die Pflege einer gesunden Volkskunst — um der Kunst
wvillen — und eine echte, ehrliche in guten und bösen
Tagen sich bewährende Sängerkameradschaft sind dazu die
un Grundlagen. Die ernstfreudige kulturell-künstlerische
Arbeit führt hinaus über das sast nur auf die wirtschaftliche
Existenz gerichete Denken und Fühlen, über die Ver—
äußerlichungspsychosse unsrer Zeit. Alle auf Veräußer—
lichung und Spekulation gerichtete Interessen schaden
uinsern Vereinen. Nur unbedingte Reinheit gibt einer Idee
sdraft und schafft Verantwortungsgeist. Nur Verantwor—
ungsbewußtsein, Ueberzeugung sind tragfähige Säulen der
Vereine — und auch der Bünde. Der Gesangvperein darf
nicht nur eine Liebhaberei — gar nur ein Sport sein,
der in Rekord- und Bravourleistungen seine Erfüllung
sieht. Ich will gewiß kein Feuerchen entfachen und die
Seelen der Anhänger traditionell geheiligter Einrichtungen
daran zum Sieden bringen. Das aber sage ich: Solange
der Gesangverein sich nicht frei macht von Aeußerlichkeiten
rgendwelcher Art, solange werden Aeußerlichkeiten seine
Existenz bedingen und auch bedrohen; solange die seelisch—
geistige, kulturell-künstlerische Motivierung nicht die grund—
sätzliche und alleinige ist, solange wird der Gesangverein
m Spiel der Kräfte ein eeen baufälliges Gebilde
bleiben. Deshalb kann ich den Satz, daß Wohlstand allein
den rechten Impuls zur künstlerischen oder kulturellen Be—
ätigung gibt, durchaus nicht anerkennen. Ohne die Folge—
reichtigkeit eines Vergleiches beanspruchen zu wollen, will
sch nur an einige Namen erinnern: Beethoven, Mozart,
Schubert, Wagner.
Allgemein glaubt man durch Vorschläge und Hinweise
rein materieller Art — Beitragsverringerung und -be—
treiung, Herabsetzung der Bundesbeiträge usp. — dem
Seite 12 INpe—
VVobo Saar⸗Sänger-Bund —V
ruhh Nr. 9
lebel begegnen zu können. Die Schaffung finanzieller
Erleichterungen für den arbeitslosen und erwerbslosen
Zzänger ist gewiß eine Notwendigkeit, ja eine Selbstver—
tändlichkeit. Es wird dabei nur zu erwägen sein, ob die
luswirkungen solcher Maßnahmen für die Existenz und
zie Tätigkeit der Vereine und Bünde nicht Lähmung und
zar Ausschaltung bedeuten. Wir haben manchen arbeits—
osen Sänger, welcher seinen Stolz darein setzt, seine Bei—
räge zum Verein voll und ganz zu leisten. Manchem
zangesbruder wird es aber auch beim besten Willen nicht
nöglich sein, den vollen Beitrag aufzubringen. Das deutet
nuf die Möglichkeit einer Regelung von Fall zu Fall. Doch
»arüber lassen sich nur Vorschläge machen. Die Verhält—
risse sind zu verschieden um eine generelle Regelung zu
rmöglichen. In meinem eigenen Verein ist ungefähr fol—
zjende Abmachung getroffen worden:
Arbeitslose Sänger, welche Unterstützung beziehen, zahlen
zie Hälfte der Beiträge. Sänger, welche ausgesteuert sind,
zahlen keinerlei Beiträge. Ebenso sind Verheiratete mit
nehr als zwei Kindern, welche arbeitslos sind — also
Unterstützung beziehen — beitragsfrei. Durch eine Hilfs—
asse, welche aus freiwilligen Beiträgen und Geschenken
inanziert wird — Geburtstage, Hochzeiten, Ständchen usw.
— wird es ermöglicht, den NAusfall an Beiträgen auszu—
Ueichen und den Bundesverpflichtungen gerecht zu werden.
Die Arbeitslosenfrage ist jedenfalls nicht nur eine mate—
ielle Angelegenheit. Wir sollten immer mehr den seelischen
bedingungen unserer Vereine nachgehen und unserm Hause
in festes Fundament schaffen. Die Frage ist nun ange—
chnitten und wieder einmal fordert die Schriftleitung zur
Ddiskussion und Wortmeldung auf. Die Sänger haben das
Vort. K. Gödtel, Kaiserslqutern.
Hereinsparlamentarismus.
—— Parlament! Schlagworte, die man
5heute im Zeitalter eines entartenden, politischen
Parlamentarismus ständig hört und liest, ohne ihre nähere
Deutung zu ahnen.
