsache, sondern das
dören. Die Schüler sollen durch ihr Singen sich selbst
uind anderen einen Ohrenschmaus bereiten.
Dazu aber ist notwendig, daß wir mehr Einzel—
resangsunterricht treiben. Der Chorgesang sollte
mmer erst das sehr vorsichtig versuchte Endergebnis einer
Treff- oder Liederübung sein Man denkt gar nicht daran,
vieviel Empfindungsroheit, wieviel Unmusikalität, wieviel
ichlechtes Gehör sich in solchem Tondickicht versteckt! Man
äßt doch sonst die Schüler nur ausnahmsweise im Chor
prechen. Würde man sonst die Einzelleistungen überhaupt
ennen lernen? Im Gesangsunterricht aber kann man es
⸗rleben, daß der Lehrer, zumal wenn er Fachlehrer ist
ind in vielen Klassen unterrichten muß, die Einzelleistun—
jen seiner Schüler gar nicht kennt. Erst beim Zensuren—
chreiben sieht er sich genötigt, sie einzeln singen zu lassen,
aber das ist dann ohne Bedeutung für die gesangliche
Ausbildung. Massenfabrikate sind Ramschware. Kunst—
verke und Kunstleistungen entstehen nur durch liebevolle
and „individualiserende Einzelarbeit. Das gilt auch vom
Besangunterricht.
Ich muß hier abbrechen und möchte meine Leser nur auf
den genannten Aufsatz hinweisen, wo ich diese wie andere
Zonderfragen des Gesangsunterrichts eingehend behandelt
zabe. Dort habe ich mich bemüht, die Bedeutung der
Musik für die Persönlichkeitsbildung die
Bßedeutung der deutschen Musik für die
»eutsche Bolkskfultur in das rechte Licht zu stellen
und Möglichkeiten zu zeigen, wie sich die Schule, insbe—
ondere die Volksschule, dieser Aufgabe widmen kann. Es
handelt sich um höchste Menschheitsfragen, es handelt sich
uim die Erziehung, wie um die Beglückung unseres Volkes.
Nicht, daß jeder Sonntags sein Huhn im Topfe habe,
ondern daß jeder täglich eine Feierstunde für
seine Seele findet, das ist das Ziel der Kulturarbeit,
die wir Lehrer zu treiben uns bemühen, auch im Gesangs—
unterricht. Ernst Linde,
Gotha.

Musikalische Erziehung und Lehrerbildung.

Der Standpunkt, von dem aus ich die Frage der musi—
Akalischen Erziehung im folgenden betrachte, ist der
des Lehrerbildners. Dieser Standpunkt zwingt dazu, an—
zuerkennen, daß es sich um eine sehr wichtige Frage han—
delt. Je mehr die Quellen musikalischen Lebens im All—
tage versiegen, um so größer und schwieriger wird die
Aufgabe der Schule, um so wichtiger aber guch die Frage
der Vorbildung des Lehrers für diese Aufgabe
Das deutsche Volkstum enthält die Musik als wesent—
liches seelisches Element. Deshalb hat sich die Schule jeder
Art um die musikalische Erziehung der Jugend in mancherlei
Weise bemüht. Die Erfolge haben zu keiner Zeit ganz
befriedigt. Deshalb haben zu allen Zeiten begeisterte
Männer und Frauen Verbesserung und Vertiefung der
musikalischen Erziehung gefordert. Die heutigen Musik—
erzieher stehen aber Tatsachen auf musikalischem Gebiete
gegenüber, die man vor wenig Jahrzehnten überhaupt noch
nicht kannte: den Tatsachen des Grammophons, des Rund—
funks, des Tonfilms. Sie bedeuten Umsturz. Sie be—
deuten Gewinn und Gefahr. Sie bedeuten Ertötung und
ungeahnte Möglichkeiten musikalischen Erlebens. Ob sie
mehr Fluch oder mehr Segen sein werden, das hängt da—
von ab, wie sie sich weiter entwickeln, aber auch davon,
wie sich die Menschen zu ihnen einstellen wollen und wer—
den. Dies wird wieder dabvon bedingt, wie die Wegweiser
und Führer zur Musik die jungen Menschen ausrüsten für
die Begegnung mit den neuen Erscheinungen. Auch die
Schule wird zu ihnen Stellung nehmen, wird sie vielleicht
in ihren Dienst nehmen. Ihre Aufgabe aber wird im
Grunde nicht geändert, wohl aber bedeutend erweitert.
Ein neues Ziel können sie nicht setzen, aber vielleicht geben
sie neue Mittel ab, bieten sie neue Wege, das alte Ziel

»ollkommener zu erreichen. Ziel und Aufgabe aller Er—
iehung, also auch der musikalischen Erziehung, ist der
Mensch, ist die Seele des einzelnen, ist die
Zeele der Volksgemeinschaft. Gesang und Musik
ind seelische Bestandteile, besonders des deutschen Volks—
ums. Darum ist Erziehung durch Musik und zur Musik
Aufgabe der deutschen Schuüle, besonders der Volksschule,
ils deren Aufgabe ich eine schlichte, volkstüm-—
iche Bildung fordere. Einfaches Menschentum braucht
»en Gesang für Arbeit und Muße, für Alltag und Feier.
das ist eine schlichte Tatsache. Darum hat sich einfaches
Menschentum seine musikalischen Ausdrucksformen ge'schaffen.
Vo Menschen der Gesang fehlt, da hat das Menschentum
elbst Schaden gelitten. Das ist gegenwärtig leider in
ohem Maße der Fall. Die Arbeit in den Kanzleien, in
zen Kontoren, in den Fabriksälen duldet keinen Gesang.
Arsprünglichere Arbeitsformen vertrugen sich sehr gut mit
dem Gesang, weil sie wie die Musik ihren Rhythmus
„om Menschen selbst haben. In der modernen Arbeit wird
»er Rhythmus des Arbeitsvorganges von der Maschine
zestimmt, von der Unrast der Zeit vorgehämmert. Um so
tötiger ist das musikalische Element in der Erziehung. Kann
ie nicht der Arbeit dienen, so muß sie die Mußezeit ver—
chönen und veredeln helsen. Denn entwöhnen darf sich
der Mensch nicht von ihr; das wäre wider die Natur. Der
zeistige Verlust wäre doch zu groß. Im Heim, im Garten,
zeim Spiel und Tanz, beim Ruhen und beim Wandern,
bei Volksfesten und bei Feiern müssen Gesang und Musik
chhre beglückende und erfreuende Wirkung ausüben und
hre erzieherische Kraft betätigen. Darum sollen sie in
allen Schulen sorgfältig gepflegt werden. Darum müssen
ruch die Lehrer, vor allem die Volksschullehrer, so ausge—
            
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