spielreisen. Auf diese Weise bereiste er nicht nur sein deutsches
Vaterland, sondern lernte auch alle anderen Kulturländer ken—
nen: Frankreich, Rußland, England, Italien, Rumänien, Griechen—
land, Amerika, die Schweiz. Die Erlebnisse, die er hier überall
hatte, schilderte er in anschaulich-interessanter Weise. Er wurde
so der Künstler von internationalem Ruf. Ueberall gern gehört
und gesehen, als Dirigent Wagnerscher und anderer Werke,
namentlich aber auch seiner eigenen. Es ist selbstverständlich,
daß er auf diesen Wegen durch die verschiedenen Länder mit
den zeitgenössischen Musikergrößen bekannt wurde, oft sich be—
kreundete.
Wie in jedem Künstlerleben, so spielten auch in Weingartners
Leben die Frauen die Rolle der Nornen, die des Schicksals
Fäden golden oder trübe spinnen. Seine beiden ersten Ehen,
auf den Wunsch seiner Mutter eingegangen, gaben ihm nichts.
Aber seine dritte Frau, eine Ameritanerin, die Sängerin Lucille
Marcel, sollte der Glücksstern seines Leoens werden, von dem
er als Knabe geträumt. Ein eigenartiges, geheimnisvolles Band
umschlang sie. Als Leiter der Hosoper in Wien hatte er sie als
Sängerin engagiert. Schon gleich beim ersten Vorsingen war er
überrascht über die seelische Harmonie und den geistigen Adel,
der ihm aus ihrer Stimme entgegenklang. Geheimnisvolle Kräfte
zogen sie zueinander. Er selbst sagt: „Ein Licht glänzte auf.
zwei Ursprünglich-Einige, voneinander gerissen im wirren, un—
durchschaubaren Lauf der irdischen Geschehnisse, hatten sich
wiedergefunden. Wir beide dasseibe Ich; nur in verschiedenen,
sich aber restlos ergänzenden Erscheinungssormen — dies war
das große Geheimnis in uns, das wir enträtselten, ohne daß
wir es uns zu erklären nötig hatten, weil es über allem Wissen
und über allen Begriffen steht, so wie echte Musik darüber
steht. Vergeblich schütteln die Alltagsmenschen über solche Myste—
rien den Kopf odecr spötteln darüber. Sie sind da — aber
nur wer sie selbst erlebt oder fähig ist, sie zu erleben, vermag
sie voll zu begreifen.“ Lucille Marcel brachte ihm Gluͤck, alles,
was er unternahm, gelang — Feinde wurden Freunde. So sagte
ein ihm feindlich gesinnter Kritiker, der sonst alle Kräfte, die
Weingartner engagierte, abwies: Die Stimme der Marcel ist
— DD—
plötzlich anerkannt. Seine Ehe mit Lucille bildete wohl den
höhepunkt seines Lebens in menschlicher und künstlerischer Hin—
sicht. Nach siebenjähriger allzu glücklicher Ehe nahm der Tod
sie ihm hinweg und ließ ihn als einen gebrochenen Mann
zurück. Er war in der Sterbestunde allein bei ihr: „Ein
heller Sonnenstrahl flutete vlötzlich durch das Zimmer. Früher
hätte ich wohl gemeint, er habe ihre Scele mitgenommen. Jetzt
aber wußte ich, wo diese Seele nun weilte — in mir,
in ihrer ewigen Heimat, so wie meine Heimat seit Urzeiten
in ihrer Seele lag.“ Er besand vn von nun an lange, langt
in ganz und gar jenseitiger Einstellung, die seine Lebenskraf
mit Lethargie überschattet hätte, wenn er nicht durch eine
Frauenpersönlichkeit wieder im irdischen Leben festen Fuß gefaß!
hätte, und die ihn auf neue Aufgaben hinwies. Es war eine
Holländerin, die Schauspielerin Roxo Betty Calisch, eine trotz
ihrer Jugend, in sich gereifte harmonische Frauengestalt, durch
die ihm ein spätes Eheglück noch beschieden wurde Sie brachté
seinem vereinsamten Hause Leben und Frische. Kameradin und
Freundin, wie sie ihre Briefe unterschrieb, erleichterte sfie ihm
das Leben und regte ihn zu neuem Schaffen an. Sein Stern,
der sich zu verdunkeln drohte, erhellte sich wieder. Bereits im
s. Jahrzehnt, seines Lebens stehend, sollte ein Jugendtraum
wenigstens teilweise in Erfüllung gehen: Er wurde nun endlich
seßhaft, und zwar in Basel als Leiter des Baseler Orchefters
und als Direktor des Konservatoriums. Hier in Basel sollte
er für alle die Unbill, den Aerger und die Verdrießlichkeiten,
die ihm Berlin und Wien gebracht hatten, vollkommen entschä—
digt werden. Der Meister beschließt den zweiten Baud seiner
Lebenserinnerungen mit folgenden Worten? „So will ich denn
unentwegt und mir selber treu,weiter wirken nach menschlichem
Fapese hier im schönen, alten und doch so jugendfrischen
und lebensfrohen Basel, bis einst das Ende der irdischen Dinge
für mich eintritt. Doch auch dies wird nur ein Anfang sein“
Toni Schuhmacher.
