Full text : 9.1931-1932 (0009)

Rser. 10 speer
geschwungenes, zur Höhe strebendes Thema (Takt 126
bis 129), das in assoziativen Variationen wieder er—
scheint. Die Orchesterüberleitung zum 3. Teil des
1. Satzes verknüpft die Hauptmotive miteinander, vor
allem Seufzer und Klopfmotiv (Takt 234 und ff.). Es
ist ein raffiniertes Fortspinnen, ein Eigengebären Takt
für Takt und Takt aus Takt.
Der 2. Satz ist in der Grundstimmung weicher,
ruhiger (Bitte). Auch hier ähnlicher Aufbau (drei—
teilige Form) und Anlage (Fortspinnen von Haupt—
motiven). Hinzu tritt die Solostimme in schlichter Me—
lodik. Scharf kontrastiert dazu rhythmisch und archi—
tektonisch der Mittelteil „Der Mensch muß immer in
Streit sein“. Im polyphonen, fugenartigen Aufbau
(eine Engführung fehlt nicht) „bekämpfen“ sich die
Chorstimmen, ein feines rein musikalisches Mittel, das
diese Stelle scharf charakterisiert. In großartigem
doppelchörigen, durch die Solostimme also 9timmigem
Satz schließt dieser 2. Satz, textlich durch das „dein
ist die Herrlichkeit“ überleitend zum 3. Satz, einem
durch das Uebereinanderballen der technischen Mittel
überwältigenden Lobgesang Gottes. Er beginnt zu—
nächst rückschauend und besinnend, an den Anfang des
Vorspiels leise anklingend. Doch ist die dumpfe Ver—
zweiflung gewichen; hoffend, aufstrebend klingt es. Auch
der Choreinsatz „Herr, erbarme dich unser“ hat nichts
mehr von den schmerzlichen Dissonanzen der ent—
sprechenden Stelle im ersten Satz. Selbst das grimmige
„satt sind wir von Schmach, ja übersatt vom Spott
der Feinde“, wobei sich Lendvai den Scherz des Zitats
der Marseillaise in ironischen gestopften Trompeten
leistet, deutet im musikalischen Ausdruck schon die
Ueberwindung dieser Schmach an. „Wie aus großer
Ferne“ ertönt die Mahnung des Solosoprans „Lobet
den Herrn“ in kraftvoll wirkender diatonischer Melodik
(Dreiklang und Sekundschritten), vom Chor in allen
Stimmen nachahmend aufgegriffen. „Und er läßt das
dürre Land wieder fröhlich stehen“ ist ein Idyll in
butterweich fließender Chorpolyphonie, geradezu ein
Schulbeispiel für melodische Selbständigkeit aller
Stimmen. „Fürchte dich nicht“ ist mit dem Solosopran
zusammen ein fünfstimmiger imitatorischer Satz, der
20 Takte lang mit 2 denkbar kurzen Motiven in ab—
wechslungsreicher Arbeit auskommt. In unaufhaltsamer
Steigerung folgt das Meisterstück Lendvaischer Satzkunst,
der Choral „er wird mit Fittichen uns gnädig decken“.
Der cantus firmus (die Choralmelodie) ist dem 1. Tenor
und einem fünfstimmigen Bläserchor anvertraut, der
übrige (dreistimmige) Chor bringt zu den einzelnen Vers—
zeilen bereits von vorher Bekanntes, zu den ersten beiden
Zeilen die melodische Weise des „er läßt das dürre

nuppfhh Saar⸗-Sänger-Bund ur

AAuh Seite 207

Land wieder fröhlich stehen“, zur dritten das „fürchte
dich nicht“, nun aber mit der Umkehrung des Motivs,
also aufsteigend, wie als sei die Furcht in lauter Ver—
trauen und Hoffnung gewandelt, die 4. Zeile „be—
gleitet“ ein neuer frei polyphoner Chorsatz, und unter
die Schlußworte des Chorals baut sich der Chorsatz
„Lobet den Herrn“ von vorher. Ueber dem Ganzen
chwebt in jubelnden Koloraturen der Sopran, wäh—
rend das Orchester pomphaft in würdevollen menuett—
rrtigen Rhythmen begleitet. Noch ist der Höhepunkt
richt erreicht: Unmittelbar schließt sich an „Alles, was
OIdem hat, lobe den Herrn“, in „paariger Imitation“
jefügt, d. h. die beiden Bässe und die beiden Tenöre
ihmen in markanter Thematik (zwei Motive in Gegen—
»ewegung) einander wechselweise nach. Hinzu kommt
»as Allelujamotiv, das ein vorher schon dagewesenes
bei „blühen“, Takt 81--83) wieder aufnimmt, eine
»ersteckte musikalische Beziehung, die bewußt oder un—
»ewußt außerordentlich fein ist. Mit diesen zwei bzw.
)rei Motiven, dazu einer Umkehrung des Dreiklang—
notivs „lobet den Herrn“ findet dieser machtvoll
vpuchtige Schlußsatz, dieser in unerhörter Ent—
adung sich austobende, überwältigende Aus—
lang über hundert Takte lang volles Genüge. Es ist
exstaunlich, wie sparsam Lendvai mit seinem Themen—
naterial umgeht. Alles kommt auf die Arbeit, das
„Setzen“ im alten Sinn an, wieder eine Verwandt—
chaft zu Bach und seinen Zeitgenossen, die nicht in
der Erfindung, im Einfall, wie beispielsweise die
Romantik, sondern im „Setzen“, im Bauen, Weiter—
pinnen die vornehmste Aufgabe des Komponisten sahen.
Lendvais „Psalm der Befreiung' stellt sich
als ein Werk aus einem Guß dar. Polyphone Satz—
unst, starke, nie die Grenzen musikalischer Eigengesetz—
ichkeit verlassende Ausdrucksgewalt, organisches Ver—
nüpfen aller Mittel (Chor, Orchester, Solo) diszipli—
tierte Konzentration, und vor allem tiefes, religiöses
leberzeugtsein von der da gestalteten Welt sind die
Prädikate des Werls. Wenn ich einem Satz den Vor—
zug gebe, nämlich dem 3., so tue ich es aus Ehrfurcht
»or der architektonischen Arbeit darin, die alle Be—
tandteile bei aller Vielfältigkeit und scheinbaren Un—
überschaubarkeit mit bewunderungswerter Selbstver—
ständlichkeit zusammen,paßt“, zusammenschweißt. Im
1. Satz stoße ich mich an gewissen Härten und Ge—
zwungenheiten des Klavierauszugs, die im Orchester
wohl gemildert werden.
Auf das herbe, von strotzender Kraft zeugende Werk
darf der Saar-Sängerbund, für den es geschrieben ist.
stolz fein. Dr. Ernst Stitz.

VViüe

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441

Seit 230 sabr

gibts Bruch Bräu an der Saar
—(Vubcssscsssssescccsssscccscscscscsccssccscsccscscsc,sscccscscsscscccchh
            
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