Full text : 9.1931-1932 (0009)

Musfikalilche Enziehung.

Mugditalißehe Erziehung ist nicht bloß eine
LEAliebenswürdige Zutat zu den Bildungsgütern, die
man für das Leben braucht, sondern sie hat für den ein—
zelnen wie für das Volk eine tief sittliche Bedeutung
Die alten Griechen legten deshalb auf diese Seite der
Erziehung so großes Gewicht, weil sie der Ueberzeugung
lebsen, daß der Musik selbst ein Ethos — eine innere Be—
ziehung zur Gesinnung — eigen sei. Sie unterschieden
strenge und leichte, ja leichtfertige Tonarten. Sie fanden
in der Musik eine ursprüngliche Kraft, Leidenschaften zu
mäßigen, große Bewegungen der Seele anzufeuern; und
so galt es ihnen als Erziehungsgrundsatzt „Das ganze
Leben bedarf der guten Harmonie und des qauten
Rhythmus.“
Wir sollten uns dieser Wahrheit wieder stärker er—
innern. Die Bevorzugung des Niggerhaften in den
modernen Tänzen ist ein schlechtes Zeichen dafür, wie es
um unsere Seele steht. „Sage mir, was du für Musik
machst, und ich will dir sagen, wer du bist.“ Edle rhyth—
mische Bewegungen, durchseelte musikalische Begleitung
lassen in der jungen Seele Spuren zurück, die ihr eine
Richtung auf das Höhere geben. Alle frühesten Einwir—
kungen der Mutter auf das Kind, ehe noch die Brücke
des sinnhaften Wortes gebaut ist, sind rhythmisch-musika—
lischer Natur. Ein gesunder mütterlicher Instinkt fühlt
das; hastige, abgebrochene Bewegungen, nervöse Unruhe,
eine heftige und leidenschaftlich erregte Stimme schädigen
das Gemütsleben des Kindes im Keim und sind oft die
Ursache eines ebenso unbeherrschten, unharmonischen Tem—
peramentes. Wieviel Mütter gibt es noch, die an der
Wiege des Kindes jene schlichten Liedchen singen, wie sie
ein ursprünglicher, sicherer Volksinstinkt seit Jahrhunderten
überliefert hat?
Das Lied ist Ausdruck seelischer Bewegung,
wie die Welle dem Winde folgt. Geméeinsame Volks—
erlebnisse und ewige Seelenregungen, die der
Gebildetste mit dem Schlichtesten teilt, haben in den Lie—
dern des Volkes ihren Niederschlag gefunden. Darin liegt
eines der größten Erziehundsmittel, die eine Na—

tion besitzt. Wie in der Sprache mütterlicher Geist lebt
und webt — so daß wir von unserer Mu tersprache reden
— lebt im Volksgesang die Verbundenheit der Volksge—
tossen in jenen tiefsten Schichten, die auch der schwerste
dader nicht zerstören kann. Fragen wir uns, wie viel
Lieder wir noch gemeinsam singen können, so werden wir
daran einen Maßstab haben, wie weit wir noch in verbor—
zgenen Seelentiefen uns gegenseitig verstehen und zu
zinem organischen Lebensganzen gehöten. Esz mag heute
venig genug sein! Um so größer und schöner die Aufgabe
derer, die dies gemeinsame Gut treu bewahren und dem
Volk zurückbringen, was ihm einst gehört hat!
Das gilt nicht nur vom Volkslied. Es gilt auch von
enen mupikalischen Schöpfungen, die einmal
einem großen Sohn des Volkes gelungen sind,
venn er ganz tief in sich hineinhorchte. Was da entstand,
var auch Seele des Volkes, Volksseele in großen Erschüt—
erungen und in mächtigen Offenbarungen, die sich im
zohen Kunstwerk ans Licht, oder vielmehr in das Reich
durchseelter Töne hindurchgerungen haben. Jeder weiß, daß
richts so unmittelbar zur Seele spricht, wie Musik, und
doch weiß niemand, wie sie es eigentlich tut. Sie packt
ins da, wo wir lebendig sind, noch ehe das verständige
Wort geboren ward. Aus diesem Mutterschoz entspringt
n uns das tiefste Leid, der schönste Trost, die flüchtigfte
Frregung wie die lang nachhallende Bewegung. die zum
„Grundton“ unseres ganzen Lebens wird. Wie könnte
nan den Menschen tiefer bilden als dadurch, daß man mit
olchen heiligen Mächten zu ihm kommt? In der Stunde
zder gewaltigsten Aufwühlung seines Innern empfand der
zreise Goethe „das Doppelglück der Töne wie der Liebe“.
Beides ist verbunden, weil Musik selbst nichts anderes ist
als klanggewordene Liebe: Liebe zu den Dingen
der Welt und den Menschen; Liebe im Kleinsten wie im
döchsten. Wer dies verstanden hat, der weiß um die letzten
Beheimnisse der Musik, und er weiß, daß er in ihr den
Schlüssel hat zu den letzten Geheimnissen der Seele — der
verdenden wie der entwerdenden. Ednard Spranger,
Rerlin