Was heißt überhaupt Parlament? — Das Wort stammt
aus dem Französischen „Parlement“, wäre zu übersetzen
vielleicht mit Sprechversammlung. Nun ist ja die Sprache
die Schwester des Geistes. Von Geist aber ist in den
Parlamenten aller Länder von heute leider nicht- mehr
hiel zu spüren, um so breiter macht sich die Spraché:
„Sprechen, sprechen, sprechen um jeden Preis, so viel und
o laut als möglich, Sinn braucht es nicht zu haben.“
Letzten Endes findet sich ja immer eine Anzahl von Zeit—
zgenossen, die mit einer Schafsgeduld und Resignation ohne—
zleichen immer dieselben Phrasen anhören.
Die Parlamentsmaschine, die dank der Vielredner nur
roch mit größter Mühe in Gang zu halten ist, wäre längst
zum Stillstand gekommen, wenn nicht die tatsächlich zu
leistende er nste Arbeit von kleinen Kommissionen ge—
macht würde, in denen die wenigen fähigen Köpfe taät—
sächlich arbeiten und nicht nur reden.
Im Gegensatz zum politischen Parlament hat das
Vereinsparlament (die Hauptversammlung) den großen
Vorteil, meistens nicht in Parteien zersplittert zu sein
und (zumal in einem Gesangverein), nur für ein Ziel
zu arbeiten, während im politischen Parlament die Zahl
der Parteien und damit die Zahl der gesteckten, weit aus—
einander divergierenden Ziele, ins Unendliche wachsen.
Eimes aber hat leider das Vereinsparlament mit dem
politischen Parlament gemeinsam, eine epidemische Krank—
zeit: „Die Rederitis“.
Nun ist es ja sicher furchtbar traurig, an verhaltener
Rede zu sterben, aber noch trauriger und rücksichtsloser ist
es, müde Arbeitsmenschen, die so viel Pflichtgefühl auf—
bringen, abends noch in die Hauptversammlung zu gehen,
durch unnötige Redeströme um Stunden wichtiger Näacht—
ruhe zu bringen. Denn es handelt sich ja doch meist um
ee mit dem berühmten Mottor Viel Lärm um
nichts“.
Dabei wirkt doch nichts so lächerlich, als wenn jemand,
vor Wichtigkeit ganz geschwollen, auf der Hauptversamm—
lung die abgedroschensten Binsenwahrheiten wiederkäut, sich
zu sjedem Punkteée der Tagesordnung zum Worte meldef
ohne etwas Neues vorzubringen), und damit die Haupt—
rnrsammlungen ganz unnötigerweise verlängert.
Das Plenum hat allerdings den richtigen Instinkt dafür,
ven es ernst zu nehmen hat und wen nicht, wen es auf—
merksam anhören will und wen nicht. Das liegt nicht etwa
ain der Redegewandtheit der jeweiligen Mitglieder, die
ich zum Worte melden, auch sehr wortungewandte Redner
verden gern und aufmerksam angehört, aber nur, wenn
ie wirklich etwas Positives vorzubringen haben.
Daß aber die berüchtigten „Vielredner“, welche, wie
der Berliner so schön sagt, doch nur „Makulatur quat—
chen“, und der unwilligen und gelangweilten Korona die
zeit stehlen, nicht radikal abgesägt werden, liegt an der
Butmütigkeit der deutschen Sänger. Sie begnügen sich
damit, sie auszulachen, — eine viel zu geringe Strafe
ür einen so beschämenden Mangel an Selbstkritik eines
Mitgliedes, das natürlich nie redet, um sich reden zu
zjören! — Bewahre! „Nur im Interesse des Vereins“, nur
rus „Idealismus“!
Ein Vorschlag zur Güte: Bitte bei Hauptversammlungen
tie vom Interesse des Vereins oder vom Idealismus
prechen, adat um so mehr daran denken! Merkwürdig,
»aß gerade die am wenigsten vom Idealismus reden, die
»urch Annahme eines Ehrenamtes praktischen Idealismus
oder stilles Heldentum?) beweisen. Wird diese Selbstent—
iußerung anerkannt? — — — Aus meiner langjährigen
borstandstätigkeit kann ich Ihnen sagen: daß große Sorgen
»der Arbeitsüberlastung gerne getragen werden, daß aber
mpfindsame Gemüter unter den Vorstandsmitgliedern,
»urch vielen Kleinärger, wenn er auch nur durch einige
venige Mitglieder hervorgerufen wird, in ihrer Arbeitsust
im Laufe der Zeit gelähmt werden.
Sollte es sich immer noch nicht herumgesprochen haben,
aß „Ehrenämter“ wenig Ehre und noch weniger Aner—
ennung, dafür aber viel Arbeit und noch viel mehr Aerager
inbringen? — — —
Um noch einmal auf die Hauptversammlung zurück⸗
zukommen: Jeder, der glaubt, etwas Positives zu sagen
zu haben, möge sich zum Wort melden, — sachliche, kurze
dritik ist bei Hauptversammlungen am Plagtze, sogar er⸗—
vünscht. Das gleiche gilt von neuen Ideen. Sonst
iber weise Beschränkung im Reden! Es hat wirklich
einen 2weck. nur um sich reden zu Hören. dasselbe