Von der deutschen Sprache.
Der ei le Deutsche. Ja, ist er's, oder ist er's nicht? Die
einen werden sich entrüsten, die anderen werden lächelnd den
Kopf schütteln, aber zustimmen werden die wenigsten: der
Franzose möge wohl eitel sein, aber der Deutsche sei viel
zu wenig secbstbewußt, diel zu sehr geneigt, sich selbst zu
verkleinern. als daß er mit seinen Vorzügen vprähste Tas
Seite 216 ur
plilss Saar⸗Sänger⸗Vunde
ist im allgemeinen gewiß richtig, aber auch er hat seine Eitel⸗
eit. Er weiß, was Bildung unserm Volke bedeutet, und
o möchte er gern gebildet sein oder, wenn das micht möglich,
gebildet scheinen. Nach weitverbreiteter Ansicht ist num
iber Sprachenkenntnis schon Bildung oder doch ein wich—
iger Teil der Bildung, und da jeder, der eine höhere Schule
zesucht hat, eine oder mehrere Fremdsprachen gelernt hat,
o sucht so mancher seine Sprachenkenntnis vor den Leuten
zu zeigen. Tas hat man aber bei uns Deutschen sehr leicht:
nan braucht nur recht oiele Fremowörter in seine Rede ein—
zumischen. Wir denken hier nicht an den freilich höchst be—
LTagenswerten Gebrauch der bei uns üblichen Fremdwörter,
der auf schlechter Gewohnuheit beruht, mit dem man aber
nicht auffällt; wir denken vielmehr an ungewöhnliche, auch
»on sprachkundigen Leuten nicht immer verstandene Aus—
rücke aus frewden Zungen. Wen trifft dieser Vorwurf?
ßesonders unsere Kunstschriftsteller (Ausnahmen sind nicht
allzu häufig); man achte nur einmal auf ihre Zeitungs—
zerichte übger Bühnenaufführungen und Konzerte. Machen
diese nicht oft den Eindruck, als würden sie nicht geschrieben,
um aufzuklärren und Bildung zu verbreiten, sondern um
den Verfahsser in die beste Beleuchtung zu setzen? Aber auch
den Männern der Wissenschaft ist diese Art Eitelkeit durch—
aus nicht fremd. So lag sicher, um ein paar Beispiele
aus neuerer Zeit anzuführen, keine innere Notwendigkeit
»or zu fagen, daß in der neueren deutschen Kultur „dilet⸗
antische Epitomierung“ in Boüche stehe, oder das Leben zu
ezeichnen als die „Katalyse eimer kolloidalen Substamz“,
der zu sprechen von Zeiten hoher Suggestibilität, wie
zeiten neuer Tominanten und Idealismen nach ihrem
Ytoment der Synthese, dec Konzentration zu sein pflegen“.
I)der haben Sie das verstanden? Ich auch nicht. Wenn
ich nun hochgebiudere Männer im dieser Weise spreizen,
zann braucht man sich nicht zu wundern, wenn so mancher
hohlkopf dem erlauchten Beispiel folgt, weißß er doch, daß
zr damit Eindruck macht. Aber was soll man dazu sagen,
daß kürzlich sogar ein Geistlicher, der doch auf schlichte,
volkstümliche Redeweise Wert legen müßte, die Erwaärtung
uussprach, daß der Angeredete sich „decouvbrierte“ und als
ieser das ablehnte, über den „Refus“ empört war? Und
ihnliche Beispiele kann jeder erleben, der nur einmal darauf
achtet. Ruhiges, sicheres Secbstbewußtsein bedarf des Auf—
outzes mit solchen bunten Flittern micht; hätten wür
Teutschen mehr daoon, so wäre diese krankhafte Sucht
bald verschwunden.
R. Palllesbe.
Deutscher Sprachvereinm
arspppu Nr. 10
Finrii
dutte seuttic
nei Anzeigenheslelluns
Nach einer Entscheidung
des Reichsgerichts braucht
flür Fehler in einer Anzeige,
die infolge unseserlich oder
undeutlich geschriebener
Manuskripte entstehen,
kein Ersatz geleistet zu
werden. Anzeigen. welche
einer Zeitung eingesandt
werden, müssen deutlich
desschriehbhen s2in
VIIb
bei der a10
—XWX
er Flalll
Faarbrücken
—X
UInionbriscetts
Siebenpkfeiffer
S- νTονN I8O2 u. 42320
besgische Anthrazit
Brenne u. Anfeuerhose—