Zum Schulgesangsunterricht.

Woöhrend meiner vierzigjiährigen Lehrertätigkeit an
XVolksschulen habe ich immer auch Gesangsunter—
richt erteilt und habe ihn, als ein Freund der „holden
Kunst“, und wenn ich gute Sänger unter meinen Schülern
hatte, auch gern ertéeilt. Ueber die Erfahrungen, die ich
dabei gesammelt habe, erfährt der Leser Näheres an den
verschiedensten Orten meiner Schriften, z. B. in meiner
1897 erschienenen „Persönlichkeitspädagogik“. Zum letzten
Mal und abschließend habe ich mich zum Schulgesangs—
unterricht geäußert in der von E. Saupe herausgegebenen,
sehr lesenswerten Schrift: „Deutsches Kulturgut als Grund—
lage der Schule“ (Zieckfeld, Osterwieck i. H 1925) unter
der Ueberschrift: „Deutsche Musik und deutsche Schule.“
Von dem Herausgeber der vorliegenden Zeitschrift gebeten,
ihm einen „ganz kurzen Beitrag“ für die von ihm ge—
plaute Pädagogennummer zu liefern, glaube ich, nichts
Besseres tun zu können, als ein paar Abschnitte aus jenem
Aufsatz hier mitzuteilen.
Als Anfgabe des Schulgesangsunterrichts
hezeichne ich die Erziehund zum mußsfikolishen Häfen

porunter ich dreierlei verstehe: Die Schärfung des Ohres
für die Elemente der Musik (Ton, Akkord, Rhythmus
uswe), die Bildung des Herzens für den Gefühls- und
debensgehalt der musikalischen Werke (Lieder, Stücke, Kom—
dositionen) und die selbsttätige Beschäftigung mit der Musik
durch Singen oder Spielen eines Instrumentes).
Ueber den Gesangsunterricht in der Schule als Mittel
der musikalischen Bildung ist schon viel Tinte verspritzt
vorden, so daß man meinen könnte, es müsse mit ihm
portrefflich stehen. Aber nun horche man hinein in die
dlassen: statt Gesang tönt einem nicht selten Geschrei,
vegröhl und Gegrunz entgegen (besonders in den Unter—
lassen), die Vokalisierung ist unedel, die Konsonantierung
derwaschen, von Ausdruck (Dynamik) keine Spur, gegen
den Rhythmus werden die gröbsten Verstöße begangen —
ich bedaure dies hier nicht mit Notenbeispielen belegen zu
können —, und vor allem: die Wahl der Lieder zeugt
veder von einem gebildeten Geschmack, noch ist dabei die
Reifestufe der Kinder berücksichtigt. In ersterer Hinsicht
hesteht bei manchen Gesangslehrern die Neigung. Männer

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