Full text : 9.1931-1932 (0009)

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3 Ueber 300 Bereine mit über Z0 ooo Mitgliedern. Herausgegeben im Auftrage des Bundes —2 —d
— 3) von Stadtichuirat Dr. h.e. Hans Vongard und Rektor Walther Stein. Saarbrücken. —
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5 ür. 12 11. Jahrgang ã
Gespräch über Musikerziehung.

März 1032

Imn Südwestfunk unterhielten sich Ministerialrat Prof.
Leo Kestenberg, Musikreferent des Preußischen
Kultusministeriums und Initiator der preußischen Re—
formen auf den Gebieten des Schulmusik- und des
Privatmusik-Unterrichts, Prof. Dr. Georg Schüne—
mann, administrativer Leiter der Berliner Hochschule
für Musik, und Hans Rosbaud, musikalischer
Leiter des Frankfurter Senders, über die Zusammen—
hänge von Schu!musik, Privatmusik, Rundfunk sowie
über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auf
diesen Gebieten.
Kestenberg und Schünemann gaben der speziellen Er—
örterung zunächst die allgemeine ideelle und' kultur—
politische Grundlage, indem sie die Absicht, die Taktik
und den bisherigen Erfolg jener Regierungsmaß—
nahmen kennzeichneten. Die Absicht ist an sich nicht
neu: schon die klassischen Meister deutscher Pädagogik
haben den Wert der Musik für die Er—
ziehung zur Menschlichkeit, für die Bil—
dung des menschlichen Innenlebens und
des Gemeinschaftsgeistes erkannt und ent—
sprechende Forderungen aufgestellt. D'ese humanistische
Idee ist aber im Laufe des 19. Jahrhunderts ver oren—
gegangen, bis Kretzschmar und Jaques-Daleroze an
sie anknüpften und die staatliche Musikreform nach
dem Krieg ihre Verwirklichung auf breiter Front in
Angriff nahm. Kestenberg betonte, daß die Schu musik—
reform zunächst einmal den Kampf gegen das
Analphabetentum in der Musik bezwecke in
Form der Vermittlung des Abe der Tonsprache. Schüne—
mann hob als wichtigstes Moment das der Er—
ziehung zur musikalischen Selbsttätig—
keit hervor. Kestenberg und Schünemann erklärten
deutlich, daß man keine „Verschulung“ wolle, son—
dern lediglich die in der Jugend selbst schon vor den
staatlichen Refsormen aufgebrochene aktive Musik—
gesinnung stützen, behüten, pflegen, fördern wolle.
Die in der Schule bisher bewirkten Reformen: in der
höheren Schule die Gleichstellung des Schulmusiklehrers
mit dem wissenschaftlichen Lehrer und der Ausbau des
Gesangsunterrichts zum Hauptfach „Musik“, in der
Volksschule gleichfalls die Verbreiterung des Gesangs—
unterrichts zum Musikunterricht habe sich durch—
gesetzt und könne wohl nicht mehr verloren gehen, so
schwer auch Abbau und Rationalisierung sich im
Augenblick da geltend machen. Auch die Regelung
und Ordnung des privaten Musikunter—
richtswesens habe sich im ganzen erfolgreich be—

währt und werde in Zusammenarbeit mit den Berufs—
organisativnen der Tonkünstler und Musiklehrer er—
zänzend und berichtigend fortgeführt.
Die spezielle Auseinandersetzung über die Rolle der
neuen technischen Mittel, insbesondere des Rundfunks,
 innerhalb dieser Musikpolitik eröffnete Kesten—
herg mit der Forderung, daß es darauf ankäme, die
an sich begrüßenswerten, zunächst aber noch unsicher
gebrauchten technischen Mittel bewußt und möglichst
weitgehend in den Dienst der neuen Musikerziehungs—
dee zu stellen. Ueber die Forderung nach Qualität
der Darbietungen hinaus habe der Rundfunk seine
nufikalische Arbeit zu vertiefen, habe er neben der
Schule und dem Privatmusikunterricht die musika—
ische Volksbildungsarbeit in gleicher Rich—
ung aufzunehmen, zu stützen und zu verbreitern. Ros—
zaud konnte in dieser Hinsicht für den Frankfurter
Sender schon eine ganze Anzahl von Veranstaltun—
jgen als Leistung in Anspruch nehmen: die „Stunde
der Laienmusik“, die „Stunde des Chorgesangs“, die
„Einführung in die musikalischen Grundbegriffe“ und
tricht zuletzt die neue Vortragsreihe „Aufgaben der
Musikerziehung“ selbst, die mit diesem Dreigepräch
zröffnet wurde. Auch gegenüber den von Schünemann
dorgebrachten Befürchtungen der Berufsmusiker und
der Forderung, der Rundfunk solle noch viel mehr als
zisher für die Herausstellung des künstlerischen Nach—
vuchses tun, konnte Rosbaud einige positive Leistungen
des Südwestdeutschen Rundfunks ins Feld führen. Der
Südwestfunk finanziert selbst ein Orchester von 60
Mann; er ergänzt es zum Teil aus dem Nachwuchs
der Konservatorien, er zieht als Verstärkung nur er—
verbs!ose Musiker heran; er veranstaltet gelegentlich
Konzerte von Erwerbslosen-Orchestern; er läßt sich auch
die Förderung begabter junger So' isten angelegen sein.
Allgemein könne in sozialer Hinsicht von den Sendern
unter Umständen noch viel mehr geleistet werden.
Das Dreigespräch war etwas breit aufgezogen und
stofflich überlastet. Gleichwohl war es geeignet, für
die erörterten Fragen das Interesse einer breiten
Hörerschaft zu gewinnen, Gutwillige zu informieren
und Schlechtwilligen mindestens das eine klarzumachen:
daß hier an wichtigen Positionen Männer
arbeiten, die der inneren und äußeren
Not der Musitk weitblickend, verantwort—
lich und tatbereit gegenüberstehen.
Karl Holl.
(Frankfurter Zeitung.)
            
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